Dienstag, 8. November 2011

Band 1 / Zu nah am Abgrund / -60

Prolog
I

  ch liege hier an meinem einsamen, sonnigen Strand auf Sardinien  
  und höre die Wellen schlagen. Ich halte eine wunderbare Frau in meinem Arm, sie räkelt sich wohlig und  ich lasse meine Gedanken wandern, weit zurück in die Vergangenheit. Lange vergessen geglaubte Erinnerungen tauchen auf und ich hangele mich an den Ereignissen meines Lebens entlang, schöne aber auch sehr schlimme Bilder tauchen auf und ich gehe weiter zurück, ganz weit zurück in meine Kindheit und meinen Elternhaus.
   Ich hatte unglaubliches Glück, gerade in diese Familie hinein geboren zu sein und sogleich auch fürchterliches Pech. Pech, weil ich zwar eine Mutter, aber keinen Vater hatte, dafür aber Großeltern, Tanten, Onkel, vier Cousinen und Cousins. Alleine im Haus der Großeltern lebten wir mit drei Generationen und drei Familien zusammen. Wobei meine Familie nur aus zwei Menschen bestand, meiner Mutter und mir. Was natürlich eine gewisse Minderheit darstellte und so hatte man uns auch behandelt und das nicht nur in unserer Familie.
   Da war zum Beispiel mein Onkel, der die Welpen meines Lieblingshundes ertränkte, weil er der Meinung war, es seien sonst zu viele Hunde im Haus. Ein Vorwand, mit dem er mir zeigen wollte wer der Herr im Hause war, obwohl das natürlich Opa war, er wäre es aber gern gewesen. Aber mit seinem Verhalten zeigte er mir immer wieder, dass er in der Hierarchie gleich nach meinem Großvater kam.
   Nie werde ich den schrecklichen Moment vergessen, als er mich zu sich rief um mir mitzuteilen, dass er jetzt die Hunde in einen Sack steckt und in dem Brunnen im Garten ertränken wollte und ich sollte dabei sein damit ich auch ja mitbekomme, wie er es macht. Dann hat er die sechs Welpen in einen Kartoffelsack gesteckt, Steine als Gewicht reingelegt, ihn mit einem Seil zugebunden und dann in den Brunnen hinab gelassen. In diesem Moment hätte ich ihn am liebsten ins Gesicht geschlagen oder noch schlimmeres gemacht. Oft wurde ich zu den schmutzigen und unbeliebten Arbeiten herangezogen, obwohl wir, wie schon erwähnt, mit vier Kindern im Haus lebten. Aber der Uneheliche war eben für so etwas immer gut, er hatte ja keinen Vater der ihn mal in Schutz nehmen konnte und meine Mutter, die ja den ganzen Tag arbeiten musste, hat von den Schikanen nichts mitbekommen.
   Aber auch meine Mutter hat unter der Schande, ein uneheliches  Kind zu haben, leiden müssen. Der Pfarrer zum Beispiel hat, auf der einen Seite, von der Kanzel gegen meine Mutter geschimpft, dass sie mich, einen unehelichen Bastard, zur Welt gebracht hat, sich aber, auf der anderen Seite, nach dem Gottesdienst mit meinem Opa in der Kneipe zum Schafskopf spielen getroffen, einem typisch bayrischen Kartenspiel. Mich hat er, obwohl ich immer dabei war, wohlweislich übersehen, als wenn ich pure Luft gewesen wäre. Aber bis auf diese wenigen Ausnahmen, die mir noch in der Erinnerung sind, hatte ich eine unbeschwerte Kindheit und es war schön hier aufzuwachsen.
   Die Begebenheit mit dem Pfarrer war auch der Grund, warum ich unbedingt Messdiener werden wollte, denn meine Devise war:

Gehe in die Nähe deines Feindes, da hast du ihn immer im Auge.

   Aufgrund der sonntäglichen Schafskopfrunden mit meinem Opa und einem vorher geführten, ernsten Gespräch zwischen meiner Mutter, Oma und Opa, hatte ich „Oh gütiger Pfarrer“ die Gelegenheit Messdiener zu werden. Das alles ist natürlich eigentlich nicht erwähnenswert, wenn nicht gerade auf Grund dieser Gegebenheit ein Ereignis stattfand, dass mein späteres Leben stark prägen sollte.


          

1959

E
s war einer dieser wunderbar trägen Nachmittage, wo alle in den Häusern saßen, weil es im Freien zu heiß ist. Die Luft stand und war zum schneiden dick. Der Asphalt auf den Strassen flimmerte vor Hitze. Mich zog es in den Wald, dort erhoffte ich mir etwas Abkühlung und vielleicht, auf dem in der Nähe gelegenen amerikanischen Schießstand, ein paar interessante Funde. Mein Weg führte an der Kirche vorbei, die auf einen kleinen Hügel, am Rand unserer Siedlung stand, sie warf einen einladenden, kühlen Schatten über die Strasse. Wie magisch angezogen, näherte ich mich ihr und legte meine Hand an das Mauerwerk, es fühlte sich wunderbar kühl an. Langsam umrundete ich den Kirchenbau und stand im Hof. Direkt gegenüber der Kirche war das, im gleißenden Sonnenlicht liegende, Pfarrhaus zu sehen, dessen Fenster weit offen standen.
   >Wo war der Pfarrer...<, fragte ich mich. >..Was macht er wohl um diese Zeit und in dieser Hitze im Haus? Sich ausruhen? Kaffee trinken? Oder trank er schon ein Bier?<
   Diese Fragen musste ich unbedingt klären. Ich wusste, dass es als Messdiener nicht erlaubt war, sich dem Pfarrhaus zu nähern. Es war seine Privatsphäre, wie der Pfarrer immer sagte. Wir Messdiener mussten uns immer in der Sakristei treffen und sollten nicht auf den Hof hinter der Kirche gehen. Aber wie gesagt, mich quälten diese beiden Fragen, also schaltete ich mein Denken von Messdiener auf Indianer um und schlich, alles als Deckung nutzend, was sich mir bot, an das Pfarrhaus heran. Endlich stand ich an der Mauer und war geschützt vor den Blicken aus dem Haus.
   Ich drehte mich so, dass ich mit dem Rücken an der Hauswand stand. Mich durchzuckte ein Schrecken, mein Blick hatte jetzt eine Perspektive, die ich noch nicht kannte. Ich blickte vom Pfarrhaus weg in Richtung Kirche, es war ein toller Blick. Die Kirche im Vordergrund, von der Sonne angestrahlt und über die Siedlung ragend, die man im Hintergrund sah. Leise schlich ich um die Ecke des Pfarrhauses herum, von hier bot sich mir ein herrlicher Blick über die Felder und ich blieb einen Moment stehen, um diese Aussicht zu genießen. Ein leises Stöhnen schreckte mich aus meinen Gedanken.
   >Hatte sich der Pfarrer verletzt? Oder war das ein Schnarchen?<
   Ich schaute an der Hauswand entlang und sah, dass auch hier alle Fenster offen waren. Jetzt war es mir egal ob man mich erwischte! Vorsichtig, immer ganz dicht an die Hauswand gepresst, ging ich weiter, bis ich vor dem Fenster stand, aus dem diese Geräusche kamen.
   Mein Herz pochte vor Angst bis zum Hals, aber ich konnte einfach nicht weg gehen, ich musste und wollte unbedingt in das Zimmer sehen. Ganz langsam schob ich meinen Kopf immer weiter Richtung Fensteröffnung, ich war gespannt wie ein Bogen. Langsam konnte ich immer mehr vom Inneren des Zimmers erkennen. Links stand ein Schrank, einer von diesen echten, alten, geschnitzten Holzschränken in die man seine Wäsche hängt, dann die Tür, ein Tisch mit gehäkelter Tischdecke und einer Blumenvase mit schönen Sommerblumen darauf. Drei Stühle standen um den Tisch, auf einem hing eine schwarze Hose. Ich bewegte mich weiter nach links, um noch mehr vom Zimmer zu sehen, musste aber dabei immer die Tür im Auge behalten, denn wenn da jetzt jemand ins Zimmer kommen würde, könnte er mich im Fensterrahmen sehen.
   Weiter rechts kam ein Bettteil in Sicht, es war eins von diesen Betten, die hinten und vorne ein hohes Holzteil haben. Mein Blick sauste immer zwischen Tür und Bett hin und her.
   >Sollte ich den Pfarrer beim Schlafen erwischt haben?< Dieses Geräusch hatte nicht viel mit schnarchen zu tun, es hörte sich eher so an, als wenn er schwer arbeitete und dabei heftig atmen würde.
   >Aber was in Gottes Namen sollte der Pfarrer um diese Zeit schwer arbeiten?<, zumal  schwer arbeiten gar nicht zu ihm passt. Langsam ließ ich den Blick weiter durch das Zimmer wandern. Es kam die Matratze in Sicht, auf der ein paar Füße zu sehen waren, aber diese Füße lagen ja umgekehrt mit den Spitzen nach unten und bewegten sich auch so seltsam. Dann kamen noch ein paar Füße in Sicht, etwas zarter und schlanker. Jetzt vergaß ich alle Vorsicht, eine weitere Bewegung nach links und ich hatte  das ganze Bett vor Augen. Mir stockte der Atem! Ich sah den Pfarrer auf seiner Haushälterin, in einer, mir damals natürlich noch nicht, eindeutigen Stellung. Aber ich wusste was sie taten.
   Eine eiskalte Erregung überkam mich, das war selbst mir schon klar, dass es mit dem Zölibat nichts zu tun hatte. Hatten wir es nicht erst letzte Woche gelernt. Enthaltsamkeit, Zurückhaltung, Glaube an die Menschen? Ich machte kehrt und ging ganz offen und langsam über den Hof und weiter Richtung Wald.
   >Wer sollte mir denn jetzt noch etwas verbieten? Der Pfarrer bestimmt nicht, der machte ja selbst verbotene Sachen<, dachte ich mir.
   Der Tag war nicht mehr so heiß wie am Anfang und alles war noch stiller als vorher. Ich werde es auf jeden Fall für mich behalten, denn es gibt mir die Kraft alles zu überstehen, egal was er in Zukunft von der Kanzel predigen wird, sei es auch die Anprangerung meiner Mutter. Der Wald nahm mich auf. Ich ging weiter Richtung Schießstand und mir kam es so vor, als wenn der Wald mich verschlucken würde.


Sardinien

L
angsam tauchte ich aus meinen Erinnerungen auf, hörte wieder die Wellen rauschen, spürte die Sonne auf meinem Körper und auch meinen Schatz der sich in meinem Arm faul räkelte.
Ich hatte noch ein paar andere Empfindungen und als ob sie es ahnen würde, legte sie mir ihre Hand auf meinen Oberschenkel  und ließ sie langsam kreisen. Die Finger der anderen Hand spielten mit meinen Haaren und das machte mich noch nervöser.
   Wie durch Zufall drehte sie sich so, dass ihr Po an meinem Oberschenkel zu liegen kam. Ich ließ meine Hand langsam über ihre Hüfte in Richtung Busen gleiten, streichelte ganz zärtlich ihre Knospen, die durch den dünnen Stoff zu spüren waren und immer härter und größer wurden.
Meine Hand wanderte kreisend immer tiefer über dem Bauch zum Bauchnabel und von dort weiter zum Bikinirand. Hier machte ich eine kleine Pause um ihn ihr dann langsam auszuziehen. Sie drehte sich zu mir um und tat das gleiche mit meiner Badehose  und schon lagen wir, wie im Paradies, nackt in der Sonne. 
   Nach dem Liebesspiel liebten wir uns langsam und zärtlich, verwöhnten uns gegenseitig und konnten kein Ende finden.
Es war so schön, diese Entspannung danach, ihren Körper zu spüren und sich ganz dicht an sie zu schmiegen. Nach einer Zeit der Ruhe liefen wir zum Meer und gingen ins Wasser um uns etwas abzukühlen, tranken dann kühles Mineralwasser aus der Eisbox und lagen uns schon wieder in den Armen.
Es war so schön warm und still hier am Strand, nur das Meeresrauschen war zu hören. Nach einer Weile hörte ich Eva ganz tief und ruhig atmen, was mich auch schläfrig machte.
   Allmählich verfiel ich wieder in diesen schwebenden Zustand des Tagträumens. Langsam glitt ich wieder zurück in die Vergangenheit und nahm den Faden wieder da auf, wo ich ihn vorher verlassen hatte.
  


1963
  
M
 eine Mutter wollte mir  unbedingt einen Vater geben. Denn, wie sagte man damals so schön:
Das Kind braucht einen Vater, sonst wird nichts aus ihm".
Ja, aber ich sage heute, lieber keinen Vater, als den falschen. Wobei ich auch hier nicht zu hart urteilen sollte, mein Stiefvater war zwar Alkoholiker, aber er hat uns nie etwas getan! Wenn er betrunken war, ist er einfach umgefallen, dann konnten wir zwar immer sein Blut oder das Erbrochene aufwischen, aber gewalttätig ist er nie geworden. Die Heirat meiner Mutter hatte leider auch einen Umzug zur Folge, wir zogen zu meinem Stiefvater ins Sauerland.
   Der Unterschied zwischen dem Sauerland und Bayern liegt in der Sprache und die war ein großes Handikap für mich. Man stelle sich nur einen Bayern im Sauerland vor! Spricht und schreibt kein bisschen Hochdeutsch. Alle haben sich halb totgelacht und ich wurde zum Klassenclown. Das funktionierte auch ganz gut, zumindest in meiner Klasse. Aber eine Lösung für immer war es nicht, da ich mich in dieser Rolle überhaupt nicht wohl fühlte. Auf Dauer musste ich mir etwas anderes einfallen lassen, es kam mir auch schon so eine Idee.
   Da mein Weg über einen einsam Waldweg führte, dachten die anderen immer sie könnten mir auflauern, mir Angst machen oder mich sogar, aus Spaß, verprügeln. Das ging eine Zeitlang so, bis ich die Nase voll hatte und ich mir dachte:
   >Drehe doch mal den Spieß um und erschrecke sie so richtig.<
Im Wald und in der Natur kannte ich mich sehr gut aus! Ich bin oft alleine durch Wald und Flur gestreift und habe meinen Instinkt geschärft, diese Kenntnisse habe ich mir zu nutze gemacht.
   Unser Schulweg führte über einen Berg, links vom Weg ging steil bergab und rechts gab es eine steile Felswand. Ich übte so lange in der Felswand, bis ich diese schnell und sicher erklettern konnte. In den nächsten Tagen sammelte ich mir Steine, die ich in den verschiedenen Nischen der Felswand zu kleinen Häufchen stapelte und sicherte sie so, dass sie jederzeit mit einem Handgriff gelöst und in die Tiefe stürzen konnten.
   Es war ein nasser, nebeliger Tag, genau der richtige Zeitpunkt um meinen Plan zu verwirklichen.
   Sie jagten mich wieder, auf dem Weg zur Schule, über den Waldweg, bis sie vor lauter Nebel nichts mehr sehen konnten. Ich hörte sie laut und aufgeregt hinter mir reden. Weil sie nichts mehr von mir sehen konnten, riefen sie nach mir:
   »He, wo steckst du?«, und ich antwortete ihnen:
   »He, wo seid ihr denn? Passt auf, hier gibt es Wald-, und Nebelgespenster, die fressen kleine Kinder«, rief ich ihnen voller Übermut zu.
   So schnell ich konnte lief ich den Hang hinauf und fing an zu klettern, dabei machte ich sonderliche Geräusche um denen unter mir ein wenig mehr Angst zu machen. Beim ersten Steinhaufen gab ich, Geräusch mäßig, noch ein wenig hinzu und löste die Sicherung. Wenn ich es selbst nicht besser gewusst hätte, ich hätte es auch mit der Angst bekommen. Meine schauerlichen Geräusche, die in der Felswand widerhallten und die fallenden Steine, die sich wie springende Geister anhörten, das war schon unheimlich.
   Das war schon toll, ich war stolz auf mich. Aber zum Freuen blieb mir keine Zeit, ich musste schnell weiter, denn der nächste Steinhaufen wartete und dann noch einer. Endlich war ich oben. Unten hörte ich die Kerle ängstlich nach mir rufen, sie versuchten schnell diesen Bereich des Weges hinter sich zu lassen, was, Gott sei Dank, im Nebel nicht ganz so schnell ging. Sie liefen gegen Bäume und einen Zaun und taten sich, oh wie schade, ganz schön weh.
Jetzt musste ich aber schnell wieder runter zum Weg. Hier oben war der Nebel nicht ganz so dicht und ich kam gerade noch rechtzeitig unten am Weg an, ich hörte schon wie sie hinter mir angerannt kamen.
   »He, hast du das auch gehört?« fragten sie mich. Ich tat ganz cool und sagte:
   »Wenn ihr das Gemurmel meint, das war doch wirklich nicht der Rede wert«. Das war der kleine Anfang der erhofften Veränderung. Langsam sah man mich mit anderen Augen, man sprach mich jetzt nur noch mit dem Vornamen an. Beim Spielen glänzte ich durch waghalsige Sprünge bergab über Stock und Stein und durch mutige Kletterpartien. So machte ich mir so langsam einen Namen als „Der Verrückte“.  
   Tja, das war aber auch der Anfang eines weniger rühmlichen Kapitels in meinem Leben, wie alles hatte auch diese Geschichte eine gute und eine schlechte Seite.
   Da wir in einer Kleinstadt lebten, in der für die Jugendlichen nichts geboten wurde, gründeten sich so nach und nach Gruppen in den einzelnen Stadtvierteln, heute würde man Banden dazu sagen.
   Wir gründeten die Gruppe „Cats” und wir bestanden aus Jungen und Mädchen, die nicht  älter als zwölf bis sechzehn Jahre alt waren, dafür waren wir aber bekannt und gefürchtet als beweglich und schnell, wir waren wie Katzen. Außerdem hatten wir Waffen, die wir auch perfekt beherrschten. In unserem Waffenarsenal befanden sich Pfeile und Bogen, Speere und natürlich Steinschleudern. Was aber der absolute Höhepunkt war, wir hatten ein Lager, das fast uneinnehmbar war. Dieses Fleckchen Erde hatte ich während meiner Streifzüge durch die Wälder erkundet und ausgesucht und man hatte mich auch mit der Planung und Durchführung des Ausbaus betraut.
   Der große Vorteil an dieser Aufgabe war, ich musste nicht die schmutzige Arbeit des Aushebens und Buddelns tun. Unser Lager befand sich, oberhalb einer Fabrik im Berg versteckt. Von diesem Berg ging das Gerücht um, es sollte ein Eingang zu einem unterirdischen Lager aus dem zweiten Weltkrieg geben. Den wollte ich bei Gelegenheit suchen und erforschen.
   Das Lager war nur von oben oder unten zu betreten, von unten kommend, lag rechts ein Steilhang, so dass selbst ich Probleme hatte hier herauf zu klettern. Sollte es doch jemand versuchen, so wäre er ein schönes Ziel für unsere Steine gewesen. Links lagen drei Teiche, die terrassenförmig angelegt waren. Auf dieser Seite gab es schon mal kein durchkommen, da die Teiche sehr tief und kalt waren. Im Bereich zwischen den Teichen und dem Abhang bauten wir Höhlen und Unterstände. Diese waren so gut gebaut und getarnt, dass man sie von oben oder unten nicht sofort erkennen konnte. So waren wir rundherum gut abgesichert. Als Noteingang und Ausgang benutzten wir den mittleren Teich. Hier hatten wir, wie eine Hängematte, einen Steg unter der Wasseroberfläche und nicht erkennbar verlegt und auf beiden Seiten vertäut.
   Das war der Stand als, wie sollte es auch anders sein, die einzelnen Banden sich ausdehnen und vergrößern wollten. Wir hatten in dieser Expansionsphase zuerst kein Problem mit den anderen, aber wir  beobachteten sie mit Argusaugen und verbesserten laufend die Sicherheit unseres Lagers.
   In den Augen der anderen Banden waren wir nicht wichtig genug und so verausgabten sie sich untereinander mit ihren Bandenkämpfen.
   Bis, ja bis eine Bande unser Gebiet benötigte um an eine andere Bande heranzukommen. Wir lagen mitten in der Kampfzone der beiden Gruppen und damit wir rechtzeitig ihr Kommen bemerkten und unsere Leute sammeln konnten, musste immer einer im Lager sein um zu beobachten. Wir erstellten einen Zeitplan, schon früh am Morgen begann die erste Schicht und erst, wenn es dunkel wurde, gingen wir nach Hause. Nicht aber, ohne uns abzusichern, wir bauten um das Lager eine Sicherung bestehend aus Signalleinen, die man automatisch durchriss, wenn man den Weg zu unserem Lager benutzte. Dadurch konnten wir feststellen, ob jemand in der Nähe unseres Lager gewesen war.
   Um einen weiten Überblick zu haben und um unsere Leute so schnell wie möglich über das Kommen der feindlichen Banden zu informieren, hatten wir auf dem Baum, der in der Mitte unseres Lagers stand, eine Beobachtungsplattform gebaut. Hier wurde noch eine Art Flaggenmast angebracht, um sofort eine Signalflagge hissen zu können, wenn der Feind kam. Unten, auf unserer Strasse in der wir alle lebten, konnte man das Signal dann erkennen und unsere Leute waren informiert und würden sofort ins Lager kommen.   
   Die Schule wurde langsam zur Nebensache, es gab ja Wichtigeres zu erledigen. Ich saß die halbe Nacht in meinem Zimmer unterm Dach des Wohnhauses am Fenster und grübelte über alles Mögliche nach.
   >Wie können wir uns verteidigen und sichern, wenn die Großen kommen? Aus welcher Richtung würde ich kommen? Mit wie vielen Personen würden sie angreifen? Was würde ich für Waffen dort im Berg einsetzten?<
   Zu unserer Gang gehörte auch Peter, sein Vater war Boxer und er hatte sogar schon mit Max Schmeling im Ring gestanden. Das war ein Vorteil für uns, so konnte uns Peter ein paar Boxtricks zeigen und wie man schnell jemanden kampfunfähig machen konnte. Wir trainierten jeden Tag und lernten auch Nahkampftricks.
   Hätten wir so viel Elan in die Schule gesteckt, wie in unser regelmäßiges Training, wir hätten alle mit der Note zwei geglänzt. Aber es gab noch mehr zu tun, wir mussten unser Gebiet immer weiter sichern und zur Verteidigung vorbereiten.

   Unterdessen war unsere Bandenstärke auf zwanzig Personen, darunter auch sechs Mädchen, angestiegen. Die Führungsgruppe bestand aus drei Jungen und zwei Mädchen. Entscheidungen, die die Bande betraf, wurden von dieser Führungsgruppe getroffen, der ich auch angehörte. Probleme gab es damit keine, da wir  uns ziemlich einig waren und wir unsere kostbare Zeit nicht durch Abstimmungen vertun wollten.
   Der Ausbau des Lagers sollte durch eine letzte Aktion abgeschlossen werden. Wir suchten uns dazu kräftige, aber noch biegsame Baumstämme zusammen, gruben das untere Ende  in die Erde und bogen die Spitzen Richtung Berg,  dort sicherten wir sie durch Pflöcke und Seile so, dass sie durch einen Slipknoten, oder durch Stolperfallen, ganz schnell ausgelöst werden konnten und hochschnellten. So bildeten sie einen Zaun um das Lager. Im unteren Bereich bogen wir die Stämme nach unten, dadurch hatten wir auf beiden Seiten einen Schutzzaun.  
   Über diese gebogenen Stämme legten wir Blätter und Zweige als Tarnung. Sie sahen wie kleine Hügel aus, was ja nicht auffällig war. Solche Hügel gab es im Berg des Öfteren. Es gab nur einen Weg ins Lager ohne diese Sicherungen auszulösen, den nur wir kannten und der führte ganz dicht am Abgrund vorbei.
Das waren unsere Sicherungen von oben und unten, damit keiner ins Lager kommen konnte. Jetzt fehlte nur noch etwas um sie zu verjagen, wenn sie einmal am Zaun wären und zwar in die Richtung die wir gern hätten. Dazu sammelten wir diese Einkaufsnetze, welche es immer in den Geschäften gab, schnitten in den Boden ein Loch, flochten dieses Loch dann wieder mit Seilen so zu, damit sie dann ganz schnell, mit einem Ruck, an dem länger gelassenen Seil wieder zu öffnen waren.
   Diese Seile hatten wir so lang gelassen und ins Lager verlegt, so dass wir die Netze, durch einen kräftigen Ruck, öffnen konnten. Dann wurden Steine in die Netze gelegt und an den Griffen in die Bäume hoch gezogen, so dass sie vor dem Zaun hingen. Wir entwickelten ein System, um die Schnüre auch nicht durcheinander zu bringen und beschrifteten sie. So hatten wir einen richtigen Waffenstand in dem zwei Personen Platz hatten und der von oben und unten uneinsehbar war. Die Kommunikation zu dem Waffenstand lief über Späher die in der Mitte des Lagers und auf unserem Hochstand waren und den Waffenstand dirigieren konnten.
   So waren wir gut vorbereitet und ganz stolz auf unsere Waffentrotzende Burg, außerdem hatten wir dann noch Speere und Steinschleudern, an gewissen taktischen Stellen hinterlegt, um sie schnell zur Hand zu haben.    
   Jeder von uns wurde in seine Aufgaben eingewiesen und wir übten immer wieder die Abläufe, denn nur so konnten wir auch in Stresssituationen einen klaren Ablauf gewährleisten. Dann war es soweit, es kam nicht unbedingt überraschend, aber so wie es kam, damit hatte dann doch keiner gerechnet.
   »He, ihr Luschen! Heute seid ihr dran, wir machen euch platt und übernehmen euer Gebiet. Haut am besten gleich ab, dann tut es nicht so weh.« 
   Das war der Ruf am frühen Morgen, den wir nicht erwartet hatten. Es war die zweite Liga und wir hatten eigentlich mit der ersten gerechnet. Wir dachten, als erstes kommen die Großen, aber nein uns machte die zweite Liga eine Kriegserklärung. Die, wie wir dachten, nach uns von den Großen angegriffen werden sollten. Statt sich ruhig zu halten, reißen sie ihr Maul auf. Na ja, gegen Dummheit und Großspurigkeit ist eben kein Kraut gewachsen. Wir waren recht zuversichtlich, was die kommende Auseinandersetzung betraf. Dumm war nur, dass wir jetzt auf jeden Fall zwei Späher an die Grenze der Großen schicken mussten, um uns auch von dieser Seite abzusichern. Denn dumm waren die bestimmt nicht und so ein paar siebzehn- bis zwanzigjährige Jungs konnten schon ein gewaltiges Kraftpotenzial darstellen. Wir durften uns auch nicht durch Verletzungen außer Gefecht setzten lassen, denn wir hatten schon  mehrmals beobachtet, wie sich die Großen, während oder nach einem Kampf von rivalisierenden Gruppen, den Rest einfach schnappten und damit  gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen hatten. Man hatte dann zwei Möglichkeiten, sich ihnen anzuschließen oder sich geschlagen zu geben, im wahrsten Sinne des Wortes. Uns sollte es nicht so ergehen, da waren wir uns alle einig.
   Noch einmal überprüften wir unseren, durch den mittleren Teich gebauten  Notausgang. Man musste schon genau wissen, wo der Steg verlief, um nicht in die eiskalten Fluten abzutauchen. Wir waren bereit! Versteckt in den Höhlen und Unterständen warteten wir ab und beobachteten unser Gebiet, ohne auf das Rufen der Bande zu antworten.
   Dann kamen sie angeschlichen, von oben und von unten. Sie dachten wohl, dass sie besonders clever seien, uns von beiden Seiten anzugreifen. Sie schauten sich sichernd und suchend nach allen Seiten um, das war ein Anzeichen dafür, dass sie das Gebiet und unser Lager nicht genau kannten. Ein unglaublich törichtes Verhalten, denn ein Angriff ohne vorherige Ausspähung ist nahezu tödlich.
   Kurz vor den Sicherungen angekommen, sahen und bemerkten sie immer noch nichts! Sie befanden sich nun unmittelbar vor unserem „Auslösemechanismus“ für den Zaun. Lauernd blieben sie stehen und sahen sich um, dann stand der Anführer auf und rief seinen Leuten unten zu:
   »He, Dieter, seht ihr sie?«, auf der anderen Seite wurde sofort geantwortet:
   »Nein! Ich kann sie nicht sehen, wo sollen sie sein hast du gesagt?«
   »Die müssen hier irgendwo sein, lasst uns weitersuchen.«
Das war der Moment als beide, Dieter von unten und ihr Anführer von oben kommend, einen Schritt zu weit gingen. Es hallte ein Surren durch den Wald und beide Barrieren entspannten sich wie ein Bogen, auf dem ein Pfeil abgeschossen wurde. Der Zaun stand wie eine Schutzmauer zwischen uns. Sie waren so überrascht, dass erst einmal keine Reaktion erfolgte und sie vor Schreck einen Schritt zurückgingen. Dann rief Klaus, ihr Anführer:
   »He Dieter wir haben sie, reißt den Zaun um”, Dieter schaute sich um und rief fragend:
   »Aber wo sind sie denn?«
   »Da drinnen natürlich, in der Falle«, kam die Antwort.
Jetzt folgte der zweite Fehler, sie gingen weiter an den Zaun heran und standen genau unter den Steinnetzen. Unser Späher gab das Zeichen und es wurden drei Seile für den oberen und den unteren Bereich gezogen. Es muss eine schmerzliche Überraschung gewesen sein, denn so ein paar Steine die auf den Kopf prasselten, das tut schon ganz schön weh und erzeugt Kopfschmerzen. Es reichte aus, um die erste Fluchtreaktion auszulösen. Um ihren Rückzug noch zu beschleunigen setzten wir auch unsere Steinschleuder ein. Das zeigte Wirkung! Sie rannten wie um ihr Leben. Wir öffneten eine Tür in dem unteren Zaun und jagten, mit ein paar Jungs von unserer Gruppe, den Flüchtigen hinterher. Der Rest blieb im Lager und sicherte weiter unser Revier.
   Ich lief, eigentlich war es eher ein Springen, den Hang hinunter, der Gruppe von Dieter hinterher und war meiner Gruppe schon etwas voraus, als Dieter sich umdrehte, mich sah und seinen Leuten zurief:
   »He Jungs, den schnappen wir uns jetzt.«
Alle drehten sich um und schauten zu mir, mein Schwung war so stark das ich nicht mehr abbremsen konnte und mitten unter ihnen landete. Mein erster Gedanke war:
   >Scheiße, jetzt haben Sie dich, warst mal wieder zu schnell.<

   Nun ist es aber so, wenn sich mehrere Personen auf eine einzelne stürzen, wird es eng. Ich machte mich klein und ging etwas in die Hocke, damit verkleinerte ich noch mehr die Fläche,  die ich dem Feind darbot und sie behinderten sich gegenseitig damit, an mich heran zu kommen. Als sie wie eine Traube über mir hingen, spannte ich meinen Körper an und stand blitzartig auf, sie wurden wie durch eine Explosion von mir geschleudert und boten somit, meinen mir folgenden Jungs ein gutes Ziel. Jetzt hagelte es Steine und es wurden die Speere, als Schlagwaffen eingesetzt.
   Dieters Gruppe suchte das Weite und wir Verfolgten sie nicht weiter. Wir hatten genug erreicht und wollten uns nicht noch weiter von unserem Lager entfernen und traten den Rückweg an. Gott sei dank rechtzeitig, denn kaum waren wir im Lager angekommen, da gab es auch schon eine neue Alarmmeldung von unseren Spähern aus dem oberen Bereich.
   »Die Großen kommen«.
   Wir schauten uns an und wussten, jetzt wird es erst richtig ernst. Wir nahmen unsere Posten wieder ein und hielten uns ruhig. Dann sahen wir sie! Ruhig und gelassen kamen sie nebeneinander den Hang herunter. Sie wussten genau wo wir waren und wo die Netze hingen, das konnte man daran erkennen, wo sie stehen blieben und wie sie sich umsahen. Was mich wunderte war, sie hatten nichts in den Händen, keine Waffen. Dann löste sich einer aus der Gruppe und kam noch näher, in den Bereich der Netze. Wir wussten wer er war, wer kannte Wolfgang nicht, Chef der größten und stärksten Gang, dieser Stadt, den „White Angels”. Er schaute nach oben und dann zu uns und sagte:
   »Ihr habt das doch wohl im Griff? Ich möchte keinen dicken Kopf bekommen! Wer ist euer Boss?”
   Wir brauchten uns nicht abzusprechen, wir waren fünf und wechselten uns immer ab wer nach außen als Chef auftrat. Das machte die anderen meistens unsicher, heute war ich als Sprecher ausgesucht worden. Ich ging zum Zaun und sagte:
   »Was willst du, Wolfgang? Wieder abstauben was die anderen zurückgelassen haben? Das wird aber diesmal nicht so einfach werden«.
   »Nein, das wollte ich eigentlich nicht tun. Ich wollte mit euch reden und euch ein Angebot machen.«
   »Was für ein Angebot?« fragte ich zurück.
   »Hat doch kein Zweck sich gegenseitig den Kopf einzuschlagen…« und er sah dabei hinauf zum Netz. »…Dass Angebot, das wir machen wollen ist, dass wir uns zusammen tun.«
   »Du meinst uns einfach so zu übernehmen, ohne große Anstrengung”, gab ich zurück.  Wolfgang grinste und antwortete:
   „Ich kann euer Misstrauen verstehen, wir meinen aber, uns wirklich gleichberechtigt zusammentun. Aber müssen wir das hier besprechen? Wollen wir uns nicht zusammensetzten?«
   »Wolfgang, du kannst dir sicher vorstellen, dass wir etwas skeptisch sind. Wer weiß ob du uns nicht eine Falle stellst.«
   »O.K. Kalle, ich mache folgenden Vorschlag…«, verwundert stellte ich fest, dass er meinen Namen kannte. „…Ich gebe euch meine Schwester als Pfand und wenn wir unser Gespräch beendet haben, lasst ihr sie wieder frei. Egal wie wir uns einigen. Geht das in Ordnung?«
   Fragend blickte ich mich zu meinen vier Mitstreitern um. Wir hatten, um uns schnell und geheim abstimmen zu können, einen aus drei Zeichen bestehenden Geheimcode entwickelt, dessen Bedeutung für Außenstehende nicht verständlich war. Zeige- und Mittelfinger der linken Hand ausstrecken bedeutete: Ja,  die rechte Hand zur Faust ballen bedeutete: Nein und beide Hände zusammen hieß: Enthaltung.
   Ich sah sie mir an, es gab zweimal Ja einmal Nein und einmal Enthaltung, was so viel war wie, ich weis nicht. Ich machte das Zeichen mit der linken Hand und drehte mich um.
   »In Ordnung Wolfgang, lass deine Schwester hereinkommen.«
Wolfgang macht ein Zeichen mit der Hand und aus der Gruppe hinter ihm löste sich ein Mädchen. Ich schätzte so um die vierzehn Jahre alt. Sie kam zum Zaun und wartete. Ich beobachtete, immer noch auf der Hut, den Vorgang aufmerksam, dann fragte ich:
   »Wo wollen wir uns treffen, Wolfgang?«.
   »Was hältst du davon, wenn wir uns in einer Stunde in der Eisdiele in der Stadt treffen? Aber nur wir beide, Kalle. Draußen auf der Straße dürfen nicht mehr als sechs eurer Leute stehen.«
   Ich willigte ein und Wolfgang verabschiedete sich mit einem:
   »Tschüss bis gleich.«
   »Bis gleich«, antwortete ich.
   Er drehte sich um und ging mit seinen Leuten bergauf davon. Seine Schwester wartete vor dem Zaun, ich gab das Zeichen den Eingang im Zaun zu öffnen.
   Zwei unserer Jungs nahmen sie dort in Empfang und führten sie in eine unserer Höhlen, in der sie das Ende unserer Mission abwarten sollte.
   Wir setzten uns zusammen und überlegten was da auf uns zukommen könnte. War Wolfgang ernsthaft an einer Zusammenarbeit mit uns  interessiert oder wollte er nur ein paar Leute von hier abziehen um dann anzugreifen?  Aber er würde ja wohl auf keinen Fall seine Schwester in Gefahr bringen. So beschlossen wir, dass noch drei weitere Mitglieder der Führung und drei aus der Gruppe mit mir nach unten in die Stadt gehen sollten.
   Oft hatten wir den schnellen Aufbau eines Signal-, und Meldeweges von und in die Stadt geprobt, nun wurde er erstmals für den Ernstfall eingerichtet. So waren wir in der Lage, falls Wolfgang doch ein falsches Spiel mit uns trieb, sofort eine Meldung ins Lager zu senden. Oder auch umgekehrt, falls das Lager angegriffen werden sollte, dass eine Meldung zu uns in die Stadt kam. Das kostete uns zwar ein paar Mädels, die diesen Meldeweg aufbauten und die dann im Lager fehlten, aber wir fanden es besser und sicherer so.
   Jetzt konnte es losgehen, wir gingen durch die Stadt und fühlten uns unheimlich stark. Wir formierten uns auf der Hauptstraße zu einem Dreieck, dessen Spitze ich bildete. Entgegenkommende Passanten sahen uns furchtsam an und gingen uns erschrocken aus dem Weg. Vor der Eisdiele standen schon sechs von Wolfgangs Jungs und warteten. Die drei aus meiner Führungsriege und ich blieben vor der Eisdiele stehen, der Rest verteilte sich, unter den argwöhnischen Blicken der „White Angels”, über die Strasse. 
Ich betrat die Eisdiele und sah Wolfgang allein in einer Ecke sitzen.
   >Der hat die Eisdiele räumen lassen...<, dachte ich mir. >...Damit wir in Ruhe reden können<. Dafür, dass keiner mehr rein kam, würden seine Leute schon sorgen. Die Bedienung nahm meine Bestellung auf, brachte sie und verschwand nach hinten. Wir waren allein und Wolfgang sagte:
   „Die Rechnung geht auf mich.« Ich bedankte mich und begann das Eis zu löffeln.
   »Was meinst du denn dazu, dass wir uns zusammen tun wollen?”, fragte mich Wolfgang, währen der sein Eis schleckte.
   »Wir finden es gut, denn nur gemeinsam sind wir stark«, sagte ich und beobachtete ihn gespannt.

   »Richtig! Es nutzt uns nichts, wenn sich die Geschlagenen uns anschließen, weil sie keine andere Wahl haben, dass ist immer eine unsichere Sache. Bei der erstbesten Gelegenheit rotten sie sich wieder zusammen und arbeiten gegen uns. Solche Leute kann ich aber nicht gebrauchen, ich habe Größeres vor, als kleine Bandenkriege in der Stadt zu führen.« Jetzt wurde ich doch so langsam hellhörig und ich vergaß sogar das Eis zu essen.
   »Das leuchtet mir ein, aber wie soll es jetzt nach deiner Meinung weitergehen?«, fragte ich ihn.
   Er setzte gerade zu einer Antwort an, als einer seiner Leute hereinkam und sich über ihn beugte, um ihn etwas ins Ohr zu flüstern. Er hob den Kopf und sah mich kritisch an.
   »Was machen deine Leute da draußen?«, Stellte er mir, mit durchdringendem Blick, die Frage. Er meinte wohl die Aktivitäten der Mädels zum Aufbau der Meldelinie.
   »Keine Sorge, das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme zu unserer Sicherheit«, antwortete ich ihm und hielt seinem Blick stand. Er machte ein Zeichen und sein Mann ging wieder nach draußen.
   »Bist wohl immer sehr vorsichtig und vorausschauend?«, fragte er weiter.
   »Ja, das ist doch nur normal. Alles durchdenken und abwägen, dann erst entscheiden.« Wolfgang entspannte sich wieder und sagte,
   »Ja, ich habe schon bemerkt, dass du so vorgehst und dass du es bist, der bei euch alles organisiert und ausarbeitet!«
   Da es keine Frage war, antwortete ich auch nicht darauf und sah ihn weiter ruhig an.
   »Also Gut! Wir machen euch folgendes Angebot. Ihr schließt euch uns als selbständig arbeitende Abteilung an. Alle Einsätze werden durch uns koordiniert und abgesprochen.« Er bemerkte meinen Unwillen und fuhr schnell fort.
   »Du und ein weiteres Mitglied eurer Gruppe, seid als Vertreter eurer Abteilung bei mir in der Führungsspitze dabei, damit ist gewährleistet, dass ihr auch ein Mitspracherecht habt und immer auf dem Laufenden seid was gerade abgeht.«
   Jetzt war ich sprachlos, mit diesem Angebot taten sich ganz neue Möglichkeiten für uns auf. Ich fragte ihn:
   »Wie viele der Gruppierungen arbeiten freiwillig bei euch mit?«
   »Ohne euch sind wir jetzt zwei Gruppen, ihr fehlt noch, der Rest ist unwichtig für uns und muss sich anpassen oder untergehen. Wenn du zusagst, vereinen wir vier der größten und besten Gruppen in der Stadt. Dann kann uns eh keiner mehr was. Das sind dann gut hundert Mann, da spielen die paar Mitläufer, die abspringen könnten, keine Rolle mehr...«, er machte eine kleine Kunstpause. »... Also, was meinst du, kannst du dir vorstellen, dass wir uns zusammentun? Brauchst du noch Bedenkzeit oder musst du dich mit den anderen absprechen?« Er sah mich an und grinste.
   »Aber wie ich euch kenne, habt ihr schon alles abgesprochen, habe euch ja lang genug beobachtet und muss sagen, dass ihr ein tolles System in der Gruppe habt. Ich würde gern einiges  übernehmen und von dir erklärt bekommen.«
   Ich sah ihn nachdenklich an und überlegte:
   >Es konnte eigentlich für uns nicht besser kommen. Ohne eine richtige Auseinandersetzung, Verletzte oder gar Verluste, an die Spitze zu kommen, war  ein unerwarteter Glückstreffer für uns.<

   Ich streckte ihm die Hand entgegen und sagte:
   »Gut Wolfgang, darauf ein Handschlag und wir sind uns einig. Ab sofort, oder benötigst du Zeit deine Jungs zu informieren.«
Er lachte mich an und antwortete:
   »Wir haben auch ein funktionierendes Nachrichtensystem. Sowie ihr im Lager seid und meine Schwester freigelassen habt, wissen meine Leute auch schon Bescheid. Willkommen im Club. Willkommen bei den „White Angels”.«
   Er stand auf, ging zum Tresen und bezahlte die Rechnung. Bevor er zur Tür raus ging drehte er sich noch einmal um und sagte zu mir:
   »Die erste Versammlung der Führung ist übermorgen um fünfzehn Uhr im „Burgfried” Tschüss bis dann«, und er ging sichtbar zufrieden hinaus. Der „Burgfried” war eine Kneipe und das Hauptquartier von Wolfgangs Gang. Ich ließ mir noch etwas Zeit und genoss die kühle der Eisdiele. Dann folgte ich ihm nach draußen. Auf der Strasse standen nur noch meine Leute und warteten auf mich.
   »Gebt das Zeichen, dass die Schwester von Wolfgang freigelassen werden kann und hebt die Alarmbereitschaft auf... «, sagte ich zu meinen Leuten; »...wir haben uns geeinigt und wir tun uns zusammen. Mehr gleich oben im Lager. Gehen wir!«
   Wir formierten uns wieder und marschierten zurück ins Lager. Als wir oben im Lager ankamen, war alles wieder auf den normalen Status gebracht worden. Wolfgangs Schwester war schon nach Hause gegangen und die Leute warteten alle neugierig auf weitere Informationen. Als wir alle zusammen saßen, erstattete ich Bericht. Erzählte alles was mir Wolfgang auch mitgeteilt hatte und auch vom ersten treffen. Sie waren alle mit dieser Entscheidung und der Situation einverstanden und zufrieden.
   Besser konnten wir es wirklich nicht haben. Ohne große Auseinandersetzungen und Kämpfe an die Spitze zu kommen und sogar in der Führung ein Mitspracherecht zu haben war schon toll.   


Sardinien

S
chlaftrunken schreckte ich aus meinen Träumen auf, die Hitze trieb mir Schweißperlen auf die Haut. Es fehlte mir etwas in meinen Armen, ich blinzelte gegen das Licht.
>Wo ist Eva?<, dachte ich mir. Ich richtete mich langsam auf und schaute mich um. Da sah ich sie, sie spielte leichtfüßig im Wasser und ließ sich immer wieder rücklings in die Wellen fallen.
   >Ja, das brauchte ich jetzt auch. Eine kleine Abkühlung im blauen Wasser tat mir bestimmt gut.<

Ich stand auf, lief in die Brandung und sprang mit einem lauten Aufschrei in die Wellen, dass das Wasser nur so spritzte. Wir tobten eine ganze Zeit lang im Wasser herum, bis wir Durst bekamen. Dann setzten wir uns wieder auf unsere Decke, schenkten uns ein Glas Prosecco ein, prosteten uns zu und küssten uns ausdauernd und zärtlich.
   »Na, was hast du geträumt?«, fragte mich Eva. Ich erzählte ihr die Geschichte und als ich fertig war sagte sie zu mir:
   »Und, wie ging es weiter mit euch?«
   »Tja...«, sagte ich. »...Es wurde schlimmer.« Sie setzte sich auf und sah mich an.
   »Weist du was, ich mache uns eine kleine Käseplatte und du erzählst die Geschichte weiter.«
Sie stand auf, ging zur Kühltasche und zauberte uns im Handumdrehen eine kleine Käseplatte. Stellte sie zwischen uns, goss noch für jeden ein Glas Wasser ein und sah mich erwartungsvoll an:
   »Kannst jetzt loslegen, mein Schatz. Ich bin ganz Ohr«, sagte sie und lachte mich dabei mit ihrem umwerfenden Lachen an. Jetzt muss ich mich auf den Fortgang der Geschichte konzentrieren, obwohl ich mir eigentlich etwas Schöneres mit Eva hätte vorstellen können.


1965

I
n den letzten zwei Jahren hatte sich allerhand getan und verändert. Wir waren zu einer großen Gang zusammengewachsen und Wolfgang hatte seine Beziehungen in andere Städte, wie Hamburg und Bremen, spielen lassen. Wir bekamen oft Besuch aus Norddeutschland und es wurde so langsam eine Geschäftsbeziehung zu den anderen Gruppen aufgebaut.
   Immer, wenn etwas anlag was einer Planung bedurfte, wurde ich eingeschaltet, gefragt und musste die Pläne entwickeln. Mein Kampfname war geboren, ich wurde „Der Organisator“. Dieser Name sollte mich viele Jahre begleiten. Mein Talent blieb auch den befreundeten Gruppen nicht verborgen und so traten sie an Wolfgang heran, um zu fragen, ob ich auch für sie arbeiten könnte. Nach einer Besprechung unter vier Augen, wurden wir uns einig, dass es für uns nur gut sein konnte auch über die anderen Gruppen Bescheid zu wissen und wir sagten zu.
   Eine meiner ersten Aufgaben war es, Transportwege zwischen den einzelnen Gruppen auszutüfteln und aufzubauen. So organisierte ich einen regen Botendienst zwischen Westfalen und Norddeutschland. Vorsichtshalber setzten wir für diese Touren nur Mädchen und Jungen ein, die noch keine sechzehn Jahre alt und somit noch nicht strafmündig waren. Sollte man sie erwischen, konnte man ihnen nichts anhaben. Aber, wer kontrolliert schon Jugendliche und vor allem Mädchen? Transportiert wurde alles, Waffen, Rauschgift, Informationen eben alles was man zu Geld machen konnte und illegal war. 
   In diese Zeit fiel auch das Ende meiner Schulzeit und ich musste mich um eine Lehrstelle bemühen. Hier in der Gegend gab es nicht allzu viel Auswahl, mir blieben noch Lehrstellen als Kfz-Mechaniker und Bäcker, aber beide Berufe waren nicht die, die auch meinen Vorstellungen entsprachen. Ich brauchte eine Herausforderung. Nach dem intensiven studieren einiger Zeitschriften stieß ich auf eine Anzeige, in der für den Beruf des Seemannes geworben wurde. Ohne lange zu überlegen entschied ich mich diesen Beruf zu erlernen, ich wusste, das war genau das was ich wollte.
   Noch am gleichen Tag sprach ich mit Wolfgang über meinen Plan und wir überlegten gemeinsam, welchen Nutzen wir aus diesem Vorhaben ziehen konnten.
   Der Vorteil war, ich kam in der ganzen Welt rum und hatte dadurch auch Gelegenheit mit anderen Gruppierungen auf der ganzen Welt Kontakt aufzunehmen, Nachrichten und Gegenstände zu transportieren, ohne groß aufzufallen. Wer kontrolliert schon einen Seemann auf anderes als Zigaretten und Alkohol. Also, gesagt getan, jetzt musste ich nur noch meine Eltern informieren und überzeugen, denn die mussten ja, da ich noch minderjährig war, ihre Zustimmung geben. Aber das war kein Problem und schon im Juli traf ich in Bremen ein um auf dem „Schulschiff Deutschland” meine Berufsausbildung zu beginnen. Nicht zu verwechseln mit dem Schulschiff „Deutschland“ von der Bundesmarine.
   Genau zu diesem Zeitpunkt wurde Wolfgang von der Polizei wegen Körperverletzung festgenommen. Man informierte mich sofort und gab auch die Bitte von Wolfgang weiter, ihn aus der Haft zu befreien. Nach seiner Befreiung wollte Wolfgang dann in Hamburg untertauchen und die Gang erst einmal von dort aus leiten.
   Wenn er länger im Knast blieb, bestand die Gefahr, dass Kräfte innerhalb der Gang versuchen würden, die Führung zu übernehmen und da es auch um viel Geld ging, wollten wir uns natürlich nicht ausbooten lassen. Vor allem, da wir gerade jetzt auf dem Sprung waren uns weltweit auszudehnen. Dann gab es ja auch noch die Möglichkeit das andere Gruppen versuchen würden, uns zu übernehmen.
   Wenn es nur ein paar Tage gewesen wären die er im Knast bleiben musste, hätte man das noch hinbekommen, aber es sah so aus, als wenn es Wochen oder Monate dauern konnte. Dann kam noch erschwerend hinzu, dass man ihn in eine andere Stadt verlegen wollte, in der die Befreiung fast unmöglich gewesen wäre. Es musste also schnellstmöglich ein Plan her! Da ich die Polizeiwache kannte und mit den Örtlichkeiten vertraut war, konnte ich den Plan gut von Bremen aus ausarbeiten. Das Problem war, wir mussten jetzt sehr schnell reagieren. So schnell, dass die örtliche Polizei keine Möglichkeit mehr hatte, andere Wachen in der Umgebung zu alarmieren und um Unterstützung zu bitten. Ich benötigte noch ein paar Informationen über die Anzahl der Streifenwagen und die Personalstärke in der Wache.
   Diese Informationen wurden von unseren Leuten vor Ort besorgt und ausspioniert. Es wurde folgendes in Erfahrung gebracht. Zurzeit waren drei Streifenwagen dort stationiert, mit jeweils zwei Mann besetzt. In der Wache gab es den Leiter, den Stellvertreter, den Polizisten am Funk und drei Mann in Bereitschaft, dies machte insgesamt zwölf Mann.
   Gut, sie hatten Pistolen, aber sie würden mit Sicherheit, in den Minderjährigen die für diese erste Angriffswelle auf das Revier vorgesehen waren, keine Gefahr erkennen, und erst recht nicht auf sie schießen. Das Revier war so aufgebaut, dass im Eingangsbereich ein Tresen stand, hinter dem Tresen standen die Schreibtische der Bereitschaft und des Funkers.  Links ging ein Flur mit Büros für den Leiter und den Stellvertreter ab, dann der Aufenthaltsraum der Streifenwagenbesatzungen und die Zellen. Die Schlüssel der Zellen hingen vorne an einem Schlüsselbrett und waren leicht zu bekommen.
   Mein Plan sah vor, dass alle Einsatzfahrzeuge im Einsatz waren, dies wurde durch mehrere Telefongespräche auf der Wache ausgelöst, die der Polizei von irgendwelchen erfundenen Vorfällen berichten sollten und um Hilfe baten. Die eigentliche Befreiungsaktion war eigentlich ganz einfach geplant. Die Polizeistation stürmen, Zelle auf, Wolfgang raus und schnell wieder weg, bevor die Polizei wieder zu sich kam.
   Die, im Hof parkenden Privatfahrzeuge der Polizisten, mussten durch Eisenkrampen einsatzunfähig gemacht werden, damit uns niemand damit verfolgen konnte. Dann sollte, durch einen weiteren Anruf, der Leiter und der für den Funk eingeteilter Polizist beschäftigt werden. Das war der Zeitpunkt, an dem unsere Kleinen zum Einsatz kommen sollen, sie müssen die zwei Polizisten am Tresen beschäftigen.
   Diese Ablenkung sollte die letzte Gruppe nutzen, sie sollen die Räumlichkeiten betreten, sich dann blitzartig im Revier verteilen und die dort noch anwesenden Personen unschädlich machen. Sie sollten sie in die Räumlichkeiten einzuschließen in der sie sich gerade befinden. Das konnte gut klappen, da man die Türschlüssel immer im Schloss stecken ließ. In der Zwischenzeit sollten zwei unserer Leute Wolfgang aus der Zelle befreien und zu unserem startbereiten Auto bringen und gleich nach Hamburg fahren.
   Alle, zu diesem Zeitpunkt noch in der Wache befindlichen Mitglieder unserer Gang, sollten sich dann in verschiedene Richtungen absetzen, um den eventuellen Verfolgern das Nachstellen zu erschweren. Nach meinem Plan sollte das alles innerhalb von vier Minuten zu schaffen sein. Alles was länger dauerte, war mit der Gefahr verbunden, dass man unsere Jungs erwischte.
    
   Sollten die Einsatzfahrzeuge zu früh zurückkommen, oder einer der Diensthabenden Polizisten es schaffen, eine andere Polizeiwache zu verständigen, würden bestimmt einige von unseren Jungs hops gehen. Dieses Risiko wollte ich auf jeden Fall vermeiden.
   Unsere Crews wurden für die jeweiligen Aufgaben eingeteilt und eingewiesen. Per Telefon stand ich mit dem Leitungsteam in Verbindung und wurde auf dem Laufenden gehalten, bis einen Tag vor dem Ereignis. Da war plötzlich Funkstille und ich habe niemanden mehr ans Telefon bekommen. Was war los? War der Plan verraten worden? Hatten sie kalte Füße bekommen?
   In den nächsten zwei Tagen saß ich wie auf Kohlen, kein Anruf oder eine andere Nachricht. Ich setzte mich mit Hamburg in Verbindung, vielleicht hatte man dort etwas gehört. Nichts!
   Am dritten Tag, zwei Tage nach dem geplanten Termin, bekam ich einen Anruf. Es war der Leiter meiner Gruppe, den ehemaligen „Cats” und er sagte mir, dass alles in die Hose gegangen war. Sie hatten fast alle erwischt und eingesperrt. Mir lief es eiskalt den Rücken runter. Mein Plan war fehlgeschlagen, hatte Fehler oder organisatorische Mängel gehabt! Was hatte ich in meiner Planung übersehen? Ich fragte ihn:
   »Was ist passiert, was war falsch geplant?«”
   »Nichts, du hattest alles richtig geplant und eingeteilt...«, bekam ich zur Antwort. »... Aber der Idiot von Stellvertreter hat sich nicht an deinen Plan gehalten und sagte dass er das auch und besser planen könnte. Er stürmte das Polizeirevier und hat, das musst du dir mal vorstellen, erst alle Polizeifahrzeuge kaputt machen lassen bevor er in die Wache ist, dort haben sie natürlich schon auf ihn gewartet. Die Einsatzfahrzeuge wurden nicht weggerufen und somit war fast die ganze Wache voll besetzt. In der Zwischenzeit haben die Polizisten noch Verstärkung gerufen und unsere Jungs wurden regelrecht eingekesselt. Fast alle wurden festgenommen.«
   »Ist dir und unseren Jungs etwas passiert?«, fragte ich ihn.
   »Nein. Wir haben uns zurückgehalten und waren nicht in reichweite der Polizei als alles losging«, gab er mir die beruhigende Antwort.
   »Halte mich auf dem Laufenden und vor allem bekomme raus, was mit Wolfgang geschehen ist.« Er versprach es mir und wir legten auf.
   Ich beendete meine Berufsschule in Bremen und heuerte auf meinem ersten Schiff an. Die Fahrt ging nach Australien und dauerte ein halbes Jahr.
   Während dieser Zeit hatte Wolfgang seine Strafe abgesessen und kam, fast zum gleichen Zeitpunkt, wieder aus dem Gefängnis heraus als ich in Hamburg einlief. Nachdem er aus der Haft entlassen wurde ist er nach Hamburg gekommen und hinterließ bei meinen Jungs seine Telefonnummer.
   Ich rief ihn sofort an als ich in Hamburg ankam und wir machten ein Treffen aus. Wolfgang hatte wieder Kontakt zu der Hamburger Gang aufgenommen, mit der wir schon zu unseren alten Zeiten im Sauerland, zusammen gearbeitet hatten. Wir sprachen über unsere Zukunft und beschlossen, unsere gemeinsamen Aktivitäten wieder aufzunehmen, diesmal von Hamburg aus. 
   In unserer alten Wirkungsstätte im Sauerland war nichts mehr los. Die Polizei hatte ganze Arbeit geleistet und alles zerschlagen, nur von den „Cats”, meiner alten Gruppe, hatte die Polizei keinen gefasst. Sie hatten sich nach der Befreiungsaktion zurückgezogen und aufgelöst.
Für mich begann jetzt ein neuer Abschnitt!

Sardinien

I
ch war so in meine Erzählung vertieft, dass ich nicht bemerkte, wie die Sonne sich langsam dem Horizont näherte und unterging. Eva drehte sich zu mir:
»Weißt du was mein Lieber! Wir packen jetzt alles zusammen, gehen hoch ins Haus, duschen uns den Sand und das Salz ab, setzten uns auf die Terrasse und du erzählst weiter, was meinst du dazu?« Ich rappelte mich träge von der Decke hoch und antwortete:
   »Ja, das ist eine gute Idee mein Liebes. Nur das mit dem Duschen sollten wir noch etwas vertiefen. Wollen wir zusammen duschen?«, fragte ich sie schelmisch grinsend.
   »Na, na. Nun mal nicht so stürmisch Seemann. Wir sollten das doch lieber getrennt tun, wer weiß was dabei sonst noch raus kommt«, sagte sie lachend und packte schon die Decke und die anderen Utensilien ein. Ich half ihr dabei und wir gingen die Dünen hinauf und dann über den Sandweg weiter zu unserem Haus.
   Es lag auf einer kleinen Anhöhe über dem Strand und man konnte, von der Terrasse aus direkt auf das Meer sehen, das Meeresrauschen hören und die Sonne untergehen sehen. Zur Terrasse hin lagen Wohnzimmer und das Schlafzimmer. Im hinteren Bereich des Hauses lagen Badezimmer, die Küche und das Büro. Über der Terrasse war eine Pergola angebracht über der sich wilder Wein rankte und Schatten spendete. Links vom Haus, etwas zurückgesetzt, in zirka fünfzig Meter Entfernung, stand das Gästehaus. Rechts vom Haus befanden sich die Doppelgarage und der Geräteschuppen. Hinter dem Haus, am Berghang gelegen, stand unser Pferdestall mit seinen vier Boxen für unsere Pferde, auf beiden Seiten des Stalls schlossen sich gleich die weitläufige Weide an. Zwischen dem Gästehaus und der Stallung führte die Zufahrt über den Hang hinunter zur Strasse. Im Gästehaus war Platz für acht Personen, es gab vier Schlafräume mit Doppelbetten und Badezimmer. Nach vorne gelegen gab es noch ein Wohnzimmer mit Kochnische.
   Es war ein abgelegenes Stück Erde, das nächste Dorf war fünfzehn Minuten entfernt, hierher verliefen sich ganz selten Menschen und noch weniger Touristen. Das war einer der Gründe, warum wir uns hier so sehr wohl fühlten.
   Von dem hinteren Bereich des Hauses aus konnte man auf den Hügel sehen, der sich sanft ins Landesinnere erstreckt. Hier bei den Stallungen für die Pferde wachte unser Hund Blacky, ein wunderschöner deutscher Schäferhund, mit schwarz-braunem Fell. Er hielt sich gern hier oben auf und genoss den kühlen Seewind, der durch den zu drei Seiten offenen Stall wehte und für eine angenehme Temperatur sorgte. Am Abend kam er dann heraus und streunte, nachdem er was zu fressen bekommen hatte, auf dem Grundstück herum.
   »Schatz, ich schau rasch noch mal in den Stall nach den Tieren, während du unter die Dusche gehst. Willst ja sowieso alleine duschen«, sagte ich und sah sie lächelnd an. Sie nickte und lächelte mich dabei an. Ich ging, als wir am Haus ankamen, weiter zu den Stallungen. Wir hatten einen Brunnen bohren lassen um immer Wasser für die Tiere zu haben. Wasser war hier auf der Insel ein kostbares Gut.
   Auf dem Weg zum Stall kam mir Blacky schon entgegen gelaufen und begleitete mich. Im Stall angekommen, ging ich von Box zu Box, redete mit den Pferden und streichelte sie über die Mähnen.
Da waren die Hengste, Milord von Eva und Mephisto von mir. Beide waren Friesen, lackschwarz mit einem Stockmaß von einen Meter fünfundsechzig, beide haben eine üppige Fesselbeharrung und strahlten viel Kraft, Eleganz und Selbstbewusstsein aus. Diese beiden wissen genau wie gut sie aussehen und drücken das auch stolz in ihrer Körperhaltung aus. 
   Dann gab es noch Tessa die Stute von Eva und Casanova meinen zweiten Hengst. Beides waren Sardinier, sardische Pferde mit einem Stockmaß von einen Meter fünfundfünfzig. Diese Rasse ist robust und ausdauernd, sie besitzen ein hervorragendes Springvermögen und sind sehr mutig. Sie stammen von den in Sardinien ansässigen Wildpferden ab. Diese Pferde werden auch, nicht von ungefähr, von der sardischen Polizei geritten, es sind die idealen Pferde für das bergige Land. Unser Nachbar Alberto kümmerte sich um unsere Tiere, wenn wir nicht da waren und seine Kinder ritten sie, wenn wir nicht genug Zeit dazu hatten.
   Ich streichelte Blacky noch über den Kopf und ging dann zum Haus zurück. Wir reiten immer am Morgen, wenn es noch frisch war aus, dann lief Blacky immer nebenher und war ganz aus dem Häuschen vor Freude. Wir führen ein schönes Leben und ich bin sehr froh es noch, nach all dem was ich mitgemacht habe, erleben und genießen zu können.
   Auf dem Weg zum Haus, hörte ich schon die Dusche laufen und wie Eva ein Lied vor sich hin summte. Da viel mir auf einmal auf, mit welcher Unbekümmertheit wir hier lebten, keine Absicherung oder Überwachung auf dem Grundstück, außer Blacky der natürlich als Wachhund abgerichtet war. Aber reicht das aus? Ich setzte mich auf die Terrasse in einen Korbsessel und begann zu grübeln:
   >Was ist, wenn man mich doch noch sucht? Wenn mich die Vergangenheit einholt? Aber warum sollte man das machen, hatte ich noch von Dingen Kenntnis, die für andere eine Gefahr bedeutete?<
   Ein unbestimmtes Gefühl in meinem Inneren beunruhigte mich, anderseits wollte ich Eva aber auch keine Angst machen, mit irgendwelchen Aktivitäten die vom Normalen abweichen.
   >Was ich aber machen könnte wäre, mehrere Überwachungs-Kameras auf dem Gelände anbringen zu lassen. Aber das würde auch nur etwas für die Auswertung danach bringen. Was könnte ich für die sofortige Absicherung und Abschreckung machen? Noch einen oder zwei Hunde dazu kaufen?<
   Ich war so in meine Gedanken vertieft, dass ich nicht bemerkte wie Eva auf die Terrasse kam. Erst als sie mir die Arme von hinten um den Hals legte, schreckte ich hoch.
   »Sehe ich so fürchterlich aus, dass du dich erschrecken musst?«, frage sie mich lachend. Ich drehte mich zu ihr um, zog sie zu mir und gab ihr einen Kuss.
   »Nein! Ganz bestimmt nicht, ich war nur in Gedanken versunken. Jetzt gehe ich mich aber auch duschen«. Ich stand schnell auf, bevor sie Gelegenheit hatte sich nach meinen Gedanken zu erkundigen und ging ins Haus. Nach dem ich geduscht hatte, setzte ich mich auf die Terrasse zu Eva und wir sahen aufs Meer hinaus. Eva seufzte:
   »Ach mein Lieber, was ist es doch schön hier.« Ich sah sie an, beugte mich zu ihr hinüber und gab ihr einen zarten Kuss.
   »Ja, wie im Paradies«, gab ich ihr Recht.
   »Dazu fehlt mir ab jetzt noch etwas zum Trinken«, lachte sie mich an. Ich stand auf, ging in die Küche holte uns zwei Wassergläser, zwei Weingläser und die dazu gehörigen Flaschen. Brachte beides auf die Terrasse und goss uns ein. Nachdem unsere Gläser gefüllt waren, lehnte ich mich in den Doppelsessel, in dem wir gemeinsam saßen, zurück und nahm sie in den Arm. Sie kuschelte sich, wie schutzsuchend, in meinen Arm, bewegte ihren Körper hin und her, wie eine Katze die es sich auf einem Lager bequem machen will und sagte:
   »So, jetzt kannst du weiter erzählen, mein Schatz.«
 

1966

N
ach unserem Treffen in Hamburg hat Wolfgang Verbindungen zu weiteren Gangs aufgenommen und so entstand, nach und nach, ein Ring, der über ganz Europa und später weltweit operierte. Mein Part war es, Ware aber auch Informationen zu transportieren.
   Als die zweite Australienfahrt für mich begann, war alles organisiert, und ich hatte meinen ersten Auftrag, Ware und Informationen für Rotterdam, Marseille, Genua und Catania auf Sizilien. Dann, auf der Rücktour, die gleichen Orte in umgekehrter Reihenfolge. Zur Kontaktaufnahme dienten uns „Tote Briefkästen”. Auf diese Briefkästen musste man schnell zugreifen können, ohne dass es irgendjemand bemerkte oder neugierig wurde. Es befanden sich immer ein Zettel und eine Banknote darin. Sollte irgendwann einmal der Geldschein weg sein, konnte man davon ausgehen, dass der Briefkasten entdeckt worden war. Dazu wurde zur Sicherheit in jeder Stadt ein zweiter Briefkasten eingerichtet.
   Die Nachrichten mit den notwendigen Informationen zur Kontaktaufnahme wurden immer erst kurz vor der Abholung hinterlegt. Diese Information bestand aus einer Zeit- und Ortsangabe, an der man auf einen Telefonanruf warten musste. Das waren entweder Telefonzellen, die man anrufen konnte oder Lokale. Die Gespräche wurden immer mit einem Code und Gegencode eröffnet, erst danach bekam der Kurier, in dem Falle ich, mitgeteilt, wann und wo man sich zur Übergabe der Nachrichten oder Waren treffen wollte.
   Diese Variante war den Geheimdiensten abgeschaut und wir fuhren die ganzen Jahre gut damit. Wolfgang machte mich überall bekannt als „Der Organisator“, er meinte das passt gut zu mir. Für diesen Job hatte ich mir noch einen Mann aus der Hamburger Gang mit an Bord geholt, Horst. Horst heuerte auch auf meinem Schiff an, er sollte mich unterstützen und mir Rückendeckung geben. Immerhin war das ja alles neu für uns und wir wussten nicht, was auf uns zukam.
   In den ersten Häfen, Rotterdam, Marseille und Genua ging alles gut, die Übergaben und Übernahmen klappten. Alles lief reibungslos ab, bis wir in Catania auf Sizilien waren. Hier machten wir auch wieder alles wie immer, wir gingen zusammen in die Nähe des Briefkastens.
   Dann ging ich alleine weiter und Horst sicherte die Gegend von weitem ab. Ich fand den Zettel und las die darauf befindliche Nachricht:
   >Treffpunkt um zwanzig Uhr im „Al Limone”.<
   Hier auf Sizilien, wo die Mafia das Sagen hatte, brauchten wir die Polizei nicht zu fürchten und konnten uns, ohne den Umweg über ein Telefonat, gleich persönlich treffen.
   Wir gingen in das Viertel in dem das „Al Limone” lag, suchten die Kneipe und setzten uns an einen Tisch im Freien. Hier wurden wir auch gleich von zwei jungen süßen Mädels angesprochen, ich schätze, die beiden waren gerade mal sechzehn Jahre alt, wir lehnen ihr Angebot, zusammen auf ein Zimmer zu gehen, ab und sie gingen weiter ein Stück die Strasse hinunter, wo sie dann an der Hauswand stehen blieben um auf Freier zu warten.
   Beim zweiten Bier setzten sich plötzlich zwei Männer zu uns an den Tisch. Uns war überhaupt nicht wohl in der Haut, hier auf Sizilien konnte man verschwinden ohne jemals wieder aufzutauchen. Sie sprachen uns auf Englisch an und sagten:
   »Hi, you come from Hamburg from Wolfgang? How is your name?« 
   »Yes. I come from Hamburg. My name is The Cat. And you come from Germany?«
   Unser Kontaktmann auf Sizilien war Giovanni. Aber von den beiden war es keiner. Unsere Nerven waren zum zerreißen angespannt, die beiden Männer machten einen sehr brutalen Eindruck und sahen so aus, als wenn sie uns, die beiden Jungs aus Hamburg, mit links verspeisen könnten.
   »Yes! When you come back from Australia, you call this number, bye and good luck«, er gab mir einen Zettel auf dem eine Telefonnummer stand.
   Sie standen auf und gingen davon. Beim Aufstehen klafften ihre Jacken etwas auseinander und wir konnten ihre Pistolen in den Schulterhalftern sehen. Willkommen im harten Alltag des Verbrechens, dachte ich mir und blieb noch etwas sitzen, um die weichen Knie wieder unter Kontrolle zu bekommen. Horst sagte:
   »Mein Gott, denen möchte ich auch nicht nachts im Dunkeln begegnen. Bist du cool geblieben!«
   Wenn er gewusst hätte wie mir zumute war und wie schnell sein Spruch Wirklichkeit werden sollt, hätte er wohl seinen Mund gehalten. Warum wir uns überhaupt getroffen haben, weis ich bis heute noch nicht. Diese Information hätte man uns ebenso gut in den Briefkasten legen können.   
   Vielleicht wollten sie ja auch nur zuerst ihre Verbindungsleute kennen lernen um zu sehen, mit wem sie es zu tun haben. Wir überlegten, ob wir nicht doch mit den beiden Mädels los ziehen sollten, kamen aber zu der Überzeugung, lieber noch ein Bier an Bord zu trinken. Der Weg zurück zum Schiff führte uns natürlich durch den Hafen, der zu dieser Zeit leer und dunkel war. Wir trotten so vor uns hin, redeten nichts und waren mit unseren Gedanken beschäftigt. Gewohnheitsgemäß sicherten wir dabei unsere Umgebung ab und das war unser Glück.
   Gerade wollten wir um die Ecke eines Schuppens biegen, als wir Geräusche hörten. Abrupt blieben wir stehen und lauschten. Vorsichtig sahen wir um die Ecke und bemerkten, im Lichtkegel des Eingangs zum angrenzenden Lagerschuppen, drei Männer die etwas in ihrer Mitte festhielten. Wir erkannten unsere beiden „Kumpels” von eben aus dem „Al Limone”, die einen Mann in ihrer Mitte festhielten, ein dritter Mann stach mit einem Messer auf ihn ein. Sie machten sich dabei keine Sorgen erkannt oder erwischt zu werden. Der dritte stach noch mehrere Male auf das Opfer ein und sagte dabei mit ruhiger Stimme etwas auf Italienisch, was wir nicht verstanden. Daraufhin ließen die beiden, das Opfer einfach auf die Strasse fallen und folgten dem dritten Mann in den Lagerschuppen und schlossen das Tor.
   Wir waren geschockt, wie sie brutal und gezielt ihr Opfer regelrecht abstachen. Langsam zogen wir uns von der Ecke zurück und liefen um den Schuppen herum in die andere Richtung. Dieser Weg war zwar länger, aber auch sicherer. An diesem Abend hatten wir mit einem Bier nicht genug, wir betranken uns um überhaupt schlafen zu können. Dieses Erlebnis verfolgte mich noch Jahre später. Aus unseren jugendlichen Spielereien war auf einmal blutiger Ernst geworden!
   Während der weiteren Reise versuchten wir das Erlebte zu verdrängen. Das klappte auch ganz gut, bis wir Catania wieder anliefen, dort holten uns die Erinnerungen ein. Egal was auch passiert war, wir mussten unseren Auftrag erfüllen. Am Abend gingen wir an Land, suchten uns eine Telefonzelle und wählten die uns mitgeteilte Telefonnummer.
   »Pronto?« Meldete sich eine männliche Stimme.
   »Hi, here is The Organisator. I‘m must call for you, when are back from Australia«, sprach ich ins Telefon. Die Antwort kam in Deutsch mit italienischem Einschlag:
   »Gut, das ihr euch endlich meldet. Wir treffen uns wieder in der gleichen Kneipe, im „Al Limone”. Ciao!«, gab er mir die Instruktion.
   Die Stimme gehörte zu keinem der beiden Männer, die wir vor Wochen im La Limone getroffen hatten. Sie waren damals also zu dritt gewesen und der dritte Mann hat uns von weitem beobachtet. Wahrscheinlich war er auch derjenige, der den Mann so kaltblütig abgestochen hatte. Wir hatten beide fürchterliche Angst, aber was soll’s, wir mussten uns dieser Aufgabe stellen, den starken Mann spielen, uns keine Schwäche anmerken lassen und immer cool bleiben.
   Langsam gingen wir in Richtung des Rotlichtviertels. Ich hatte den Eindruck, dass wir immer langsamer wurden, je näher wir dem Ziel kamen. Wie beim letzten Mal, setzten wir uns im Freien an einem Tisch nahe am Eingang. Die Zeit verging und nichts passierte. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die wollen uns testen, die wollen uns mürbe machen.
   Jetzt war ich froh, dass ich meine Nervosität nicht gezeigt habe. Ich überprüfte mich und meine Körperhaltung schnell und war mit dem Ergebnis zufrieden. Nach außen  machte es den Eindruck, als wenn ich gleich einschlafen würde, nur meine Augen gingen in die Runde und beobachteten alles was sich bewegte. Horst, bewegte mir zu viel den Kopf hin und her und ich sagte leise zu ihm:
   »Horst, bleib ruhig! Die beobachten uns. Ich gehe jetzt mal auf die Toilette, behalte du unauffällig die Gegend im Auge.«
   »O.K. beeile dich. Es macht mir keinen Spaß hier alleine rum zu sitzen«, sagte er.
   Ich stand auf und ging durch den Schankraum auf die Toilette. Auf dem Weg dorthin schaute ich mir alle Gäste genau an und bemerke, dass mich ihre Blicke verfolgten.
   >Mein Gott du spinnst...<, dachte ich; >...so wichtig sind wir doch gar nicht.< Aber ich kam zu dem Resultat, dass es vier Personen waren, die allein im Schankraum verteilt saßen und uns im Auge behielten. Auf meinem Rückweg bemerkte ich schon von weiten, dass sich draußen was getan hatte. Zu dritt saßen sie um Horst herum und redeten auf ihn ein, ich setzte mich zu ihnen.
   »Gott sei dank dass du kommst, die reden und reden und ich verstehe kein Wort«, sagte er zu mir.
   Ich schaute den mir noch unbekannten dritten Mann an und sagte zu Horst:
   »Du kannst doch deutsch reden, er versteht bestimmt unsere Sprache.« Der Mann verzog sein Gesicht zu einem Lachen:
   »Entschuldigung, aber die beiden sprechen wirklich nur italienisch und etwas englisch.«
   »Gut, wie geht es jetzt weiter mit uns. Habt ihr was zu transportieren oder war alles nur ein riesiger Spaß?«, fragte ich ihn mit Ungeduld in der Stimme. Er gab den beiden ein Zeichen, sie standen auf, gingen über die Straße und stellten sich gegenüber in zwei Hauseingänge um die Gegend im Auge zu behalten. Das machten sie aber bestimmt nicht wegen der Polizei, aber vielleicht gab es ja konkurrierende Gruppierungen.
   »O.K. natürlich haben wir etwas zu transportieren und zwar für Rotterdam und Bremen. Wir mussten euch doch erst einmal abchecken, ist doch für uns alle neu und wir kennen uns ja noch nicht«, sagte er unvermittelt zu uns.
   »Wann und wo bekommen wir die Sachen?«, fragte ich zurück. Ohne näher auf seine Erklärung einzugehen.
   »Ihr bekommt sie morgen Abend hier ausgehändigt. Ihr lauft ja erst übermorgen früh aus, da reicht es noch. Es sind zwei Päckchen, wasserdicht verpackt.«
   »Gut, dann sehen wir uns also morgen Abend wieder, oder wer übergibt uns die Päckchen?«
   »Das machen die beiden dort drüben, die kennt ihr ja schon«, antwortete er mir auf meine Frage.
   »Schön!...«, sagte ich und stand auf. »... Die Getränke übernimmst du doch bestimmt. Danke und Ciao.«
   Ich gab Horst ein Zeichen, dass er in die Hufe kommen sollte und ging. Ich sah wie die beiden zu ihm zurückgingen und ich musste mich zusammenreißen um nicht anzufangen zu laufen. Das viel mir nicht leicht.
   »Man Organisator. Jetzt hätte ich mir aber gleich in die Hosen gemacht«, sagte Horst zu mir. Ich nickte nur und konnte ihm nur zustimmen. Es ist nichts für kleine Jungs sich mit solchen Typen einzulassen, nur es gab jetzt kein zurück mehr. Aber warte, bis wir wieder in Hamburg sind Wolfgang! Dann bekommst du was zu hören. Am nächsten Tag holten wir, ohne uns lange aufzuhalten, die beiden Päckchen ab. Damit die schwarze Gang, eine Spezialeinheit vom Zoll, sie nicht finden konnte, mussten wir sie jetzt an Bord gut verstecken. Denn egal was in den Päckchen war, es wird mit großer Sicherheit illegal sein.
   Wir lieferten die Päckchen in Rotterdam und in Bremen ab, in beiden Fällen lief alles über die Briefkästen und einem Telefonat. Dann gab es ein Treffen in einer Kneipe und wir übergaben die Päckchen.
   In Hamburg angekommen, nahm ich mir Wolfgang zur Brust. Ich wurde etwas laut und blaffte ihn an:
   »Du Idiot, konntest du mir nicht vorher sagen, dass wir es mit der Mafia zu tun haben werden? Lässt uns ins offene Messer laufen, du Arsch.« Ich war so wütend, dass ich am liebsten zugeschlagen hätte.
   »Was regst du dich denn so auf Organisator, Giovanni hat angerufen und gesagt, dass die mit euch voll zufrieden waren. Du sollst ziemlich cool gewesen sein.« Ich funkelte ihn an, drehte mich um und ging. Im Weggehen sagte ich noch:
   »Du bist und bleibst ein Idiot, Wolfgang.«

   Nach dieser Reise hatte ich mir erst einmal Urlaub verdient, Horst und ich sind zu seiner Oma nach München gefahren und haben uns erst einmal ins Gesellschaftsleben gestürzt, die Discos unsicher gemacht und so richtig gelebt. Durch unsere Kontakte hatten wir auch Zugang zur Promidisco, die in München ganz neu eröffnet hatte. Nebenbei haben wir mal hier mal da etwas erledigt, haben Kurierfahrten gemacht und Events organisiert. Unser Urlaub stand kurz vor dem Ende, wir hatten schon eine neue Heuer auf einem Schiff nach Südamerika, als mich eine Nachricht von Wolfgang erreichte. Er bat uns nach Bremen zu fahren, um ein Großereignis zu planen und zu organisieren. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen und fuhren hoch nach Bremen um uns mit den Typen zu treffen die er uns genannt hatte. Wir waren doch etwas überrascht, als man uns mitteilte, dass es sich um nichts Geringeres als einen geplanten Rockeraufstand in Bremen handelte, den ich organisieren sollte. Ich dachte mir:
   >Je größer das Projekt desto interessanter ist es, also los.<
   Es ging darum, alle Rockerbanden der Umgebung unter einen Hut zu bekommen und zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort auffahren zu lassen. Die Aufgabe sollte sein, Angst und Schrecken zu verbreiten. Sie wollten der Polizei zeigen: >Hallo, hier sind wir, das können wir und Tschüss weg sind wir wieder ohne das ihr uns bekommt.<
Damit wollten sie demonstrieren, dass die Polizei ihnen gegenüber machtlos ist.
   Alles sollte ganz schnell anlaufen, denn es war wichtig, dass niemand von der Polizei gefasst wurde. Also am besten hinterher von der Bildfläche verschwinden und untertauchen. Da wir nicht ganz so viel Zeit hatten um alles in die Wege zu leiten, legten wir gleich los.
   Hauptsitz wurde ein alter Bauernhof, der auch das Quartier einer der Gangs, besser gesagt der Gang des Big Bosses war. Big Boss war der Chef aller Gangs in Bremen und Umgebung.
   In der alten Scheune baute ich mir eine große Holzwand auf, um Karten, Bilder und Pläne aufzuhängen und um die Wege der einzelnen Gruppen aufzuzeichnen, Kreutz-, und Treffpunkte festzulegen, Polizeistationen zu markieren. Ich besorgte mir Landkarten, Stadtpläne, Generalstabskarten, habe mir Fotos von wichtigen Knotenpunkten machen lassen und war froh, soviel Platz zur Verfügung zu haben.
   Wichtig war, schnell ins Zentrum zu kommen, Treffpunkt der Aktion sollte der Bahnhofsvorplatz in Bremen sein. Der war groß genug um alle aufzunehmen und die Lage war gut, um schnell wieder in verschiedenen Richtungen zu verschwinden.
Der Big Boss wollte, wie sein Vorbild in Amerika den „Hells Angel’s“, zeigen was er drauf hat und sich einen Namen machen. Meinetwegen, ich werde bei dem Spektakel ohnehin nicht dabei sein. Wenn die Geschichte anläuft bin ich wieder an Bord und im Ärmelkanal Richtung England unterwegs. Die Bremer Ereignisse werde ich nur über Radio und Zeitung verfolgen können. Horst half mir bei allen möglichen Arbeiten und ging mir zur Hand beim Aufstellen und Schreiben von Plänen.
   Zuerst einmal musste die Gruppenstärke festgelegt werden und die Beteiligten mussten den jeweiligen Gruppen zugeordnet werden. Danach wurden die Gruppen und die einzelnen Teilnehmer durchnummeriert. Gruppe eins, zwanzig Mann stark, hatte die Nummer 0101 bis 0120. Ein einfaches System, selbst für den größten Dösbaddel zu verstehen und zu behalten. So hatte jeder eine Nummer und konnte direkt angesprochen und geführt werden, am Ende hatten wir zehn Gruppen mit je zwanzig Mann zusammen. Das war schon beeindruckend, denn wenn zweihundert Motorräder durch Bremen knattern und sternförmig auf den Bahnhofsvorplatz donnern, konnte einem schon Angst und Bange werden.
   Gut, dass ich auf eine große Anzahl von Mitgliedern der Gangs zugreifen konnte, denn ich benötigte ja noch ungefähr vierzig weitere Personen für besondere Aufgaben, dem sogenannten Spezialteam. Welches zum Sperren und Blockieren von Straßen, Polizeizufahrten, Einfahrten und für die Überlastung der Telefonleitungen der Polizeireviere zuständig war. Der erste Abschnitt enthielt Vorsichtsmaßnahmen und Tätigkeiten bei der An- und Abfahrt zum Ziel.
   Wir mussten alle Polizeistationen im Umkreis von zehn Kilometern um den Bahnhof auflisten und besonders präparieren, dass heißt, es wurden in den Ein- und Ausfahrten von jeweils zwei unserer Leute kleine Metalldreiecke, sogenannte Reifenschlitzer, verstreut.  
   Das ging schnell und die beide konnten danach gleich ihre zweite Aufgabe ausführen, an bestimmten großen Kreuzungen ebenfalls unsere so wirksamen kleinen Freunde zu verstreuen. Dies konnte ganz locker, bei der Überquerung von Kreuzungen vom Motorrad aus erfolgen. Beim Rückzug, so sah es mein Plan vor, sollten diese Männer hinter den abziehenden Motorrädern herfahren und den Rest der Reifenschlitzer verteilen. Das war sozusagen die Rückzug Sicherung und etwaige Verfolger bekamen platte Reifen. Damit war dieses Spezialteam voll eingespannt, sie mussten schnell und zuverlässig sein und sie mussten Ortskenntnis haben.
   Ich ließ im Hafen einen Schuppen suchen der zu diesem Zeitpunkt leer war. Er sollte für einen Teil der Gruppe zum Sammelpunkt werden und für den Rückzug eine Ausweichalternative sein, um sich schnell unsichtbar machen zu können. Sprechfunkgeräte, die jeder Gruppe und vor allem den Sondereinheiten zu Verfügung standen, machten es möglich, wenn die Situation es erforderte, blitzartig umzudisponieren.
   Dann suchten wir uns in der Nähe vom Bahnhof ein Haus, das wir als Leitzentrale nutzen konnten, denn hier hatte man den idealen Überblick und war im Zentrum des Funkkreises. Ein Dach oder eine leere Wohnung würde es für diesen Zeitraum schon tun. Für diese Leitzentrale wurden vier Mann eingeteilt. Die das Kartenmaterial hatten, die Funksprechgeräte betätigten und ganz wichtig, den Polizeifunk abhörten, das war unser Führungsteam.
   Das größte Problem waren die Brücken, diese mussten wir so schnell wie möglich auf der Rücktour überqueren. Denn wenn die in der Hand der Polizei waren, hatten  ein Drittel der Leute nicht die eingeplante Rückzugmöglichkeit. Deshalb legte ich besonderes Augenmerk auf die Zufahrten der Brücken, um diese so schnell wie möglich sperren zu können. Wir mussten hier die Kontrolle haben.
   Gut, der Sternaufmarsch war schnell geplant und war auch schnell durchgeführt. Schlimmer und minutiös zu planen war der Rückzug, hier bestand die große Gefahr Verluste zu erleiden, was ich selbstverständlich durch meinen Plan auf jeden Fall verhindern wollte. Meine Überlegungen galten jetzt den Straßen, die wir befahren wollten.
   Würden uns vorhandene oder geplante Baustellen behindern? Wo konnten wir uns schnell verstecken oder über welche Wege schnell in die Wälder kommen. Im Nordosten und im Südwesten ging es ins Naturschutzgebiet, beide Strecken waren relativ kurz, und sollten unsere Hauptwege werden.
   Der im Westen von Bremen liegende Hafen, in dem auch unser Schuppen stand, war ebenfalls schnell erreichbar. Soweit war alles recht gut organisiert. Schwieriger wurde es mit der östlichen Richtung, sie war länger und wir hatten hier auch noch keine geeignete Möglichkeit zum Untertauchen gefunden. Hier war ich noch auf der Suche nach einem Hinterhof oder einem ähnlichen, für unsere Zwecke geeigneten, Versteck.
   Wir holten die einzelnen Gruppen zu uns, wiesen sie in ihre Aufgaben ein, verteilten die Funkgeräte, gaben die Waffen aus und überprüften alles immer und immer wieder. Dann wurden Schießstunden abgehalten, um sie mit den Waffen vertraut zu machen. Nach den ersten Ergebnissen sagte ich zu Big Boss:
   »Lothar! Lass das mit den Waffen sein. Die schießen sich noch alle selbst tot oder bringen Unbeteiligte in Gefahr. Gebe denen ihre Messer, Ketten und Knüppel mit, damit können sie schon genug Schaden anrichten und Angst einflössend sieht das auch aus.«
   Der erste Unfall mit den Waffen ließ auch nicht lange auf sich warten. Ein Gruppenmitglied schoss sich bei der Übung so schlimm in den Fuß, dass der kleine Zeh amputiert werden musste. Dieser Vorfall war der entscheidende Auslöser für den Meinungswechsel von Big Boss.
   Die Zeit rückte immer näher und wir überprüften ein letztes Mal den gesamten Ablauf, die Aufgaben der Gruppen und die des Sonderteams. Alles war bereit!
   Zufrieden mit meiner Arbeit übergab ich, zwei Tage bevor der Aufmarsch stattfinden sollte, alles weitere an den Big Boss. Horst und ich machten uns anschließend auf den Weg nach Hamburg wo wir uns mit Wolfgang trafen und unsere Arbeit, die wir in Bremen geleistet hatten, noch einmal durchsprachen. Wir übernahmen Ware für England und freuten uns schon auf Südamerika, dem Ziel unserer Reise.
   Endlich wieder auf einem Schiff, fühlten wir uns schon wieder wohler. Wir setzten uns am Abend noch auf ein Bier zusammen und gingen dabei noch einmal alles durch was Bremen betraf, wir fanden keine Lücke und waren beruhigt. Am nächsten  Abend liefen wir in Richtung London aus.  
   Am Tag X befanden wir uns im Englischen Kanal kurz vor London als wir die Nachrichten hörten:
   Radio Bremen, Die Mittagsstunde!
   »Meine Damen und Herren, wie wir soeben erfahren haben, ist eine Motorrad Gang auf den Vorplatz des Bremer Hauptbahnhofes gefahren und hat dort fürchterlich randaliert, Schaufenster eingeworfen, Passagiere belästigt, Autos demoliert. Die Anzahl der Beteiligten wird mit weit über zweihundert Mann angegeben. Die Polizei ist zurzeit dabei dem gesamten Vorplatz mit Hundertschaften zu sperren um die Rocker festzunehmen. Es ist nicht bekannt wie eine so große Anzahl Randalierer ungesehen ins Zentrum von Bremen gelangen konnte. Die Polizei hat aber schnell reagiert und das betreffende Gebiet sofort abgesperrt. Wir geben jetzt zurück an die Zentrale, bleiben aber vor Ort und halten sie über die weiteren Ereignisse auf dem Laufenden.«
   Horst und ich sahen uns an, wir wurden kreidebleich. Zwei Mann und ein Gedanke, wir holten uns ein weiteres Bier und hopp und ex, weg war es. Langsam kehrte unsere Gesichtsfarbe zurück.
   >Was war in Bremen passiert? Was ist da abgegangen?<, fragte ich mich. Kein Wort von gesperrten Zufahrten oder defekten Einsatzwagen der Polizei. Wir klebten mit den Ohren am Lautsprecher um ja keine Meldung zu verpassen.
  
   »Meine Damen und Herren, wir schalten jetzt wieder um zu unserem Reporter in Bremen«, hörten wir aus dem Radio den Sprecher sagen.
   »Hallo Zentrale! Ich stehe hier am Rand des Bahnhofsvorplatzes und sehe gerade wie die Polizei den Kreis um die Rockergruppe immer dichter zieht. Die Rocker wehren sich mit Schlagstöcken und Ketten und die Polizei setzt Wasserwerfer ein. Immer mehr Demonstranten werden entwaffnet und zu den warteten Polizeifahrzeugen gebracht. Es sieht so aus, als wenn die Polizei jetzt alles im Griff hat. Ich gebe wieder zurück zur Zentrale.«
   Wir hatten erst Mittagszeit, sonst wäre jetzt noch ein Bier fällig geworden. Eigentlich sollte um dreizehn Uhr der Spuk vorbei gewesen sein und jetzt werden die Typen in Bremen nacheinander einkassiert. Von London aus mussten wir unbedingt mit Wolfgang telefonieren, der wusste bestimmt mehr über den Ablauf in Bremen. Bis dahin mussten wir uns in Geduld fassen.
   An Bord hatten wir einen Vorfall, der die weitere Reise stark beeinflussen sollte. Einer unserer Matrosen musste in London von Bord und ins Krankenhaus. Für Ersatz war schon gesorgt, aber was da an Ersatz an Bord kam war eine einzige Katastrophe. Ein Albino! Weise Haare, schneeweiße Haut und Augen wie aus Eiskristall, ohne jegliches Gefühl, einfach eiskalt. Dieser Typ machte uns das Leben an Bord zur Hölle. Er hatte zum Schluss die ganze Mannschaft, bis hin zum Kapitän, fest in seiner Hand. Ein Tyrann wie er im Buche stand. Ein Horrorfilm war, im Vergleich zu dem was wir in den folgenden Wochen erleben sollten, ein Kinderfilm.
   Das erste was wir in London machten, war die Übergabe der Ware, die wir aus Hamburg mitgebracht hatten, zu organisieren. Also telefonieren, den Code angeben, Treffpunkt der Übergabe festlegen. Zwischendurch habe ich den Briefkasten aufgesucht um zu sehen ob Nachrichten da waren, was natürlich der Fall war. Also hatten wir diesmal zwei Aufträge auszuführen, was nicht selten der Fall war. Beim ersten haben wir die Ware aus Hamburg übergeben und beim zweiten Treffen mit einer ganz anderen Gruppierung, haben wir Ware für Südamerika bekommen.
   Es lief auch diesmal alles ohne Probleme, schnell und routiniert ab. So dass wir noch an diesem Abend mit Wolfgang telefonieren konnten. Von ihm erfuhren wir, was wirklich in Bremen abgelaufen war. Big Boss und das Führungsteam hatten sich an meinem Plan gehalten und alles so in die Wege geleitet wie es abgesprochen war. Nur die einzelnen Gruppierungen selbst hielten sich nicht an die Abmachung.
   Sie dachten, dass die schnelle Art besser sei, also in die Stadt fahren, draufhauen und alles kaputt machen und schnell wieder raus, als mein umständlicher geplanter Ablauf, bei dem noch nicht einmal alle am Bahnhof hätten mitmachen können. Auch die Sonderteams hielten sich nicht an die Absprachen, sie dachten wohl auch, diesen Spaß kann man sich nicht entgehen lassen und auch sie fuhren deshalb direkt zum Bahnhof. Dass soviel Eigenmächtigkeit das ganze Unternehmen zum Scheitern bringen könnte, das haben sie nicht bedacht. Das war mal wieder ein tolles Beispiel dafür, dass Muskelkraft allein nichts bringt. Nur die Kombination von Muskelkraft und Verstand ist gefährlich und führt zum Erfolg. Damit war das Thema Bremen abgehakt, das Gebiet Bremen war fürs erste von Rockergangs gesäubert. Die Polizei konnte mit ihrer Arbeit zufrieden sein.
   Unser Schiff nahm unterdessen Kurs auf Panama und für uns begann das Drama an Bord. Mit dem Albino!
   Nach und nach hatte er die ganze Crew unter seiner Kontrolle gebracht und terrorisiert. Wir, das waren Horst, die beiden Jungmänner (Auszubildende im zweiten Lehrjahr) und ich, bekam es schon am frühen, nächsten Morgen zu spüren. Es war erst vier Uhr am Morgen, als unsere Tür ausgerissen wurde, der Albino reingestürmt kam und uns anschrie, wir sollten aufstehen. Wie um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, hielt er uns sein Messer an die Kehle und drohte uns diese auch durchzuschneiden, wenn es nicht schneller ginge.
   Dazu muss man wissen, dass er kein normales Messer benutzte, dieses Exemplar hatte einen Griff aus Elfenbein und dafür mehrere passende Einsätze. Der Messergriff war so gearbeitet, dass die drei verschiedenen Zusätze darin Platz fanden und innerhalb von Sekunden ausgewechselt werden konnten. Er hatte die Auswahl zwischen einem zweischneidigen Messer, einen Mahlspieker und einem Teil an dem die eine Seite aus einer Säge bestand und die andere als Miniaxt einsetzbar war. Durch einen Knopf im Griff konnte er diese Teile schnell wechseln, ohne auch nur ein Teil in die Hand zu nehmen. Die einzelnen Teile waren so in der Scheide eingelassen, dass er den Griff einfach nur über die Nut stecken und einrasten lassen musste. Die Teile hatten eine Länge von fünfzehn bis dreißig Zentimeter, mit dieser Waffe war nicht zu spaßen, schon gar nicht, wenn man erlebt hat wie er damit umgehen konnte.
   Auf diese Art und Weise wurden wir nun Tag für Tag geweckt. Nur die Zeit variierte, mal kam er schon um ein Uhr dann wieder erst um fünf Uhr. Gerade so, wie er es wollte. Mal kam er mit dem Messer, ein anderes Mal mit dem Beil und wenn er gerade Lust darauf hatte, dann floss auch mal etwas Blut. Aber das war nicht alles, auch während des Tages ließ er uns seine „Macht” spüren und schikanierte uns rund um die Uhr, wo er nur konnte, durch zusätzliche Arbeiten und hinterhältige Attacken.
   Zu allen nur erdenklichen Zeiten ließ er uns aufstehen, um irgendwelche Arbeiten zu verrichten, dann konnten wir uns wieder in unsere Kojen legen, nur um kurze Zeit später wieder von ihm geweckt zu werden.
   Ganz besonders viel Spaß hatte er an einem Messerspiel, dabei hielt er unsere Hand so auf dem Tisch fest, dass sie mit gespreizten Fingern wie angenagelt dalag, dann zog er sein Messer und stach ganz schnell zwischen den einzelnen Fingern hin und her. Manchmal ritzte er die Finger dabei auf, es hätte aber auch schlimmer kommen können.
   Bei diesem Spiel, das oft in den Hafenkneipen gespielt wurde, wird sonst immer gewettet wie lange man das ohne Verletzung schafft und dabei sind schon so manche Finger auf der Strecke geblieben. Man kann sich sicher vorstellen, dass wir dabei immer Blut und Wasser geschwitzt haben, vor allem dann, wenn er das im angetrunkenen Zustand gemacht hat.
   Das zog sich so bis Chile hin, unsere Nerven lagen blank und wir hatten die Nase voll. Wir berieten uns zu viert und kamen überein, dass der Albino von Bord musste. Da er in der Zwischenzeit die ganze Crew unter Kontrolle hatte, vom Smutje bis zum Kapitän, war das gar nicht so leicht zu bewerkstelligen. Es gab niemanden an Bord, der uns hätte helfen können oder wollen. Es war also Eigeninitiative angesagt. Wir begannen einen Plan zu entwerfen, um ihn zu beseitigen. Es musste auf jeden Fall an Land geschehen, dadurch würde kein Verdacht auf uns fallen. In Chile verschwanden schon mehrere Seeleute.
   Nur, dieses Vorhaben war gar nicht so einfach zu bewerkstelligen. Wir hatten keinerlei Informationen über ihn, was er so an Land macht und wohin er immer ging. Wer sollte uns diese Informationen geben. Freunde, mit denen er über seine Vorlieben und Gewohnheiten redete, hatte er ja nicht. Uns blieb also nichts anderes übrig, als ihn zu beschatten, um dann spontan und schnell zu handeln. Wir erstellten einen Plan, in dem organisiert war, wer ihn wie lange beobachten und beschatten sollte. Das klappte, wie wir meinten, an Bord auch ganz gut und ohne großes Aufsehen. Nur als er an Land ging fing es an schwierig zu werden. Wie sollten wir uns untereinander benachrichtigen, wenn es etwas Wichtiges zu berichten gab, oder wenn sich kurzfristig eine Gelegenheit bot ihn zu beseitigen? Wir vier teilten uns deshalb in zwei Gruppen ein. Aus dem Hinterhalt hätten zwei von uns bestimmt eine Möglichkeit gehabt ihn zu erledigen, dazu nahmen wir unsere Messer mit an Land.
   Während die anderen zwei damit beschäftigt waren, den Albino zu beschatten, erledigten Horst und ich unsere Briefkasten-, und Botengänge. So langsam wurden sie uns zur Routine, deshalb mussten wir uns immer wieder zur Sorgfalt und Vorsicht ermahnen, uns war klar, dass bei diesen immer wieder gleichen Abläufen die Gefahr bestand, nachlässig zu werden und wir uns zu sehr in Sicherheit wiegten. Also machten wir es uns zur unumstößlichen Gewohnheit, Augen und Ohren immer offen zu halten, egal was wir auch  machten.
   Wieder an Bord erfuhren wir, dass  die beiden Jungs die den Albino beschattet hatten, zwar eine Gelegenheit gehabt hätten ihn zu erledigen, es aber leider nicht getan haben. Na ja, auch verständlich, was erwartete ich denn von den sechzehn jährigen. Zumindest konnten sie uns erzählten was er alles gemacht hatte. Unsere Hoffnung war, dass er morgen das gleiche tun würde, dann hätten wir vielleicht eine Chance unseren Plan in die Tat umzusetzen.
   Am nächsten Morgen wurden wir wieder auf „Albinoart” geweckt und das bestärkte uns nur noch mehr in der Absicht ihn zu beseitigen. Wir waren durch den monatelangen Psychoterror so ausgelaugt, dass uns alles egal war, wir wollten nur noch ein schnelles Ende dieser nervenaufreibenden Zustände. Wir gingen früh von Bord und warteten hinter einem Schuppen darauf, dass auch der Albino an Land ging. Es dauerte sehr lange bis es so weit war, doch dann kam er endlich die Gangway herunter und ging in Richtung Stadt. Unauffällig schlichen wir hinterher. 
   Wir mussten eine ruhige, dunkle Stelle finden um ihn zu schnappen und es musste schnell gehen. Wir durften es nicht auf eine offene Konfrontation ankommen lassen, da wir keine Chance gegen ihn hatten. Wir mussten aus dem Hinterhalt agieren, mussten ihn überraschen. Aber genau so ein Hinterhalt bedurfte eigentlich einer genaueren Planung, aber dafür hatten wir nicht genügend Zeit. Also war die Devise, so weitermachen wie bisher. Er mied dunkle Ecken, ging immer in der Straßenmitte und bewegte sich schnell und geschmeidig. Punkte, die einen Zugriff unmöglich machten. Er hatte auch die Erfahrung sich, durch ständiges wechseln der Richtungen und durch die Beobachtung seiner Umgebung, zu schützen. An diesem Abend fanden wir keine Möglichkeit mehr, ihn verschwinden zu lassen und auch in den nächsten Häfen sollte das nicht anders sein.
   In unserer Verzweiflung dachten wir auf der Rückfahrt schon daran, einen Killer anzuheuern, der ihn an Land einfach ausschalten sollte. Solche Personen gibt es hier in Südamerika wie Sand am Meer, für Geld bekommt man eben alles. Selbst mir hatte man schon einmal so einen Job angeboten und deshalb kenne ich auch die Risiken derjenigen die solche Leute suchen. Das war auch der Grund warum wir zögerten.
 
   Den Killer mussten wir vorher bezahlen oder wenigstens anzahlen und wir hatten keine Möglichkeit zu verhindern, dass er mit dem Geld einfach verschwinden würde ohne seinen Auftrag auszuführen. So hatte der Albino das Glück, bis Hamburg zu überleben.
   Der Kapitän hatte wohl auch die Nase von ihm voll gehabt und deshalb der Reederei Bescheid gesagt, dass sie eine Ablösung für ihn schicken sollten. Denn kaum hatten wir in Hamburg festgemacht, stand auch schon seine Ablösung an der Pier.
   Als wenn er es gerochen hat, dass ich hier in Hamburg am längeren Hebel sitze, war er so schnell von Bord verschwunden, dass es niemand sofort bemerkte. Ich hatte Wolfgang schon angerufen und informiert, dass wir ein paar Jungs gebrauchen könnten, die uns auf ihre spezielle Art und Weise von diesem Ungeheuer befreien sollten und er hatte uns seine Hilfe zugesagt. Auch eine sofortige Suche nach ihm verlief ergebnislos. Er verschwand auf nimmer Wiedersehen aus meinem Leben, so schnell und endgültig wie er aufgetaucht war.
   Eine Zeitlang danach habe ich noch einige Erkundigungen eingezogen um heraus zubekommen, wo er sich herumtreibt und habe in Erfahrung bringen können, dass er auf einem ausländischen Schiff angeheuert hatte und nach Asien gefahren war. Meine weitere Suche verlief hier endgültig im Sand und ich hatte auch keine Lust mehr, mir für diesen Typ noch mehr Arbeit zu machen.
   Als ich später meiner Mutter von ihm erzählte und den Namen erwähnte, sagte sie ganz erstaunt, dass sie ihn kenne. Er war immer ein sehr freundliches Kind, hat sie mir erzählt und konnte es nicht glauben als ich meine Geschichte erzählte. Sie war damals Kindergärtnerin gewesen und hatte ihn dort in ihrer Gruppe gehabt. Dieser Teufel musste gewusst haben, wer ich bin!

 
Sardinien

L
angsam wurde es etwas kühler und ich schaute auf die Uhr, es war schon nach Mitternacht.
»Wollen wir ins Bett gehen mein Schatz«, fragte ich Eva.
»Schade... «, antwortete sie. »... Es war gerade so spannend. Aber du hast Recht, morgen... Ach nein, heute ist ja auch noch ein Tag«, sagte sie lachend und stand auf.
   »Ich schau noch einmal in den Pferdestall ob alles in Ordnung ist, bis gleich Liebes«, sagte ich zu ihr und ging langsam um das Haus herum zum Stall.
 
* * *

 Eva ging ins Haus brachte das Geschirr in die Küche und dachte dabei:
   >Carlo beschäftigt irgendetwas. Er macht so ein nachdenkliches Gesicht, er macht sich über irgendetwas Gedanken und Sorgen. Ich glaube ich werde ihn etwas ablenken und überraschen wenn er gleich kommt.<
   Sie ging ins Badezimmer und legte ihre Kleidung ab, bei dem Gedanken was sie gleich vorhatte, wurde es ihr schon ganz warm. Sie duschte sich lauwarm ab und ging dann ins Schlafzimmer. Sie schlug die Bettdecke zurück und ein wohliger Schauer der Lust lief ihr über den Rücken. Sie hörte Carlo ins Haus kommen und in die Dusche gehen, sie war voller Vorfreude und Sehnsucht nach ihm. Das warme Gefühl zwischen ihren Schenkeln bereitete sich langsam über ihren ganzen Körper aus.
Als sie hörte wie die Dusche abgestellt wurde, legte sie sich nackt auf das Bett. Die Tür ging auf und Carlo kam nackt und vor Feuchtigkeit glänzend in das Schlafzimmer. So wie er da im Türrahmen stand, mit seinen 175 cm und der athletischen Figur, braungebrannt mit grau melierten kurzen Haaren, machte sie noch heißer.


* * *

      Ich war auf dem Weg zum Stall. Es war ruhig, kein Auto war zu hören, kein Flugzeug, nur die Geräusche der Natur. Da kam aus dem dunklen Stall ein Schatten auf mich zugeflogen.
   »He Blacky, alles klar im Stall? Mach langsam, nicht so stürmisch.«
Schwanz wedelnd stand er vor mir, ich kraulte ihm hinter den Ohren und streichelte seine Brust. Er lief neben mir her in den Stall. Ich sah in die einzelnen Boxen und begrüßte sie und freute mich schon auf den heutigen Vormittag, wenn wir zusammen ausreiten würden, dann gab ich Blacky noch etwas Leckeres für die Nacht. Es waren alle versorgt und ich ging langsam zurück ins Haus, um mich für die Nacht fertig zu machen. Mein Weg führte mich gleich unter die Dusche, wo ich mir wohlig das lauwarme Wasser über den Körper laufen ließ, zum Schluss drehte ich den Wasserhahn auf kalt und bekam eine Gänsehaut.
   Als ich ins Schlafzimmer kam sah ich, im Mondlicht das durch das Fenster viel, Eva auf dem Bett liegen wie Gott sie erschaffen hatte. Lange schlanke Beine, einmetersiebzig groß, schwarze lange Haare und dunkle, unergründliche Augen.
   »He du! Seemann. Komm und nimm mich endlich. Oder muss ich mir jemanden anderes ins Bett holen?«, hörte ich ihre verführerische Stimme.
   Ich ging zum Bett und legte mich neben Sie. Langsam fingen wir an uns zu liebkosen und streichelten uns am ganzen Körper. Ich küsste ihre Brustwarzen und spielte mit meiner Zunge. Sie stöhnte leicht auf und streckt mir ihre Brüste noch mehr entgegen. Meine Hände glitten langsam über ihre Schenkel hinauf zu ihrem Venushügel. Ihre Hände streichelten suchend über meinen Körper. Wir liebten uns in dieser Nacht so, als wenn es unsere letzten Stunden wären. Stürmisch, fordernd und zärtlich zugleich.

   Am Morgen wurden wir durch das Bellen von Blacky geweckt. Im Sommer hatten wir immer die Fenster offen stehen, sie waren nur durch ein Fliegengitter geschützt. Ich sprang aus dem Bett und schaute aus dem Fenster Richtung Meer. Hier war nichts zu sehen, also lief ich in die Küche und sah vorne raus, zum Stall.
   Da sah ich, wie zwei Männer langsam den Weg vom Berg herunter und auf unser Haus zukamen. Blacky stand sichernd am Stall und rührte sich nicht vom Fleck, nur seine Nackenhaare standen aufrecht als Zeichen dafür, dass er voll angespannt war.

   Da ich nackt war, ging ich ins Schlafzimmer um mir eine Hose anzuziehen und ein Polohemd überzuziehen. Dann sagte ich zu Eva, dass wir ungebetenen Besuch bekommen und sah zu, dass ich nach draußen zu Blacky kam. Gerade bog ich um die Hausecke, als die beiden den Weg zum Haus einschlugen. Ich rief Blacky zu mir. Er kam angeschossen wie ein Blitz und sah die beiden lauernd an.
   »Bon Giorno«, sprach ich die beiden an, blieb stehen und lies sie auf mich zukommen. So konnte ich sie eingehend betrachten und mir ein Bild von ihnen machen.
   »Guten Morgen«, sagten sie fast gleichzeitig und streckten mir ihre Hände zum Gruße entgegen.
   »Sprechen sie vielleicht auch deutsch?«, fragten sie mich.
   »Ja, das tue ich«, antwortete ich ohne ihnen die Hand zu geben. 
   »Oh schön! Dann müssen wir nicht unser dürftiges italienisch ausgraben.«
   »Wie kommen sie den hierher?«, fragte ich die beiden.
   »Ja, wir sind einfach den Feldweg nachgegangen und wollten ans Meer«, antwortete der links stehende.
   »Da kommen sie auf diesen Weg zwar hin, aber sie befinden sich auf einem Privatgrundstück«, gab ich zur Antwort.
   »Entschuldigung! Das tut uns leid, dass wussten wir nicht. Da gehen wir mal wieder zurück«, sagte der zweite und sie wandten sich ab um wieder zur Strasse zurück zu gehen.
   »Ich werde sie zurück begleiten«, sagte ich und während ich mich den beiden anschloss.
   »Komm Blacky!«, sagte ich zu ihm und er lief neben mir her.
   »Ist gut mein Bester, komm wir gehen ein wenig spazieren«, redete ich weiter zu ihm um ihn etwas zu beruhigen. Ich sah noch einmal zurück und bemerkte Eva am Fenster stehen. Ich gab ihr ein Zeichen, dass wir in fünfzehn Minuten wieder zurück sind.
   »Gehört das alles ihnen?«, fragte mich einer der beiden.
   »Ja, ist unser Altersruhesitz«, gab ich ihnen zur Antwort und streichelte beruhigend Blacky den Rücken.
   »Da haben sie sich aber ein schönes Fleckchen Erde ausgesucht, genau wie der Hund. Ist ein sehr schönes Tier.« Ich nickte nur, ohne darauf zu antworteten. Auf diese Art von Konversation hatte ich, so früh am Morgen und ohne Frühstück, keine Lust.
   Ich war nur gespannt, was diese beiden Herren wirklich hier wollten, denn groß verlaufen konnte man sich hier wirklich nicht und ein Hinweisschild Privat-Grundstück, war sogar in vier Sprachen unten am Weg angebracht.
   »Machen sie Urlaub auf Sardinien?«, stellte ich neugierig meine nächste Frage.
   »Nein! Eigentlich sind wir geschäftlich hier, wir haben heute nur etwas Zeit und wollten schwimmen gehen«.
   In der Zwischenzeit waren wir über den Hügel gekommen und man konnte unten die Strasse die zum Dorf führte erkennen. Hier gab es keinen Parklatz und ich sah einen Wagen direkt in unserer Wegeinfahrt, vor dem geschlossenen Tor, stehen.
   »Ist das ihr Wagen«, fragte ich und deutete mit der Hand hinunter zu dem Fahrzeug.
   »Ja«, war die kurze und knappe Antwort. Ich blieb stehen und sagte:
   »Fahren sie einfach auf der Strasse weiter Richtung Stadt. Dort finden sie dann auch einen Weg der sie ans Meer führt.«
   »Danke und noch einen schönen Tag wünschen wir ihnen.«
   Ich blieb stehen und beobachtete sie weiter, bis sie in den Wagen stiegen, losfuhren, und den Weg zur Stadt einschlugen. Erst als sie außer Sichtweite waren, drehte ich mich um und ging nachdenklich zurück zum Haus. Irgendetwas hat mir an diesen beiden Kerlen nicht gefallen. Erst als wir am Frühstücktisch saßen, erzählte ich Eva die Geschichte mit den beiden.
   »Ich glaube wir sollten für Blacky noch ein oder zwei Spielkameraden holen, damit er nicht so alleine ist. Außerdem kann es auch nicht schaden, ein wenig mehr für unsere Sicherheit zu tun«, sagte ich und biss ein Stück vom Landbrot mit Blütenhonig ab. Sie sah mich nachdenklich an und sagte dann zu mir:
   »Meinst du denn, dass die beiden etwas anderes wollten als nur ans Meer zu gehen?«
   »Keine Ahnung. Aber mein Gefühl sagt mir, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wir sollten nach dem Frühstück mal rüber reiten zu Luciano und mit ihm reden. Vielleicht ist ihm ja in letzter Zeit etwas im Dorf aufgefallen.«
   Luciano, war  Leiter unserer Polizeistation und ziemlich auf Draht. Er war immer über alles bestens informiert, was in dieser Gegend so passierte und er war immer sehr wachsam.
   »Ja, das machen wir. Ich freue mich schon auf unseren Ausritt. Dann könnten wir aber auch gleich rüber zu Betti reiten, um zu sehen, ob sie noch zwei schöne Hunde für uns hat.«
   »Das ist eine gute Idee. Wir lassen Blacky aber heute lieber hier«, sagte ich und nahm mir noch ein Stück von dem Landkäse.
   »Ich räume gleich ab und du kannst ja schon einmal die Pferde satteln«, sagte sie fröhlich und voller Vorfreude, als wenn nichts gewesen wäre.
   Nach dem Frühstück zog ich mir die Reithose an, ging zum Stall und fing schon an die Pferde zu satteln. Als Blacky das sah, tollte er schon voller Freude auf den Ausritt, um mich herum.
   »Tut mir leid Blacky, aber heute musst du hier bleiben und auf das Haus aufpassen.« So, als wenn er es verstanden hätte zog er sich schmollend in eine Ecke zurück. Ich nahm die beiden Pferde an die Zügel und ging Richtung Haus, als mir Eva auch schon entgegen kam. Sie sah einfach wieder umwerfend aus in ihrem Reiterdress. Die Lederhose, das karierte Hemd mit dem Schal um den Hals, das betonte ihre Figur ungemein. Wir stiegen auf und da kam auch schon Blacky angelaufen. Ich zeigte aufs Haus und sagte zu ihm:
   »Bleib, mein guter. Heute bleibst du hier, musst auf das Haus aufpassen.« Er sah zu Eva, in der Hoffnung, dass sie vielleicht was anderes sagt. Aber auch sie wiederholte den Befehl noch einmal. Daraufhin legte er sich auf die Terrasse und sah uns nicht mehr an, wir ritten los und genossen die Ruhe und die Natur.
   Eigentlich wollten wir hier zurückgezogen unseren Lebensabend verbringen und genießen. Die Geschäfte sollten von unserem Geschäftsführer und den Abteilungsleitern weiter geführt werden. Aber wenn schon zwei Typen, wie die beiden heute Vormittag, hier herumlaufen, wird es doch noch mal Zeit sich selbst um diese Geschichte zu kümmern. Außerdem wird es sicher nicht schaden, hier gewisse technische Einrichtungen zur Sicherung installieren zu lassen.
   Außer drei Personen weiß bis jetzt niemand in unserer Firma, dass wir hier auf Sardinien ein Haus haben und wir uns hier öfter aufhalten. Unsere Chefsekretärin Barbara Rausch, die in der Zentrale alle Geschäftseingänge und Anfragen bearbeitet und an die jeweiligen Abteilungen verteilt. Bei schwierigen Entscheidungen nimmt sie Verbindung über das Handy mit uns auf. Dann Peter Steiner, dem Geschäftsführer unserer Holding und Manfred, Leiter der Operation Group.

   Durch eine Erbschaft, Aktiengeschäfte und den Verkauf von Immobilien bauten Eva und ich uns ein neues Leben auf, ein Leben mit der E + K Holding GmbH. Ein Unternehmen, das wir nach und nach vergrößerten und das aus mehreren Firmen besteht. Speditionen, ein Autohaus, ein Unternehmen für Personen-, und Objektschutz, das in ganz Europa seine Büros hat. Wir haben Anteile an einem Elektrokonzern und kauften uns Sportschulen dazu, um unsere Leute unauffällig ausbilden zu können. So hatten wir die Möglichkeit, unsere Operation Group unbemerkt aufzubauen. Wir wollen im Hintergrund aktiv sein. Der Sinn dieser Operation Group war, Personen zu helfen die sich alleine nicht helfen konnten.
   Wir werden bei Entführung oder Erpressung gerufen um zu Helfen, wir suchen Vermisste, wir befreien Entführte aus den Händen der Geiselnehmer und unterstützen auch Behörden, wenn sie alleine nicht so können wie sie gern wollten, weil die Gesetzgebung zu starr und unflexibel ist. Wir agieren weltweit, aber unsere Auftrageber kommen meist aus dem Europäischen Bereich. Es gibt nur zwei Möglichkeiten mit der Operation Group Kontakt aufzunehmen, die erste ist über Manfred Kaminski, Leiter der Operation Group. Er hat sein Büro in der Firmenzentrale, hier laufen auch alle Fäden zusammen. Er hat den totalen Überblick über alle Aktionen und deren Stand. Die zweite Möglichkeit der Kontaktaufnahme ist über unseren Firmen Anwalt und Freund Dietmar Pfeiffer. Er hat in Deutschland mehrere Soziteten eröffnet, wobei wir ihm halfen. Er selbst ist eigentlich immer nur für uns tätig, es gibt bei den Aktionen immer etwas zu tun. Da wir bei unseren Einsätzen auch immer die Rechtslage des jeweiligen Landes berücksichtigen mussten und ab und zu hart an der Grenze agieren, ist er uns immer eine sehr große Hilfe. Seine sehr guten Kontakte zu ausländischen Kanzleien sind uns immer sehr hilfreich. 
   Unsere Operation Group besteht aus mehreren Teams, die alle eines gemeinsam haben, alle Angehörigen der Teams wurden einmal ausgebildet zum Auskundschaften, Vernichten oder auch zum Töten. Es sind ehemalige KSK Soldaten (Kommando Spezialkräfte), denen man nachsagt:
   >Keiner sieht sie kommen. Keiner weiß, dass sie da sind. Und wenn ihre Mission beendet ist, gibt es keinen Beweis dafür, dass sie jemals da waren<, französische Söldner, Soldaten der U.S. Special Forces (Green Berets),
   der britischen Special Air Service (SAS) und den U.S. Navy Seals, sowie Bodyguards, ausgebildet für den Personen und Objektschutz, in unserer Truppe tätig. Wir sind eine verschworene Gemeinschaft, die ihr Erlerntes und ihr können, nur noch für einen Zweck einsetzen wollen. Anderen zu Helfen!
   Unsere Operation Group besteht aus zwei Komlei Bussen, die im Norden und im Süden Europas stationiert sind, einer im Raum Berlin und einer im Süden, in Nord-Italien. Diese Busse sind besetzt mit sieben Personen Stammpersonal, alles Techniker, Kommunikations- und Computerfachleute. Zu jedem Bus gehörten acht, zwei Mann bzw. Frauen Teams, die wir, bis auf zehn Teams aufstocken können. Dazu greifen wir auf unsere Bodyguards vom Personen-, und Objektschutz zurück. Zu einem Komlei Busse gehört ein Techniker Truck, der die nötigen Fahrzeuge transportiert und technisch wartet, im Track gab es Motorräder und Autos.
   Zu den Komlei Teams Nord und Süd gehören: ein Bus, ein Track bestückt mit vier Motorrädern und zwei Wagen, und acht Teams mit acht Fahrzeugen. Die sich aber nicht immer im Umkreis vom Bus befinden müssen. Vier dieser Teams sind in einem Umkreis von 200 bis 300 Kilometern um den Bus verteilt. Nur vier Teams befinden sich direkt beim Bus. Alle Fahrzeuge haben über ein gemeinsames Kommunikationsnetz die Möglichkeit sich alles auf ihre, in den Fahrzeugen eingebauten Monitore, geben zu lassen. Die Komlei Busse bilden in diesem Fall den Dreh-, und Angelpunkt des Geschehens und überwachen auch das Datennetz. Dann hatten wir noch ein Küstenmotorschiff, die MS „Freya“ und zwei Motorjachten, die „Sea King“ und die „Sea Princess“, im Mittelmeer liegen. Zwei Lear Jets und Hubschrauber waren zum Transportieren der Mannschaft oder Kunden da.
   Es ist genug Kapital vorhanden um gut leben zu können und uns eben diesen Lebenstraum erfüllen zu können, Armen und Schwachen zu helfen die sonst keine Hilfe zu erwarten haben. Weil wir gewissen Staaten auch da helfen, wo sie selbst nichts machen können, haben wir dadurch gewisse Freizügigkeiten erlangt.

   In der Zwischenzeit waren wir bei Luciano im Dorf angekommen, setzten ab, banden unsere Pferde fest und gingen in die Polizeistation.
   »Guten Morgen Luciano…«, begrüßte ich ihn. »… Wie geht es deiner Familie.«
   »Guten Morgen Luciano«, begrüßte ihn auch Eva.
   »Bon giorno Signora Eva, Dottore. Danke der Nachfrage und wie geht es euch beiden?«
   »Wie du siehst sind wir beide bei bester Gesundheit und guter Laune. Luciano, heute Morgen hatte ich eine sonderbare Begegnung mit zwei Männern. Sie haben sich bei uns auf dem Grundstück rumgetrieben und sich als Geschäftsleute ausgegeben. Als ich sie angesprochen habe, sagten sie, sie hätten sich verlaufen. Aber wir haben, wie du ja weißt, überall Schilder mit der Aufschrift Privat Grundstück stehen und sogar in mehreren Sprachen. Weißt du etwas über die zwei Fremden hier im Dorf?« Luciano sah uns fragend an und meinte dann:
   »Was meinst du mit sonderbarer Begegnung?«
   »Na ja, sie verhielten sich eben nicht wie Touristen, sie stellen mir einfach zu viel Fragen.« Er sah uns nachdenklich an.
   »Ist irgendetwas passiert, dass ihr annehmen könntet, dass es keine Touristen sind?«
   »Ihr Verhalten und ihre Kleidung war auf keinen Fall die von Touristen. Sie schauten sich sehr interessiert das Grundstück und das Haus an. Wenn Blacky sich nicht gemeldet hätte, wären sie unbemerkt bis ans Haus gekommen. Deshalb haben wir uns entschlossen, etwas mehr für die Sicherheit zu tun. Wir reiten auch gleich weiter zu Betti und holen uns noch zwei Hunde dazu.«
   »Gut, ich werde mich umhören und das mit den Hunden finde ich sehr gut. Betti hat die besten, da könnt ihr euch darauf verlassen«, er griff zum Telefon und wählte eine Nummer.
   »Werde mal im Hotel nachfragen. Wenn überhaupt, dann werden die bestimmt dort abgestiegen sein.«  
   »Guten Tag Rosa, hier ist Luciano. Haben sich bei euch zwei Gäste aus Deutschland einquartiert?«
   »Gut, sei so lieb und bring mir doch die Anmeldeformulare heute noch rüber, Ciao Rosa.« Er legte den Hörer auf und wandte sich an uns.
   »Ja, du hattest Recht. Im Hotel sind gestern zwei Männer aus Deutschland abgestiegen, sie wollen bis übermorgen bleiben.«
   »Wir danken dir sehr Luciano. Bis später Luciano, ich komme  noch mal vorbei um mir die Daten der beiden  anzusehen, wenn du nichts dagegen hast.«
   »Nein, komme ruhig, die Anmeldeformulare liegen dann eben hier im Korb«, sagte er und zeigte auf einen Aktenkorb neben dem Telefon.
   »Danke Luciano. Ciao«, sagte ich und wir gingen nach draußen, nachdem sich auch Eva von ihm verabschiedet hatte. Wir stiegen auf die Pferde und ritten weiter zu Betti, die ihr Haus am Dorfrand hatte. Während wir unterwegs waren, tat ich etwas, was man sonst nicht unbedingt auf einem Pferd tun sollte. Ich nahm mein Handy und telefonierte mit Peter Steiner unserem Geschäftsführer.
   »Guten Morgen Peter, wie geht es bei euch?«
   »Guten Morgen Carlo, du weißt doch, wenn du nichts von uns hörst, geht alles seinen gewohnten Gang. Was liegt dir auf dem Herzen, du rufst doch nicht nur an um dich nach uns zu erkundigen?«
   »Nein du hast Recht Peter, wir benötigen zwei Männer von der Operation Group hier bei uns. Wer ist verfügbar?«
   »Was ist passiert, wolltest doch, dass euer Aufenthaltsort geheim bleiben sollte.«
   »Ja, stimmt. Aber es treiben sich hier zwei Typen herum und es macht mir den Eindruck, dass sie gezielt nach uns gesucht haben.«
   »O.K. ich sage Manfred Bescheid, er ruft dich dann gleich an und sagt dir wer frei ist und kommt. Wie geht es Eva und wie ist das Wetter bei euch, lohnt es sich dort Urlaub zu machen?« 
   »Danke der Nachfrage, Eva geht es auch gut und sie lässt dich Grüßen. Wir haben es hier siebenundzwanzig Grad und genießen die Ruhe, bis jetzt jedenfalls. Damit es so bleibt, benötige ich zwei Männer die ein Auge auf unser Grundstück, und vor allem, die beiden Typen werfen. Gut Peter, ich warte dann mal auf den Anruf von Manfred, einen schönen Tag noch und Tschüss.«
   Ich unterbrach die Verbindung und wartete auf den Rückruf von Manfred, unserem Leiter der Operation Group. Es dauerte auch nicht lange und das Handy klingelte, ich nahm das Gespräch an:
   »Pronto?«
   »Hi Carlo, hier ist Manfred. Peter sagte mir gerade, dass ihr ein Team braucht, reicht denn eins? Gibt es Probleme oder ist gar Gefahr im Verzug? Wie geht es Eva?«
   Das war mal wieder typisch Manfred, sobald es im Dunstkreis von Eva Probleme gab, hätte er am liebsten seine ganze Armee geschickt.
   »Hallo Manfred, ja es reicht ein Team. Eva geht es auch gut. Es geht nur darum, dass sich hier zwei Männer herumtreiben und ich möchte auf Nummer sicher gehen und kein Risiko eingehen. Wann können die beiden hier auf Sardinien sein und wen schickst du uns?«
   »Es kommen Pit und Josef, ich lass sie sofort mit dem Lear Jet runter fliegen und mit dem Heli zu euch bringen. Dann sind sie in spätestens fünf Stunden unten.«
   »Gut, das reicht aus. Bis dahin sind wir auch wieder im Haus.«
   »Gut, ich veranlasse jetzt alles. Noch schöne ruhige Tage da unten und Grüße Eva von mir. Tschüss.«
   »Ja danke, dass mache ich. Tschüss.«
   Ich unterbrach die Verbindung. Unterdessen waren wir auch schon bei Betti angekommen. Betti war eine ganz liebe Freundin von uns, sie kommt aus Hamburg und hat hier unten eine Hundezucht aufgebaut. Sie züchtet verschiedene Rassen, aber alle haben eines gemeinsam, es sind Hunde, die für den Schutz- und Sicherheitsdienst eingesetzt werden. Sie bildet sie selbst aus, aber alles ohne Gewalt. Blacky haben wir damals auch von ihr bekommen.
   Wir stiegen im Hof ab, banden die Pferde fest, lösten die Sattelgurte und sahen uns um, wo konnte sie stecken? Eva ging zu Haustür und betätigte die Klingel, ich schlenderte zur Scheune um zu sehen, ob sie sich dort aufhielt. Eva hatte Glück, Betti öffnete die Haustür und sagte erfreut:
   »Hallo, ihr beiden. Was führt euch zu mir. Kommt rein auf einen Wein oder lieber einen Grappa?«, fragte sie lachend.
   »Hallo Betti. Nein, nein lieber einen Wein. So früh trinken wir nichts Scharfes«, antwortete Eva und wir gingen durchs Haus auf die Terrasse und setzten uns in die bequemen Korbstühle. Betti schenkte uns, aus einer Karaffe, jedem ein Glas Wein ein und sah uns fragend an.
   »Was führt euch denn so früh am Tage zu mir?«
   »Der Grund ist, wir hätten gern noch zwei Hunde bei dir gekauft. Hast du denn noch welche, so kurzfristig, für uns da?«
   »Oh ha, so schnell noch zwei Hunde? Ist was bei euch passiert und wie geht es Blacky? Ihr wisst wie viel einer kostet«, sagte sie und sah uns beide an.
   Natürlich war die Frage schon berechtigt, denn die Hunde von Betti waren bestimmt nicht kostengünstig zu nennen. Aber sie waren auch jeden Euro wert. Sie werden zwar für den Wach-, und Sicherheitsdienst ausgebildet, aber sie sind Tiere mit Herz und Verstand.
   »Blacky geht es sehr gut, wir haben ihn nur zu Haus gelassen damit er aufs Haus aufpasst. Bei uns haben sich heute zwei Männer herumgetrieben.
   Das machte uns klar, dass Blacky alleine für das Grundstück nicht ausreicht und es auch schön wäre, wenn er Spielkameraden hätte. Deshalb wollen wir noch zwei dazu kaufen.«
   »Ich habe gerade vier hier. Zwei davon sind schon mit der Ausbildung fertig, die habe ich aber eigentlich schon einem Kunden in der Schweiz versprochen. Für die anderen  zwei würde ich noch vier Wochen für die Ausbildung benötigen. Er wollte ja sowieso erst in fünf Wochen kommen und sie abholen, das würde dann ja auch noch reichen. Dann kann er ja die zwei bekommen.«
   Bei Betti bestellt man die Tiere und man sagt ihr wofür man sie einsetzen will. Dann werden sie von ihr ausgebildet und dressiert. Sind sie fertig ausgebildet, muss man sie selbst abholen und etwas Zeit mitbringen. Sie hat mehrere Zimmer zum Vermieten und da kann man sich auch einquartieren. Dann beginnt die Gewöhnungsphase zwischen Hund und dem neuen Besitzer.
   »Gut... «, sagte ich; »... das wäre toll, dann könnten wir ja schon morgen mit der Eingewöhnung beginnen. Was sind es denn für Tiere?«
   »Ich kann euch Curly und Red geben. Curly ist ein Curly Coated Retriever, die sind robust und witterungs- unempfindlich. Sie sind ausgezeichnete Schwimmer und vielseitig einsetzbar. Als Jagdhunde, Rettungshunde oder Schutzhunde. Hat einen eigensinnigen Charakter und benötigen eine konsequente Erziehung. Curly ist temperamentvoll und benötigt Familienanschluss und viel Platz zum Austoben, was ja bei euch gegeben ist. Er ist achtundsechzig Zentimeter groß und wiegt vierzig Kilo, seine Farbe ist schwarz. Dann ist da noch Red, ein Rhodesian Ridgeback. Sie werden  auch Löwenhunde genannt, weil sie zur Löwenjagd genommen werden. Sie sind intelligent, lernfreudig, lebhaft, mutig und reaktionsschnell. Red ist ein ausgezeichneter Wach-, und Schutzhund, aber er will die Befehle die man ihm gibt verstehen und denkt nach, bevor er sie ausführt. Er ist freundlich und benötigt sehr viel Einfühlungsvermögen. Seine Größe ist neunundsechzig Zentimeter und er wiegt fünfundvierzig Kilo. Die Fellfarbe ist rotweizenfarben, deshalb auch der Name Red«, zählte sie die Vorteile der beiden Hunde auf.
   »Kommt doch mit rüber zu den Stallungen, dann könnt ihr sie euch ja mal ansehen«, sagte sie und stand auch schon auf. Wir gingen über die Terrasse zum Hundezwinger und sahen uns die Tiere an. Eva war von den beiden sofort begeistert, vor allem von Red.
   »Oh ja! Die nehmen wir«, sagte sie schwärmerisch.
   »Gut, dann komme ich morgen früh mit den beiden rüber und wir  fangen mit der Gewöhnung an.«
   Wir verabschiedeten uns von Betti und ritten zurück zum Haus. Wir mussten noch ein paar Vorbereitungen für die beiden Jungs aus Deutschland  treffen.
   In Sichtweite unseres Hauses pfiff ich und schon kam ein schwarzer Blitz aus dem Stall gefegt und lief uns entgegen. Blacky freute sich uns wieder zu sehen. Am Küchenfenster tauchte ein Kopf mit schwarzen Haaren auf, dass war Anna unsere gute und fleißige Seele. Sie kommt jeden Tag und hilft im Haus und wenn wir Gäste haben kocht sie auch gute sardische Küche. Wir winken ihr zu und sie winkt freudestrahlend zurück. Im Stall satteln wir die Pferde ab, striegeln sie und geben ihnen noch ein paar Möhren. Dann gehen wir zum Haus.
   »Mein Lieber, jetzt machen wir folgendes. Du setzt dich jetzt auf die Terrasse und spannst ein wenig aus und ich informiere Anna, dass Besuch kommt und sie so gut sein soll das Gästehaus herzurichten. Dann besorge ich uns noch ein kaltes Getränk, etwas zu Knabbern und du erzählst dann noch ein wenig aus deiner Vergangenheit bis unsere beiden Männer ankommen.«
   »Du hast immer gute Ideen mein Schatz«, sagte ich, ging zur Terrasse um mich schon einmal in die Sitzgruppe zu setzten, die Beine hoch zu legen und auf Eva zu warten. Sie brachte uns eine Karraffe mit schön gekühltem Wasser mit, eine Schale mit Dolce Sarde und setzte sich zu mir.
   »So, jetzt haben wir alles was wir brauchen, jetzt kannst du anfangen zu erzählen. Ich bin schon ganz gespannt wie die Geschichte weitergeht.«


Sardinien

L
angsam wurde es etwas kühler und ich schaute auf die Uhr, es war schon nach Mitternacht.
»Wollen wir ins Bett gehen mein Schatz«, fragte ich Eva.
»Schade... «, antwortete sie. »... Es war gerade so spannend. Aber du hast Recht, morgen... Ach nein, heute ist ja auch noch ein Tag«, sagte sie lachend und stand auf.
   »Ich schau noch einmal in den Pferdestall ob alles in Ordnung ist, bis gleich Liebes«, sagte ich zu ihr und ging langsam um das Haus herum zum Stall.
 
* * *

 Eva ging ins Haus brachte das Geschirr in die Küche und dachte dabei:
   >Carlo beschäftigt irgendetwas. Er macht so ein nachdenkliches Gesicht, er macht sich über irgendetwas Gedanken und Sorgen. Ich glaube ich werde ihn etwas ablenken und überraschen wenn er gleich kommt.<
   Sie ging ins Badezimmer und legte ihre Kleidung ab, bei dem Gedanken was sie gleich vorhatte, wurde es ihr schon ganz warm. Sie duschte sich lauwarm ab und ging dann ins Schlafzimmer. Sie schlug die Bettdecke zurück und ein wohliger Schauer der Lust lief ihr über den Rücken. Sie hörte Carlo ins Haus kommen und in die Dusche gehen, sie war voller Vorfreude und Sehnsucht nach ihm. Das warme Gefühl zwischen ihren Schenkeln bereitete sich langsam über ihren ganzen Körper aus.
Als sie hörte wie die Dusche abgestellt wurde, legte sie sich nackt auf das Bett. Die Tür ging auf und Carlo kam nackt und vor Feuchtigkeit glänzend in das Schlafzimmer. So wie er da im Türrahmen stand, mit seinen 175 cm und der athletischen Figur, braungebrannt mit grau melierten kurzen Haaren, machte sie noch heißer.


* * *

      Ich war auf dem Weg zum Stall. Es war ruhig, kein Auto war zu hören, kein Flugzeug, nur die Geräusche der Natur. Da kam aus dem dunklen Stall ein Schatten auf mich zugeflogen.
   »He Blacky, alles klar im Stall? Mach langsam, nicht so stürmisch.«
Schwanz wedelnd stand er vor mir, ich kraulte ihm hinter den Ohren und streichelte seine Brust. Er lief neben mir her in den Stall. Ich sah in die einzelnen Boxen und begrüßte sie und freute mich schon auf den heutigen Vormittag, wenn wir zusammen ausreiten würden, dann gab ich Blacky noch etwas Leckeres für die Nacht. Es waren alle versorgt und ich ging langsam zurück ins Haus, um mich für die Nacht fertig zu machen. Mein Weg führte mich gleich unter die Dusche, wo ich mir wohlig das lauwarme Wasser über den Körper laufen ließ, zum Schluss drehte ich den Wasserhahn auf kalt und bekam eine Gänsehaut.
   Als ich ins Schlafzimmer kam sah ich, im Mondlicht das durch das Fenster viel, Eva auf dem Bett liegen wie Gott sie erschaffen hatte. Lange schlanke Beine, einmetersiebzig groß, schwarze lange Haare und dunkle, unergründliche Augen.
   »He du! Seemann. Komm und nimm mich endlich. Oder muss ich mir jemanden anderes ins Bett holen?«, hörte ich ihre verführerische Stimme.
   Ich ging zum Bett und legte mich neben Sie. Langsam fingen wir an uns zu liebkosen und streichelten uns am ganzen Körper. Ich küsste ihre Brustwarzen und spielte mit meiner Zunge. Sie stöhnte leicht auf und streckt mir ihre Brüste noch mehr entgegen. Meine Hände glitten langsam über ihre Schenkel hinauf zu ihrem Venushügel. Ihre Hände streichelten suchend über meinen Körper. Wir liebten uns in dieser Nacht so, als wenn es unsere letzten Stunden wären. Stürmisch, fordernd und zärtlich zugleich.

   Am Morgen wurden wir durch das Bellen von Blacky geweckt. Im Sommer hatten wir immer die Fenster offen stehen, sie waren nur durch ein Fliegengitter geschützt. Ich sprang aus dem Bett und schaute aus dem Fenster Richtung Meer. Hier war nichts zu sehen, also lief ich in die Küche und sah vorne raus, zum Stall.
   Da sah ich, wie zwei Männer langsam den Weg vom Berg herunter und auf unser Haus zukamen. Blacky stand sichernd am Stall und rührte sich nicht vom Fleck, nur seine Nackenhaare standen aufrecht als Zeichen dafür, dass er voll angespannt war.

   Da ich nackt war, ging ich ins Schlafzimmer um mir eine Hose anzuziehen und ein Polohemd überzuziehen. Dann sagte ich zu Eva, dass wir ungebetenen Besuch bekommen und sah zu, dass ich nach draußen zu Blacky kam. Gerade bog ich um die Hausecke, als die beiden den Weg zum Haus einschlugen. Ich rief Blacky zu mir. Er kam angeschossen wie ein Blitz und sah die beiden lauernd an.
   »Bon Giorno«, sprach ich die beiden an, blieb stehen und lies sie auf mich zukommen. So konnte ich sie eingehend betrachten und mir ein Bild von ihnen machen.
   »Guten Morgen«, sagten sie fast gleichzeitig und streckten mir ihre Hände zum Gruße entgegen.
   »Sprechen sie vielleicht auch deutsch?«, fragten sie mich.
   »Ja, das tue ich«, antwortete ich ohne ihnen die Hand zu geben. 
   »Oh schön! Dann müssen wir nicht unser dürftiges italienisch ausgraben.«
   »Wie kommen sie den hierher?«, fragte ich die beiden.
   »Ja, wir sind einfach den Feldweg nachgegangen und wollten ans Meer«, antwortete der links stehende.
   »Da kommen sie auf diesen Weg zwar hin, aber sie befinden sich auf einem Privatgrundstück«, gab ich zur Antwort.
   »Entschuldigung! Das tut uns leid, dass wussten wir nicht. Da gehen wir mal wieder zurück«, sagte der zweite und sie wandten sich ab um wieder zur Strasse zurück zu gehen.
   »Ich werde sie zurück begleiten«, sagte ich und während ich mich den beiden anschloss.
   »Komm Blacky!«, sagte ich zu ihm und er lief neben mir her.
   »Ist gut mein Bester, komm wir gehen ein wenig spazieren«, redete ich weiter zu ihm um ihn etwas zu beruhigen. Ich sah noch einmal zurück und bemerkte Eva am Fenster stehen. Ich gab ihr ein Zeichen, dass wir in fünfzehn Minuten wieder zurück sind.
   »Gehört das alles ihnen?«, fragte mich einer der beiden.
   »Ja, ist unser Altersruhesitz«, gab ich ihnen zur Antwort und streichelte beruhigend Blacky den Rücken.
   »Da haben sie sich aber ein schönes Fleckchen Erde ausgesucht, genau wie der Hund. Ist ein sehr schönes Tier.« Ich nickte nur, ohne darauf zu antworteten. Auf diese Art von Konversation hatte ich, so früh am Morgen und ohne Frühstück, keine Lust.
   Ich war nur gespannt, was diese beiden Herren wirklich hier wollten, denn groß verlaufen konnte man sich hier wirklich nicht und ein Hinweisschild Privat-Grundstück, war sogar in vier Sprachen unten am Weg angebracht.
   »Machen sie Urlaub auf Sardinien?«, stellte ich neugierig meine nächste Frage.
   »Nein! Eigentlich sind wir geschäftlich hier, wir haben heute nur etwas Zeit und wollten schwimmen gehen«.
   In der Zwischenzeit waren wir über den Hügel gekommen und man konnte unten die Strasse die zum Dorf führte erkennen. Hier gab es keinen Parklatz und ich sah einen Wagen direkt in unserer Wegeinfahrt, vor dem geschlossenen Tor, stehen.
   »Ist das ihr Wagen«, fragte ich und deutete mit der Hand hinunter zu dem Fahrzeug.
   »Ja«, war die kurze und knappe Antwort. Ich blieb stehen und sagte:
   »Fahren sie einfach auf der Strasse weiter Richtung Stadt. Dort finden sie dann auch einen Weg der sie ans Meer führt.«
   »Danke und noch einen schönen Tag wünschen wir ihnen.«
   Ich blieb stehen und beobachtete sie weiter, bis sie in den Wagen stiegen, losfuhren, und den Weg zur Stadt einschlugen. Erst als sie außer Sichtweite waren, drehte ich mich um und ging nachdenklich zurück zum Haus. Irgendetwas hat mir an diesen beiden Kerlen nicht gefallen. Erst als wir am Frühstücktisch saßen, erzählte ich Eva die Geschichte mit den beiden.
   »Ich glaube wir sollten für Blacky noch ein oder zwei Spielkameraden holen, damit er nicht so alleine ist. Außerdem kann es auch nicht schaden, ein wenig mehr für unsere Sicherheit zu tun«, sagte ich und biss ein Stück vom Landbrot mit Blütenhonig ab. Sie sah mich nachdenklich an und sagte dann zu mir:
   »Meinst du denn, dass die beiden etwas anderes wollten als nur ans Meer zu gehen?«
  »Keine Ahnung. Aber mein Gefühl sagt mir, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wir sollten nach dem Frühstück mal rüber reiten zu Luciano und mit ihm reden. Vielleicht ist ihm ja in letzter Zeit etwas im Dorf aufgefallen.«
   Luciano, war  Leiter unserer Polizeistation und ziemlich auf Draht. Er war immer über alles bestens informiert, was in dieser Gegend so passierte und er war immer sehr wachsam.
   »Ja, das machen wir. Ich freue mich schon auf unseren Ausritt. Dann könnten wir aber auch gleich rüber zu Betti reiten, um zu sehen, ob sie noch zwei schöne Hunde für uns hat.«
   »Das ist eine gute Idee. Wir lassen Blacky aber heute lieber hier«, sagte ich und nahm mir noch ein Stück von dem Landkäse.
  »Ich räume gleich ab und du kannst ja schon einmal die Pferde satteln«, sagte sie fröhlich und voller Vorfreude, als wenn nichts gewesen wäre.
   Nach dem Frühstück zog ich mir die Reithose an, ging zum Stall und fing schon an die Pferde zu satteln. Als Blacky das sah, tollte er schon voller Freude auf den Ausritt, um mich herum.
   »Tut mir leid Blacky, aber heute musst du hier bleiben und auf das Haus aufpassen.« So, als wenn er es verstanden hätte zog er sich schmollend in eine Ecke zurück. Ich nahm die beiden Pferde an die Zügel und ging Richtung Haus, als mir Eva auch schon entgegen kam. Sie sah einfach wieder umwerfend aus in ihrem Reiterdress. Die Lederhose, das karierte Hemd mit dem Schal um den Hals, das betonte ihre Figur ungemein. Wir stiegen auf und da kam auch schon Blacky angelaufen. Ich zeigte aufs Haus und sagte zu ihm:
   »Bleib, mein guter. Heute bleibst du hier, musst auf das Haus aufpassen.« Er sah zu Eva, in der Hoffnung, dass sie vielleicht was anderes sagt. Aber auch sie wiederholte den Befehl noch einmal. Daraufhin legte er sich auf die Terrasse und sah uns nicht mehr an, wir ritten los und genossen die Ruhe und die Natur.
   Eigentlich wollten wir hier zurückgezogen unseren Lebensabend verbringen und genießen. Die Geschäfte sollten von unserem Geschäftsführer und den Abteilungsleitern weiter geführt werden. Aber wenn schon zwei Typen, wie die beiden heute Vormittag, hier herumlaufen, wird es doch noch mal Zeit sich selbst um diese Geschichte zu kümmern. Außerdem wird es sicher nicht schaden, hier gewisse technische Einrichtungen zur Sicherung installieren zu lassen.
   Außer drei Personen weiß bis jetzt niemand in unserer Firma, dass wir hier auf Sardinien ein Haus haben und wir uns hier öfter aufhalten. Unsere Chefsekretärin Barbara Rausch, die in der Zentrale alle Geschäftseingänge und Anfragen bearbeitet und an die jeweiligen Abteilungen verteilt. Bei schwierigen Entscheidungen nimmt sie Verbindung über das Handy mit uns auf. Dann Peter Steiner, dem Geschäftsführer unserer Holding und Manfred, Leiter der Operation Group.

   Durch eine Erbschaft, Aktiengeschäfte und den Verkauf von Immobilien bauten Eva und ich uns ein neues Leben auf, ein Leben mit der E + K Holding GmbH. Ein Unternehmen, das wir nach und nach vergrößerten und das aus mehreren Firmen besteht. Speditionen, ein Autohaus, ein Unternehmen für Personen-, und Objektschutz, das in ganz Europa seine Büros hat. Wir haben Anteile an einem Elektrokonzern und kauften uns Sportschulen dazu, um unsere Leute unauffällig ausbilden zu können. So hatten wir die Möglichkeit, unsere Operation Group unbemerkt aufzubauen. Wir wollen im Hintergrund aktiv sein. Der Sinn dieser Operation Group war, Personen zu helfen die sich alleine nicht helfen konnten.
   Wir werden bei Entführung oder Erpressung gerufen um zu Helfen, wir suchen Vermisste, wir befreien Entführte aus den Händen der Geiselnehmer und unterstützen auch Behörden, wenn sie alleine nicht so können wie sie gern wollten, weil die Gesetzgebung zu starr und unflexibel ist. Wir agieren weltweit, aber unsere Auftrageber kommen meist aus dem Europäischen Bereich. Es gibt nur zwei Möglichkeiten mit der Operation Group Kontakt aufzunehmen, die erste ist über Manfred Kaminski, Leiter der Operation Group. Er hat sein Büro in der Firmenzentrale, hier laufen auch alle Fäden zusammen. Er hat den totalen Überblick über alle Aktionen und deren Stand. Die zweite Möglichkeit der Kontaktaufnahme ist über unseren Firmen Anwalt und Freund Dietmar Pfeiffer. Er hat in Deutschland mehrere Soziteten eröffnet, wobei wir ihm halfen. Er selbst ist eigentlich immer nur für uns tätig, es gibt bei den Aktionen immer etwas zu tun. Da wir bei unseren Einsätzen auch immer die Rechtslage des jeweiligen Landes berücksichtigen mussten und ab und zu hart an der Grenze agieren, ist er uns immer eine sehr große Hilfe. Seine sehr guten Kontakte zu ausländischen Kanzleien sind uns immer sehr hilfreich. 
   Unsere Operation Group besteht aus mehreren Teams, die alle eines gemeinsam haben, alle Angehörigen der Teams wurden einmal ausgebildet zum Auskundschaften, Vernichten oder auch zum Töten. Es sind ehemalige KSK Soldaten (Kommando Spezialkräfte), denen man nachsagt:
   >Keiner sieht sie kommen. Keiner weiß, dass sie da sind. Und wenn ihre Mission beendet ist, gibt es keinen Beweis dafür, dass sie jemals da waren<, französische Söldner, Soldaten der U.S. Special Forces (Green Berets),
   der britischen Special Air Service (SAS) und den U.S. Navy Seals, sowie Bodyguards, ausgebildet für den Personen und Objektschutz, in unserer Truppe tätig. Wir sind eine verschworene Gemeinschaft, die ihr Erlerntes und ihr können, nur noch für einen Zweck einsetzen wollen. Anderen zu Helfen!
   Unsere Operation Group besteht aus zwei Komlei Bussen, die im Norden und im Süden Europas stationiert sind, einer im Raum Berlin und einer im Süden, in Nord-Italien. Diese Busse sind besetzt mit sieben Personen Stammpersonal, alles Techniker, Kommunikations- und Computerfachleute. Zu jedem Bus gehörten acht, zwei Mann bzw. Frauen Teams, die wir, bis auf zehn Teams aufstocken können. Dazu greifen wir auf unsere Bodyguards vom Personen-, und Objektschutz zurück. Zu einem Komlei Busse gehört ein Techniker Truck, der die nötigen Fahrzeuge transportiert und technisch wartet, im Track gab es Motorräder und Autos.
   Zu den Komlei Teams Nord und Süd gehören: ein Bus, ein Track bestückt mit vier Motorrädern und zwei Wagen, und acht Teams mit acht Fahrzeugen. Die sich aber nicht immer im Umkreis vom Bus befinden müssen. Vier dieser Teams sind in einem Umkreis von 200 bis 300 Kilometern um den Bus verteilt. Nur vier Teams befinden sich direkt beim Bus. Alle Fahrzeuge haben über ein gemeinsames Kommunikationsnetz die Möglichkeit sich alles auf ihre, in den Fahrzeugen eingebauten Monitore, geben zu lassen. Die Komlei Busse bilden in diesem Fall den Dreh-, und Angelpunkt des Geschehens und überwachen auch das Datennetz. Dann hatten wir noch ein Küstenmotorschiff, die MS „Freya“ und zwei Motorjachten, die „Sea King“ und die „Sea Princess“, im Mittelmeer liegen. Zwei Lear Jets und Hubschrauber waren zum Transportieren der Mannschaft oder Kunden da.
   Es ist genug Kapital vorhanden um gut leben zu können und uns eben diesen Lebenstraum erfüllen zu können, Armen und Schwachen zu helfen die sonst keine Hilfe zu erwarten haben. Weil wir gewissen Staaten auch da helfen, wo sie selbst nichts machen können, haben wir dadurch gewisse Freizügigkeiten erlangt.

   In der Zwischenzeit waren wir bei Luciano im Dorf angekommen, setzten ab, banden unsere Pferde fest und gingen in die Polizeistation.
   »Guten Morgen Luciano…«, begrüßte ich ihn. »… Wie geht es deiner Familie.«
   »Guten Morgen Luciano«, begrüßte ihn auch Eva.
   »Bon giorno Signora Eva, Dottore. Danke der Nachfrage und wie geht es euch beiden?«
   »Wie du siehst sind wir beide bei bester Gesundheit und guter Laune. Luciano, heute Morgen hatte ich eine sonderbare Begegnung mit zwei Männern. Sie haben sich bei uns auf dem Grundstück rumgetrieben und sich als Geschäftsleute ausgegeben. Als ich sie angesprochen habe, sagten sie, sie hätten sich verlaufen. Aber wir haben, wie du ja weißt, überall Schilder mit der Aufschrift Privat Grundstück stehen und sogar in mehreren Sprachen. Weißt du etwas über die zwei Fremden hier im Dorf?« Luciano sah uns fragend an und meinte dann:
   »Was meinst du mit sonderbarer Begegnung?«
   »Na ja, sie verhielten sich eben nicht wie Touristen, sie stellen mir einfach zu viel Fragen.« Er sah uns nachdenklich an.
   »Ist irgendetwas passiert, dass ihr annehmen könntet, dass es keine Touristen sind?«
   »Ihr Verhalten und ihre Kleidung war auf keinen Fall die von Touristen. Sie schauten sich sehr interessiert das Grundstück und das Haus an. Wenn Blacky sich nicht gemeldet hätte, wären sie unbemerkt bis ans Haus gekommen. Deshalb haben wir uns entschlossen, etwas mehr für die Sicherheit zu tun. Wir reiten auch gleich weiter zu Betti und holen uns noch zwei Hunde dazu.«
   »Gut, ich werde mich umhören und das mit den Hunden finde ich sehr gut. Betti hat die besten, da könnt ihr euch darauf verlassen«, er griff zum Telefon und wählte eine Nummer.
   »Werde mal im Hotel nachfragen. Wenn überhaupt, dann werden die bestimmt dort abgestiegen sein.«  
   »Guten Tag Rosa, hier ist Luciano. Haben sich bei euch zwei Gäste aus Deutschland einquartiert?«
  »Gut, sei so lieb und bring mir doch die Anmeldeformulare heute noch rüber, Ciao Rosa.« Er legte den Hörer auf und wandte sich an uns.
   »Ja, du hattest Recht. Im Hotel sind gestern zwei Männer aus Deutschland abgestiegen, sie wollen bis übermorgen bleiben.«
   »Wir danken dir sehr Luciano. Bis später Luciano, ich komme  noch mal vorbei um mir die Daten der beiden  anzusehen, wenn du nichts dagegen hast.«
   »Nein, komme ruhig, die Anmeldeformulare liegen dann eben hier im Korb«, sagte er und zeigte auf einen Aktenkorb neben dem Telefon.
   »Danke Luciano. Ciao«, sagte ich und wir gingen nach draußen, nachdem sich auch Eva von ihm verabschiedet hatte. Wir stiegen auf die Pferde und ritten weiter zu Betti, die ihr Haus am Dorfrand hatte. Während wir unterwegs waren, tat ich etwas, was man sonst nicht unbedingt auf einem Pferd tun sollte. Ich nahm mein Handy und telefonierte mit Peter Steiner unserem Geschäftsführer.
   »Guten Morgen Peter, wie geht es bei euch?«
   »Guten Morgen Carlo, du weißt doch, wenn du nichts von uns hörst, geht alles seinen gewohnten Gang. Was liegt dir auf dem Herzen, du rufst doch nicht nur an um dich nach uns zu erkundigen?«
   »Nein du hast Recht Peter, wir benötigen zwei Männer von der Operation Group hier bei uns. Wer ist verfügbar?«
   »Was ist passiert, wolltest doch, dass euer Aufenthaltsort geheim bleiben sollte.«
   »Ja, stimmt. Aber es treiben sich hier zwei Typen herum und es macht mir den Eindruck, dass sie gezielt nach uns gesucht haben.«
   »O.K. ich sage Manfred Bescheid, er ruft dich dann gleich an und sagt dir wer frei ist und kommt. Wie geht es Eva und wie ist das Wetter bei euch, lohnt es sich dort Urlaub zu machen?« 
   »Danke der Nachfrage, Eva geht es auch gut und sie lässt dich Grüßen. Wir haben es hier siebenundzwanzig Grad und genießen die Ruhe, bis jetzt jedenfalls. Damit es so bleibt, benötige ich zwei Männer die ein Auge auf unser Grundstück, und vor allem, die beiden Typen werfen. Gut Peter, ich warte dann mal auf den Anruf von Manfred, einen schönen Tag noch und Tschüss.«
   Ich unterbrach die Verbindung und wartete auf den Rückruf von Manfred, unserem Leiter der Operation Group. Es dauerte auch nicht lange und das Handy klingelte, ich nahm das Gespräch an:
   »Pronto?«
   »Hi Carlo, hier ist Manfred. Peter sagte mir gerade, dass ihr ein Team braucht, reicht denn eins? Gibt es Probleme oder ist gar Gefahr im Verzug? Wie geht es Eva?«
   Das war mal wieder typisch Manfred, sobald es im Dunstkreis von Eva Probleme gab, hätte er am liebsten seine ganze Armee geschickt.
   »Hallo Manfred, ja es reicht ein Team. Eva geht es auch gut. Es geht nur darum, dass sich hier zwei Männer herumtreiben und ich möchte auf Nummer sicher gehen und kein Risiko eingehen. Wann können die beiden hier auf Sardinien sein und wen schickst du uns?«
   »Es kommen Pit und Josef, ich lass sie sofort mit dem Lear Jet runter fliegen und mit dem Heli zu euch bringen. Dann sind sie in spätestens fünf Stunden unten.«
   »Gut, das reicht aus. Bis dahin sind wir auch wieder im Haus.«
   »Gut, ich veranlasse jetzt alles. Noch schöne ruhige Tage da unten und Grüße Eva von mir. Tschüss.«
   »Ja danke, dass mache ich. Tschüss.«
   Ich unterbrach die Verbindung. Unterdessen waren wir auch schon bei Betti angekommen. Betti war eine ganz liebe Freundin von uns, sie kommt aus Hamburg und hat hier unten eine Hundezucht aufgebaut. Sie züchtet verschiedene Rassen, aber alle haben eines gemeinsam, es sind Hunde, die für den Schutz- und Sicherheitsdienst eingesetzt werden. Sie bildet sie selbst aus, aber alles ohne Gewalt. Blacky haben wir damals auch von ihr bekommen.
   Wir stiegen im Hof ab, banden die Pferde fest, lösten die Sattelgurte und sahen uns um, wo konnte sie stecken? Eva ging zu Haustür und betätigte die Klingel, ich schlenderte zur Scheune um zu sehen, ob sie sich dort aufhielt. Eva hatte Glück, Betti öffnete die Haustür und sagte erfreut:
   »Hallo, ihr beiden. Was führt euch zu mir. Kommt rein auf einen Wein oder lieber einen Grappa?«, fragte sie lachend.
   »Hallo Betti. Nein, nein lieber einen Wein. So früh trinken wir nichts Scharfes«, antwortete Eva und wir gingen durchs Haus auf die Terrasse und setzten uns in die bequemen Korbstühle. Betti schenkte uns, aus einer Karaffe, jedem ein Glas Wein ein und sah uns fragend an.
   »Was führt euch denn so früh am Tage zu mir?«
   »Der Grund ist, wir hätten gern noch zwei Hunde bei dir gekauft. Hast du denn noch welche, so kurzfristig, für uns da?«
   »Oh ha, so schnell noch zwei Hunde? Ist was bei euch passiert und wie geht es Blacky? Ihr wisst wie viel einer kostet«, sagte sie und sah uns beide an.
   Natürlich war die Frage schon berechtigt, denn die Hunde von Betti waren bestimmt nicht kostengünstig zu nennen. Aber sie waren auch jeden Euro wert. Sie werden zwar für den Wach-, und Sicherheitsdienst ausgebildet, aber sie sind Tiere mit Herz und Verstand.
   »Blacky geht es sehr gut, wir haben ihn nur zu Haus gelassen damit er aufs Haus aufpasst. Bei uns haben sich heute zwei Männer herumgetrieben.
   Das machte uns klar, dass Blacky alleine für das Grundstück nicht ausreicht und es auch schön wäre, wenn er Spielkameraden hätte. Deshalb wollen wir noch zwei dazu kaufen.«
   »Ich habe gerade vier hier. Zwei davon sind schon mit der Ausbildung fertig, die habe ich aber eigentlich schon einem Kunden in der Schweiz versprochen. Für die anderen  zwei würde ich noch vier Wochen für die Ausbildung benötigen. Er wollte ja sowieso erst in fünf Wochen kommen und sie abholen, das würde dann ja auch noch reichen. Dann kann er ja die zwei bekommen.«
   Bei Betti bestellt man die Tiere und man sagt ihr wofür man sie einsetzen will. Dann werden sie von ihr ausgebildet und dressiert. Sind sie fertig ausgebildet, muss man sie selbst abholen und etwas Zeit mitbringen. Sie hat mehrere Zimmer zum Vermieten und da kann man sich auch einquartieren. Dann beginnt die Gewöhnungsphase zwischen Hund und dem neuen Besitzer.
   »Gut... «, sagte ich; »... das wäre toll, dann könnten wir ja schon morgen mit der Eingewöhnung beginnen. Was sind es denn für Tiere?«
   »Ich kann euch Curly und Red geben. Curly ist ein Curly Coated Retriever, die sind robust und witterungs- unempfindlich. Sie sind ausgezeichnete Schwimmer und vielseitig einsetzbar. Als Jagdhunde, Rettungshunde oder Schutzhunde. Hat einen eigensinnigen Charakter und benötigen eine konsequente Erziehung. Curly ist temperamentvoll und benötigt Familienanschluss und viel Platz zum Austoben, was ja bei euch gegeben ist. Er ist achtundsechzig Zentimeter groß und wiegt vierzig Kilo, seine Farbe ist schwarz. Dann ist da noch Red, ein Rhodesian Ridgeback. Sie werden  auch Löwenhunde genannt, weil sie zur Löwenjagd genommen werden. Sie sind intelligent, lernfreudig, lebhaft, mutig und reaktionsschnell. Red ist ein ausgezeichneter Wach-, und Schutzhund, aber er will die Befehle die man ihm gibt verstehen und denkt nach, bevor er sie ausführt. Er ist freundlich und benötigt sehr viel Einfühlungsvermögen. Seine Größe ist neunundsechzig Zentimeter und er wiegt fünfundvierzig Kilo. Die Fellfarbe ist rotweizenfarben, deshalb auch der Name Red«, zählte sie die Vorteile der beiden Hunde auf.
   »Kommt doch mit rüber zu den Stallungen, dann könnt ihr sie euch ja mal ansehen«, sagte sie und stand auch schon auf. Wir gingen über die Terrasse zum Hundezwinger und sahen uns die Tiere an. Eva war von den beiden sofort begeistert, vor allem von Red.
   »Oh ja! Die nehmen wir«, sagte sie schwärmerisch.
   »Gut, dann komme ich morgen früh mit den beiden rüber und wir  fangen mit der Gewöhnung an.«
   Wir verabschiedeten uns von Betti und ritten zurück zum Haus. Wir mussten noch ein paar Vorbereitungen für die beiden Jungs aus Deutschland  treffen.
   In Sichtweite unseres Hauses pfiff ich und schon kam ein schwarzer Blitz aus dem Stall gefegt und lief uns entgegen. Blacky freute sich uns wieder zu sehen. Am Küchenfenster tauchte ein Kopf mit schwarzen Haaren auf, dass war Anna unsere gute und fleißige Seele. Sie kommt jeden Tag und hilft im Haus und wenn wir Gäste haben kocht sie auch gute sardische Küche. Wir winken ihr zu und sie winkt freudestrahlend zurück. Im Stall satteln wir die Pferde ab, striegeln sie und geben ihnen noch ein paar Möhren. Dann gehen wir zum Haus.
   »Mein Lieber, jetzt machen wir folgendes. Du setzt dich jetzt auf die Terrasse und spannst ein wenig aus und ich informiere Anna, dass Besuch kommt und sie so gut sein soll das Gästehaus herzurichten. Dann besorge ich uns noch ein kaltes Getränk, etwas zu Knabbern und du erzählst dann noch ein wenig aus deiner Vergangenheit bis unsere beiden Männer ankommen.«
   »Du hast immer gute Ideen mein Schatz«, sagte ich, ging zur Terrasse um mich schon einmal in die Sitzgruppe zu setzten, die Beine hoch zu legen und auf Eva zu warten. Sie brachte uns eine Karraffe mit schön gekühltem Wasser mit, eine Schale mit Dolce Sarde und setzte sich zu mir.
   »So, jetzt haben wir alles was wir brauchen, jetzt kannst du anfangen zu erzählen. Ich bin schon ganz gespannt wie die Geschichte weitergeht.«

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