Dienstag, 8. November 2011

Band 1 / Zu nah am Abgrund / -125

1967

W
 ir hatten mittlerweile unsere Kontakte ausgebaut und so blieb es nicht aus, dass Wolfgang eines Tages zu mir sagte:
»Organisator du solltest mal nach Hongkong und Manila fahren, hier gibt es für uns noch viel zu tun. Wir machen es wie immer. Du zeigst den Chinesen, wie wir den Ablauf organisiert haben und wie es funktioniert. Wenn sie dann mitmachen und interessiert sind setzen wir wieder unsere Jungs auf dieser Route ein.«
   Gesagt getan, ich heuerte auf einem Schiff für Ostasien an und fuhr die Route Mittelmeer, Rotes Meer, Aden und weiter ins ostasiatische Gebiet über Singapur bis Hongkong. Horst fuhr nicht mit, wir mussten uns trennen, um mehrere Gebiete abzudecken und neue Mitarbeiter einzuarbeiten.
   Horst fuhr, mit einem neuen Mann, noch einmal die Südamerikaroute. Der Albino war ja nicht mehr an Bord. Bei mir war es in jedem Hafen der normale Ablauf, Briefkasten aufsuchen, nachdem ich die Gegend erst gesichert hatte, dann die Nachricht holen, die Telefonnummer anrufen, Treffen ausmachen und dann die Ware übergeben oder übernehmen.
   Das ging soweit gut, bis Manila. Hier gab es auch eine Übernahme, nur mit dem Unterschied, dass ich das starke Gefühl hatte, nach der Übernahme und auf dem Weg zum Schiff, beobachtet zu werden. Ich hatte selbst nach diversen Abschütteltricks immer noch das Gefühl beobachtet zu werden, konnte aber niemanden entdecken. Es sollte sich aber später noch fürchterlich rächen, dass ich nicht noch mehr versucht hatte um eventuelle Verfolger los zu werden.
   Ich ging an Bord und verstaute meine Päckchen in den Zwischenraum der Bordwand, indem ich die Abdeckplatten abschraubte und alles in den Holraum legte. Natürlich tat ich das nicht in meiner Kabine, denn falls die schwarze Gang, der Zoll, kam und dass Versteck entdecken würde, wäre ich ja in den Verdacht gekommen, also tat ich das in der Toilette.
   In der Messe ging ich mir noch ein Bier trinken und meine Kollegen fragten, ob wir heute Abend gemeinsam in die Hafenkneipe gehen wollten, was freudig angenommen wurde. Na ja, Kneipe war vielleicht die falsche Bezeichnung, es war ein Amüsierlokal mit tollen, süßen Asiatinnen. Da ich alles erledigt hatte, sagte ich, wir sollten uns um zweiundzwanzig Uhr an der Gangway treffen.
   Dann ging ich in meine Kabine um zu duschen und machte mich für den Landgang fertig. Pünktlich um zweiundzwanzig Uhr waren wir an der Gangway und gingen mit vier Mann in das Lokal im Hafen.
   Als wir das Lokal betraten, und uns umsahen kamen schon vier Mädels auf uns zu und hakten sich bei uns unter, brachten uns an einen runden Tisch im Hintergrund, fragten was wir trinken wollten und ob sie den Abend mit uns verbringen dürften. Natürlich sagten wir ja, denn dazu waren wir ja hierher gekommen.
   Sie holten für uns und sich selbst die Getränke und setzten sich zu uns an den Tisch. Manche setzten sich auch auf den Schoß und wir plauderten und lachten. Die Zeit verging so recht schnell, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und vier Mann in das Lokal gestürmt kamen, sich umsahen und dann, gezielt auf unseren Tisch zugingen. Das verwunderte mich. Sie palaverten herum, dass wir ihre Mädchen in Ruhe lassen sollten. Bei mir gingen alle Alarmglocken an, das war doch nur ein Vorwand um nah genug an uns heran zu kommen. Ich gab ganz ruhig und im Plauderton meinen drei Kollegen die Anweisung:
   »Jungs es gibt Ärger. Benutzt die Flaschen als Waffen und den Tisch als Schutzschild.«
   Wir sprangen ohne Vorwarnung auf, stießen die Mädchen zur Seite damit sie in Sicherheit waren. Legten den Tisch als Schild um und schlugen von unseren Bierflaschen den Boden ab. Das alles ging so schnell, dass die vier total verunsichert wurden. Mit so einer schnellen Reaktion hatten sie nicht gerechnet. Jetzt standen wir uns gegenüber, den Tisch als Schutz vor uns und sie standen schutzlos im Raum. In der Zwischenzeit hatte der Wirt Wind von dem Vorfall bekommen und die Polizei alarmiert, was wir hinterher erst erfahren haben. Wir warfen die erste Lage Flaschen nach den Chinesen um sie auf Abstand zu halten und hielten jeder noch eine, als Messerersatz stoßbereit, in der Hand. Sie kamen auf uns zu und zogen dabei ihre Messer.
   Jetzt muss man wissen, dass wir nicht ganz unbedarft waren was den Umgang mit Messern oder anderen Stichwaffen betraf. Jedes Schiff hat eine Wäscherei an Bord um die Bordwäsche und die Wäsche der Seeleute zu waschen. Diese wurde meist von Chinesen betrieben und gerade von denen kann man so allerhand lernen, Messerwerfen, Kampfsport und eben alles was die chinesische Kampfkunst so heraus gebracht hat.
   Jeder Chinese an Bord, weiß einem etwas anderes beizubringen und so hatten wir nicht unbedingt die Hosen voll, als die vier mit Messern vor uns standen.
   Unsere Selbstsicherheit machte die vier nervös und so kamen sie ins Stocken. So hatten wir Gelegenheit uns abzusprechen wie wir vorgehen wollten. Unser Vorteil war, es ging Mann gegen Mann, was die Sache überschaubarer machte. Als sie sich endlich gefasst hatten und sich aufrafften uns anzugreifen war schon alles vorbei. Wir waren schon zum Gegenangriff übergegangen, denn der Angriff ist die beste Verteidigung. Zwei von uns links und zwei rechts um den Tisch herum, jeder hatte sich den jeweiligen Gegner ins Auge gefasst, ein Stoß in die Messerhaltende Hand der Chinesen, die Messer vielen zu Boden. Wir stießen die Messer mit den Füßen weg von den Gegnern und mit einem Wurfgriff und Hebelgriff legten wir die Typen auf den Boden. Ich dachte nur noch:
   >Pass auf, dass du dich nicht mit ihrem Blut beschmutzt, das geht schlecht aus deiner Kleidung raus.<  Wir überlegten was wir mit ihnen machen sollen, die Entscheidung wird uns aber abgenommen. Die Tür fliegt auf und sechs Polizisten kommen, mit gezückten Pistolen, reingestürmt und legten auf uns an. Ganz ruhig hoben wir die Arme, blieben aber mit den Knien auf den Rücken der Chinese knien. Ich dachte, jetzt nur nicht mit der Wimper zucken, denn hier in Manila gibt es eine eiserne Regel bei der Polizei, erst schießen und dann fragen wer hier Schuld hatte.
   Das hat auch seinen Grund, hier gibt es kein Gesetz, oder nur auf dem Papier. Hier galt die Macht des Stärkeren. Man durfte hier Waffen besitzen und wenn man damit jemanden tötet, wird man wegen illegalen Waffenbesitz angezeigt und nicht wegen Mord.
   Wir knieten also mit erhobenen Händen ganz ruhig da und ich weiß nicht, ob sie geschossen hätten oder nicht. Aber der Wirt, der hinter seiner Theke stand, er lies eine Schimpfkanonade auf die Polizisten nieder prasseln. Nach dem Ergebnis zu urteilen hat er für uns gesprochen, denn die Polizisten ließen ihre Waffen sinken und nahmen die vier Chinesen mit.  Was mit ihnen weiter passiert war uns schon klar. Erst einmal kamen sie in eine Zelle und dort wurden sie erst einmal verprügelt. Na ja, selbst Schuld!
   Auf Befehl vom Wirt hin, kamen die Mädchen wieder zu uns, gaben jedem von uns einen sehr intensiven Kuss.
   Stellten dann den Tisch und die Stühle wieder hin, wischten das Blut vom Boden auf, holten neue Getränke, forderten uns zum hinsetzen auf und setzten sich auch wieder zu uns als wenn nichts geschähen wäre. Der Wirt gab uns eine Runde auf Kosten des Hauses aus und es wurde noch eine sehr angenehme Nacht mit den Mädels. Nach weiteren zwei Runden zogen wir uns mit unseren Begleiterinnen zurück. 
   Was ich hinterher erst von Wolfgang erfahren habe war, dass man mich, nach der normalen Übernahme der Ware verfolgt hat. Warum ich das, trotz größter Vorsichtsmaßnahme nicht bemerkt habe, lag wohl daran, dass die Asiaten eben, für uns alle gleich aussehen. Aber ich ärgere mich noch im Nachhinein darüber, dass ich nicht mehr aufgepasst hatte.
   Die Gruppe, mit der wir zusammen gearbeitet haben, wurde schon lange von der Konkurrenz beobachtet und als die Übergabe stattfand, hatte man mich ins Visier genommen und beschattet.
   Man hatte mich gezielt angriffen um mich zu ihrem Chef zu bringen, damit er alle Informationen aus mir herausholen konnte. Er wollte alles über unsere Verbindung mit den anderen asiatischen Gruppen wissen. Er wollte die Konkurrenz ausschalten um dann selbst in Erscheinung zu treten und die Preise bestimmen zu können. Was hinterher mit mir gemacht werden sollte ist ja wohl jedem klar, hier zählt kein Menschenleben.
   Als das nicht funktionierte wollte er mir auf jeden Fall so viel Angst einjagen, dass ich dort nicht mehr auftauchen würde. 
 
Sardinien

D
as Geräusch eines sich nähernden Helikopters riss mich aus meiner Erzählung. Eva und ich standen auf und gingen Richtung Strand, dort gab es viel Platz, der als Landeplatz genutzt werden konnte. Auf dem Weg dorthin sahen wir Anna aus dem Gästehaus kommen, die gute Seele hatte zwei Zimmer hergerichtet.
   Wir sahen wie der Helikopter landete, zwei Mann heraus sprangen, ihr Gepäck wurde ihnen angegeben, sie schulterten ihre Rucksäcke, nahmen eine große Kiste zwischen sich und kamen den leichten Hügel herauf auf uns zu. Der Helikopter hob ab, nicht ohne dass uns der Pilot noch zuwinkte und flog übers Meer davon. 
   Pit, war früher bei der KSK, durchtrainiert, braungebrannt und lächelnd kam er auf uns zu. Josef, ein ehemals französischer Fremdenlegionär, hager, dunkelbraun gebrannt. Er ist einer von der Sorte, dem man den Arm abhacken kann, dann würde er ihn ohne mit der Wimper zu zucken selbst wieder annähen und weiter kämpfen. Als Pit und Josef bei uns ankamen, stellten sie die Kiste zwischen sich ab und begrüßten uns erfreut. Wir gingen mit ihnen zum Gästehaus und zeigten jedem sein Zimmer.
   »Richtet euch erst einmal ein und dann kommt rüber zu uns auf die Terrasse, da können wir alles Weitere besprechen«, sagte ich und ging mit Eva zurück. Wir setzten uns auf die Terrasse und warteten bis beide kamen, was nur eine halbe Stunde dauerte.
   »Hallo. Da habt ihr euch ja ein tolles Domizil ausgesucht«, sagte Pit, als sie um die Ecke kamen. Sie setzten sich zu uns an den Tisch und Eva goss ihnen kalten Saft ein.
   »Was gibt es denn für Probleme? Manfred hat nicht viel erzählt und gesagt, alles weitere, erfahren wir hier direkt vor Ort. Er meinte nur wir sollten das volle Programm mitnehmen.«
   »Es geht darum, dass sich hier zwei Männer rumtreiben, die hier eigentlich nichts zu suchen haben. Die tun so, als wären sie Geschäftsleute, aber es sind keine. Ich habe mir vorgestellt dass ihr eine Rundumsicherung mit den Videokameras aufbaut und dann die beiden Typen beobachtet. Ich werde gleich ins Dorf reiten und noch ein paar Informationen einholen. In der Zwischenzeit könnt ihr ja schon mit dem Einrichten der Sicherung beginnen.«
   Pit und Josef nickten, sie wussten was mit der Rundumsicherung gemeint war. Der Einbau von akustischen Infrarot-Funkkameras. Mit diesem System ist eine akustische, optische und Nachtüberwachung möglich. Das System enthält drahtlose Kameras mit Mikrofon und der Empfänger zeichnet alles auf Video auf.  
   Die Kameras werden so installiert, dass man von der Zentrale aus alle vier Richtungen absuchen kann. Gleichzeitig löst dieses System aber auch einen stillen Alarm aus. Die Daten werden im Arbeitszimmer auf meinem Computer gespeichert und per Datenleitung in die Zentrale nach Deutschland übermittelt. Dann wurden die Gebäude noch mit Lichtschranken versehen, die man über einen Schaltkasten im Haupthaus einzeln ein- und ausschalten kann. 
   Nachdem wir die Getränke ausgetrunken hatten, legten die beiden los. Ich ritt noch mal ins Dorf um mir die Anmeldungen der beiden Typen anzusehen und Eva machte sich mit Anna in der Küche zu schaffen. Am Abend trafen wir uns alle wieder auf der Terrasse zum Abendessen und berichteten über den bisherigen Stand der Dinge. Pit erstattete als erster Bericht:
   »Wir haben alles installiert und getestet, es funktioniert alles einwandfrei. Nach dem Essen machen wir uns auf die Suche nach den beiden und hängen uns an ihre Fersen. Mal sehen was sie vorhaben, wir halten Kontakt über unseren internen Funkkreis. Da kann niemand mithören und wir können sicher sein, dass wir auch in abgelegenen Gebieten Kontakt halten können. Was ja hier beim Handy nicht immer zutrifft. Hast du noch ein paar Informationen über die beiden bekommen?«, fragte er mich. Ich holte die Unterlagen heraus, die ich von Luciano bekommen hatte. Kopien der Anmeldeformulare.
   »Hier stehen die Adressen in Deutschland, aber ich nehme an die sind falsch. Lasst sie aber trotzdem überprüfen. Bilder habe ich nicht, aber hier sind die Personenbeschreibungen von mir. Sie sind im Hotel „Nuraghe” abgestiegen, vielleicht nehmt ihr das Hotel als erste Kontaktaufnahme. Sie haben die Zimmer zwölf und vierzehn im ersten Stock. Schaut mal, ob ihr hier Wanzen anbringen könnt.«
   »Gut, dann lass uns mal hinfahren und überprüfen was wir tun können und ob die beiden da sind. Carlo, habt ihr zwei Motorräder für uns hier?«, fragte mich Josef.
   »Ja, drüben in der Garage stehen zwei BMWs, frisch gewartet und voll getankt.«
   »Wir nehmen ja lieber unsere Pferde«, sagte Eva zu den beiden.
   »Gut, dann werden wir uns mal für die Nacht umziehen, wir bleiben in Verbindung. Einen schönen Abend wünschen wir euch noch. Tschüss!«
   Sie standen auf und gingen ins Gästehaus. In der Zwischenzeit holte ich das Funkgerät, über das wir in Verbindung bleiben wollten, aus dem Büro und aktivierte es. Nach fünfzehn Minuten tauchten sie wieder auf und hatten schwarze Motorradoveralls an, jeder hatte noch einen Rucksack in der Hand und sie gingen zur Garage um die Motorräder heraus zuholen, starteten sie und fuhren leise davon. Mit einer Hand winkten sie uns noch einmal zu.
   Für die Mitglieder der Operation Group gibt es kein Fahrzeug, das sie nicht fahren konnten. Wir wussten auch was beide in ihren Rücksäcken hatten, wenigstens was die normale Ausrüstung betraf. Eine komplette Ausstattung von Minisendern jeglicher Art, plus ein Aufnahmegerät. Eine Armbrust „Lightning”, die neue Generation hochmoderner Armbrüste. Der Bogen ist mit einem Schnellverschluss ausgestattet, so dass die Fußschlaufe und das komplette Bogensystem auf Knopfdruck demontiert werden konnte. Dadurch ist die Armbrust extrem handlich. Sie hat eine Zielgenauigkeit von siebzig Meter und ist mit einer Zieloptik ausgestattet. Zur weiteren Ausstattung gehörten noch Stahlpfeile für die Armbrust, Einbruchswerkzeug, Kletterhaken aus Aluminium, und eine „Skorpion” Maschinenpistole. Dieses tschechische Produkt ist die kleinste Maschinenpistole die es auf dem Markt gibt, sie trägt diesen Namen wahrlich zu recht. Sie ist kompakt und anspruchslos hergestellt und für alle gängigen Pistolenpatronen der Neuzeit ausgelegt. Diese Waffe war lange Zeit die erste Wahl für Spezialeinsätze im Ostblock, bei afrikanischen Diktatoren und europäischen Terroristen, weil sie klein und leicht ist. Aber eben unverwüstlich und gefährlich wie ein Skorpion. Dann hatte noch jeder eine „Glock 18“, neun Millimeter, Reihenfeuerpistole mit Kompensator unter dem Motorradkombi im Schulterhalfter stecken.
   Josef trug mit Sicherheit noch seine Wurfmesser Flying Knife bei sich. Diese Wurfmesser fliegen gerade durch die Luft, ohne sich zu drehen, daher sind sie besonders für weite Würfe geeignet. Sie haben ein Gewicht von zwanzig Gramm und sind einunddreißig Zentimeter lang.
   »Bin gespannt was beide im Dorf herausfinden, mein Schatz...«, sagte Eva zu mir. »... Na, willst du nach dem Essen noch etwas trinken?«
   »Ja gern. Einen Grappa und einen Wein könnte ich schon noch vertragen nach dem guten Essen.« Eva stand auf  und ging Richtung Küche um den Wein zu holen.
   »Aber nur, wenn du mir noch etwas erzählst«, sagte sie lachend zu mir.
   »Na gut...«, sagte ich; »... wenn du heute Nacht nicht ruhig schlafen willst, erzähle ich dir noch eine Horrorgeschichte.«
   Sie ging lachend ins Haus und kam nach kurzer Zeit wieder mit einer Karaffe Wein und dem obligatorischen Wasser zurück, goss unsere Gläser voll und setzte sich zu mir auf die Bank.
   »Na mein Lieber, dann lege mal los mit deiner Horrorgeschichte. Jetzt weiß ich auch warum es mir bei deinem Anblick immer so gruselt«, sagte sie schelmisch lächelnd. Ich nahm sie in den Arm und gab ihr einen lieben Kuss.

1968

W
ir hatten den Abend in dem Lokal in Manila, wie schon gesagt, noch wunderbar beendet. Was ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste war, was für ein brutales und Menschen verachtendes Vorgehen diese Gruppe an den Tag legte um ihre Ziele zu erreichen. Sie hatten mitbekommen, dass die konkurrierende Gruppe Verbindungen nach Europa hatte und wollten diese übernehmen, oder wenn das nicht klappen sollte, dieses unterbinden. Wir hatten sehr viel Glück, dass man uns zu diesem Zeitpunkt noch unterschätzt hatte. Ansonsten hätten sie gleich zehn Mann geschickt und wenn es sein musste, hätten die auch das ganze Lokal abgebrannt, um ihre Ziele zu erreichen.
   Aber sie gaben natürlich nicht so einfach auf, sie kamen jetzt nicht mehr so einfach an mich heran da ich an Bord blieb. Sie versuchten zwar auch an Bord an mich heran zu kommen, aber hier konnten sie sich nicht so leicht bewegen wie an Land. Ich musste sogar einem die Hand brechen, als er versucht hat, durch das Bullauge in meine Kabine zu kommen. Oder einen Hafenarbeiter, der versuchte, mir eine Brechstange auf den Kopf fallen zu lassen, den ich anschließend hochkantig ins Wasser warf.
   Von Manila aus, fuhren wir über Buko, eine bezaubernde und friedliche Inselgruppe südlich von Manila, wo wir drei Tage lagen, zurück nach Singapur. Im chinesischen Meer wurde ich dann zum letzten Mal gewarnt. In einem Moment, in dem ich mich eigentlich ziemlich sicher fühlte und an nichts Böses dachte. Da sie, wie schon erwähnt, nicht mehr an mich heran kamen, dachten sie sich etwas aus, was sich wirklich nur ein krankes Gehirn ausdenken konnte. Da sie es nicht geschafft hatten mit uns zusammen zu arbeiten und mich auch nicht ausschalten konnten, mussten sie mir eben, soviel Angst einjagen, dass ich Hamburg nur vorschlagen konnte mit der Asienverbindung abzubrechen. Was sie damit auch geschafft hatten. Ich fuhr nie wieder die Asienroute und auch kein anderer aus unserer Gruppe. Aber ganz los bekam ich sie dadurch doch nicht.
   Es war ein wunderbarer sonniger Tag und wir erledigten unsere Arbeiten an Bord. Im Wechsel arbeiten und auf Seewache gehen. Ich hatte um vierzehn Uhr wachfrei und habe deshalb an Deck gearbeitet, als der Alarmruf kam.
   »Schiff voraus in Seenot. Schiff voraus in Seenot. Beiboote klar machen.«
   Kam es über die Lautsprecheranlage. Ich rannte zur Steuerbordreling und sah voraus. Zwei Schiffe, wobei eins ein Fischerboot und das zweite eine schnittige Motorjacht war, lagen sehr dicht zusammen. Das Fischerboot qualmte und die Besatzung wollte in Panik auf die Motorjacht springen. Sie wurden daran gehindert, weil die Jachtbesatzung auf sie schoss, so dass sie nicht mehr vom Fischerboot runter konnten.
   »Achtung Piratenboot! Achtung Piratenboot! Die eingeteilten Seeleute bitte zur Waffenausgabe. Alle anderen zur Enterabwehr bereit machen.«
   Kam eine weitere Durchsage über die Lautsprecheranlage. Da es bekannt war, dass es in diesen Gewässern von Piraten wimmelte, gab es an Bord einen Notfallplan gegen einen Enterangriff. Die Piraten enterten die Schiffe, töteten die Besatzungsmitglieder und fuhren mit dem Schiff und der Ladung in einen Hafen, um sie dort zu verkaufen. Dieser Notfallplan lief jetzt an. Da ich eingeteilt war, eine der wenigen Waffen, die es an Bord gab, zu bekommen, lief ich zur Brücke, wo der Waffenschrank war und der erste Offizier die Ausgabe vornahm.
   Der Notfallplan sah vor, dass die vier Männer mit den Gewehren, die es nur an Bord gab, sich jeweils zwei pro Seite verteilten. Einer vor der Brücke und der andere hinter der Brücke an Backbord, das gleiche auch an Steuerbord. So hatte man eine gute Sicht nach vorne und hinten auf beiden Seiten. Der Kapitän und der erste Offizier hatten jeweils eine Pistole.
   Dann mussten zwei Mann nach vorne auf die Back und zwei Mann nach hinten ans Heck, sie waren mit Knüppeln und anderen schweren Gegenständen bewaffnet. Die weitere Einteilung sah vor, dass auf jeder Seite, vor und hinter der Brücke, über die gesamte Schiffslänge verteilt, der Rest der Mannschaft stehen sollte, um das Entern zu verhindern. Es wurden die großen C-Wasserschläuche ausgerollt, angeschlossen und bemannt.
   Bei diesem Alarm waren alle an Deck, von der Kombüsen- bis zur Maschinencrew. Hier ging es um nicht weniger als um Leben oder Tod. Unser Koch hatte sich mit seinen Küchenmessern bewaffnet, andere hatten Malspieker und andere Arbeitswerkzeuge, die man auch zur Selbstverteidigung nutzen konnte, in der Hand.
   Ich stand auf meinen Steuerbordposten vor der Brücke, dass Gewehr schussbereit in der Hand und konnte alles sehen was da vor sich ging.
   Unser Kapitän hatte die Fahrt nicht verringert, so dass wir mit unverändert hoher Geschwindigkeit auf die beiden Schiffe zufuhren. Es hatte keinen Zweck irgendwelche Kursänderungen vorzunehmen, was wichtig war, ist die Geschwindigkeit beizubehalten.
Je näher wir den beiden Schiffen kamen umso deutlicher konnte man die einzelnen Personen auf beiden Schiffen erkennen. Aus dem Fischereiboot schlugen mittlerweile schon die Flammen aus den Deckaufbauten und die paar Seeleute die sich noch bewegen konnten, nicht angeschossen oder im Rauch ohnmächtig geworden waren, sprangen auf der, der Jacht abgelegenen Seite, über Bord. Die kümmerten sich aber nicht mehr um das Fischerboot, sie ließen die Jacht langsam in unsere Richtung treiben und ich sah wie die Leute an Bord mit Ferngläsern unser Schiff absuchten.
   Auf einmal machte einer der Kerle ein Zeichen zur Brücke der Jacht hinauf und deutete dann mit der Hand auf mich. Er sah noch einmal durch sein Fernglas in meine Richtung, so als ob er sich noch einmal überzeugen wollte und nickte zur Jachtbrücke hinauf, so als wenn er seine Aussage bestätigen wollte. Darauf hin gab der Kapitän der Jacht einen Befehl, woraufhin sich die Besatzungsmitglieder der Jacht alle dem Fischerboot zuwandten und mit Dauerfeuer aus ihren Maschinenpistolen das Feuer eröffneten. Das Fischerboot bäumte sich in einer Feuerexplosion auf, schwamm aber noch weiter auf der Wasseroberfläche.
   Bei uns an Bord waren nur unsere auf volle Kraft laufende Maschine zu hören und das Knistern des brennenden Bootes. Die Jacht glitt langsam näher, hielt aber einen gewissen Sicherheitsabstand. Dann stellte sich der Kapitän hin, deutete auf mich dann auf das Fischerboot und fuhr sich mit der rechten Hand über die Kehle. Was wohl soviel bedeuten sollte wie, das passiert dir, wenn du dich hier noch einmal sehen lässt.
   Keiner an Bord hat das wohl so interpretiert, für sie sah es wie eine allgemeine Drohung aus und deshalb wurden wir auch alle an Bord weiß vor Schreck, nur jeder aus einem anderen Grund. Was uns wunderte war, dass es nur diese eine Jacht gab, kein anderes Boot war weit und breit zu sehen. Normalerweise kommen sie mit drei und mehr Jachten um ein Frachtschiff anzugreifen. Aber selbst mit einer Jacht hätten wir schon ganz schön zu tun gehabt.
   Schaffen die Piraten es nicht ein Schiff zu entern, versenken sie es einfach vor Wut. Zwei bis drei Panzerfaustladungen an der richtigen Stelle in den Rumpf, unterhalb der Wasserlinie und das Schiff geht unter.
   Man kann davon ausgehen, dass diese Seepiraten schon wissen an welcher Stelle ein Schiff besonders anfällig ist. Der Funkkontakt zu Außenwelt wird durch einen Störsender unterbrochen. So eine Panzerfaust ist sehr leicht zu transportieren und auch zu bedienen, meistens haben sie mehrere davon an Bord.
   Nachdem der Kapitän sich mit der rechten Hand über die Kehle gefahren war, gab er wohl den Befehl abzudrehen. Die Jacht nahm so schnell an Fahrt auf, dass sich das gesamte Vorschiff aus dem Wasser hob. Es hatte so eine enorme Beschleunigung, dass sich alle an Bord festhalten mussten. Es drehte ab und beschleunigte noch mehr, es war faszinierend wie sich dieses Schiff bewegte, selbst in dieser Situation.
   »Mann über Bord Manöver einleiten, Mann über Bord Manöver einleiten. Die Rettung übernimmt Boot zwei und vier. Die Schiffsicherung übernimmt die Besatzung von Boot eins und drei«, schreckte mich die Lautsprecherdurchsage aus meiner Erstarrung.
   Ich war dem Boot zwei zugeteilt. Der eingeübte Ablauf übernahm mein weiteres Tun automatisch. Ich übergab die Waffe einem Kollegen von Boot eins, rannte zu meinem Rettungsboot, zog  die Schwimmweste an und führte die einstudierten Handgriffe um das Rettungsboot fertig zu machen aus.
   »Boot zwei und vier zu Wasser lassen«, kam der nächste Befehl. Ich stand an der Winde und führte alle Handgriffe automatisch aus. Sicherungshebel herumlegen, mich davon überzeugen, dass die Bootsbesatzung an Bord war und sich gesichert hatten, Hebel nach unten drücken und das Boot zu Wasser lassen. Hinter mir hörte ich die gleichen Geräusche von Boot Nummer vier, das auch zu Wasser gelassen wurde. Die Boote auf der Steuerbordseite waren mit gerader Nummer, von vorne nach hinten durchnummeriert. Auf der Backbordseite hatten sie ungerade Nummern.
   Mein Boot erreichte die Wasseroberfläche, der Bootsführer gab Handzeichen die Winde zu stoppen und runterzukommen. Ich kletterte die Bootsmannleiter runter und als ich unten im Boot ankam öffnete der Bootsführer, unser zweiter Offizier, die Bootssicherung und wir machten uns auf den Weg zum brennenden Fischerboot, gefolgt von Boot vier.
   Wir waren noch nicht ganz am Fischerboot, da spürten wir schon die sengende Hitze und was viel schlimmer war, wir sahen Haifische um das Boot schwimmen.
   Sie kümmerten sich um die Mannschaft die es geschafft hatte auf der anderen Seite des Fischerbootes ins Wasser zu springen, um den Piraten und dem Feuer zu entkommen, den Haien konnten sie nicht entkommen. Es war grausig anzusehen, wie es da im Wasser brodelte, ohne etwas tun zu können. Wir konzentrierten uns aufs Boot um vielleicht dort noch jemanden zu helfen, aber auch hier kam jede Hilfe zu spät. Hier lagen verbrannte und verkohlte Leichen an Deck. Die Piraten hatten ganze Arbeit geleistet.
   Da durchzuckte mich ein Gedanke, ich fuhr wie ein Blitz herum um den Horizont abzusuchen und rief gleichzeitig:
   »Falle, es ist bestimmt eine Falle der Piraten.« Alle sprangen auf um sich umzusehen und das Boot schaukelte bedenklich.
   »Alle hinsetzen und ruhig verhalten, unser Kapitän hat alles im Blick. Die sind weg«, rief unser Bootsführer und wir setzten uns schnell wieder hin um dass Schaukeln zu stoppen und verhielten und ruhig.
   »Hier ist nichts mehr zu machen, lasst uns zurück rudern Leute. Riemen auf und rudert, eins und eins und eins!«
   Unser Bootsführer hatte die Situation voll im Griff, durch das Kommando rudert und der Angabe des Rhythmus, mussten wir uns auf etwas anderes konzentrieren, als das ganze Chaos um uns herum. Am Schiff angekommen musste ich wieder die Leiter hochklettern und in der Zwischenzeit hatte der zweite Offizier das Rettungsboot wieder eingehakt. Als ich oben angekommen war, gab er mir das Zeichen die Winde zu betätigen und das Boot hoch zu hieven. Als die Boote wieder oben und gesichert waren, machten wir sie wieder seefest und verstauten alles.
   An diesem Tag war nicht mehr viel los mit uns, wir hatten nur ein Thema, die Piraten. Keiner von uns hatte jemals mit Piraten zu tun, wir hatten zwar schon viele Geschichten davon gehört, aber noch nie selbst etwas mit ihnen direkt erlebt. Wir waren uns alle einig, wir wollten so etwas nicht noch einmal erleben. Unser Kapitän ließ für die nächsten zwei Tage doppelte Wache aufziehen und war selbst die ganze Zeit auf der Brücke, auch ihm hatte diese Begebenheit stark zugesetzt.
   >Das ist nicht mehr dein Ding, versuche hier heil Raus zu kommen<, dachte ich mir.
   Ich begann mir langsam einen Plan zurechtzulegen wie es gehen könnte mich aus dem ganzen Geschehen und der Gang zurückzuziehen, ohne Gefahr laufen zu müssen von den Typen erledigt zu werden.
   Aber es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich die Lösung und den richtigen Zeitpunkt hatte. Nur nach Asien bin ich nie mehr gefahren! 

Sardinien

M
»usstest du das jetzt so wörtlich nehmen mit der Gruselgeschichte?...«, fragte mich Eva; »... gut das ich dich jetzt zum ankuscheln habe, sonst könnte ich ja heute Nacht gar nicht schlafen. Lass uns ins Bett gehen, mein Schatz. Morgen wird bestimmt ein anstrengender Tag. Pit und Josef haben sich auch noch nicht gemeldet.« Sie stand auf und ging in das Haus.
   »Ich mache mich schon mal fertig, bis gleich«, sagte sie noch zu mir. In diesem Moment meldete sich das Funkgerät und sie blieb an der Tür stehen um zu hören was es neues von Pit und Josef gab. Ich aktivierte die Rufannahme.
   »Ja?«
   »Hallo Carlo, hier ist Pit. Wir haben uns gegenüber dem Hotel eingerichtet, wir waren auch schon in den Zimmern und haben sie verwanzt. Sie sind gerade zurückgekommen und haben sich auf dem einen Zimmer getroffen nach dem sie sich umgezogen haben. Wie es aussieht wollen sie gleich wieder los, ihr Ziel heute Nacht ist euer Haus. Sie wollen von der See aus kommen.« Ich gab Eva ein Zeichen, sie kam zurück und setzte sich wieder hin.
   »O.K. Pit. Wir werden uns vorbereiten und mal sehen was sie vorhaben. Ob sie nur spionieren wollen oder gar was anderes im Schilde führen. Wollt ihr sie auf See auch beschatten?«
   »Ja, deshalb rufen wir auch an. Wollten fragen ob ihr ein Boot hier liegen habt. Dann würde ich die beiden mit der Jacht verfolgen und Josef mit dem Motorrad parallel zur Küste mitfahren. Wir bleiben dann per Funk in Verbindung.« Ich sah Eva an, sie deutete meinen Blick richtig. Es war eine stumme Frage ob sie unser Boot abgibt und sie nickte mir zu.
   »Ja Pit. Wir haben ein Boot im Hafen liegen, eine Princess. Geh runter zum Hafenmeister da bekommst du die Schlüssel, ich rufe bei ihm jetzt an und sagen ihm Bescheid. Es ist eine Princess V50, hat serienmäßig achtunddreißig Knoten wurde aber auf fünfundvierzig Knoten aufgerüstet, ist voll aufgetakelt und aufgerüstet für Schleichmodus, wie die „Sea King“ in Genua, die kennst du ja.«
   »Ja, die kenne ich gut. Ich fahre gleich runter und Josef gibt mir per Funk durch, wenn sie kommen. Wir melden uns wieder. Tschüss.«
   »Tschüss bis später«, sagte ich und unterbrach die Funkverbindung. Ich sah Eva an und sagte:
   »Ist wohl nichts mit schlafen gehen. Du kannst dich aber, wenn du müde bist, ruhig hinlegen.«
   »Das glaubst du doch jetzt wohl selbst nicht. Ich kann ja doch nicht schlafen bei der ganzen Aufregung. Ich hole uns jetzt noch was zu trinken und eine Kleinigkeit zu knabbern.« Sie ging ins Haus und ich hörte sie rumoren. Die Gelegenheit nutzend, rief ich beim Hafenmeister an und informierte ihn, dass ein Mitarbeiter von mir die „Sea King” abholen würde und er ihm den Zweitschlüssel geben sollte.  
   Ich überlegte mir, was die beiden Typen wohl vorhaben konnten, stand auf und ging ins Büro um die technische Anlage noch einmal zu kontrollieren. Alles war in Ordnung und eingeschaltet. Danach ging ich zum Panzerschrank, und holte mir meine Pistole, eine „Glock 18“ heraus. Ich überprüfte die Funktion, indem ich den Ladenschlitten zurück zog und wieder nach vorne gleiten ließ, führte ein Magazin mit einunddreißig Schuss ein, lud die Waffe durch und sicherte sie. Dann nahm eine Zeitung und legte die Pistole hinein, die beiden mussten ja nicht gleich sehen, dass ich eine Waffe dabei hatte. Danach ging ich wieder auf die Terrasse, setzte mich in meinem Stuhl und legte die Zeitung neben mich. Eva hatte inzwischen neue Getränke geholt und saß schon auf ihrem Stuhl.
   »Na mein Lieber, gehst du auf Nummer sicher?«, fragte sie mich und zeigte auf die Zeitung. Ich schaute unschuldig in die Gegend.
   »Tu nicht so als wenn du nicht weist was ich meine, da ist doch bestimmt deine Waffe drin«, brachte sie mal wieder alles auf den Punkt.
   »Ja, nur zur Sicherheit«, sagte ich beschwichtigend. Wir saßen eine Zeitlang, den eigenen Gedanken nachhängend, still da. Dann wurden wir aus unseren Gedanken herausgerissen, das Funkgerät meldete sich.
   »Hier ist Pit. Ich bin jetzt auf der „Sea King” und startklar. Josef meldet sich, sobald beide das Hotel verlassen. Wir sind auf Kanal dreiundzwanzig.«
   »Ist gut Pit. Ciao«, ich beendete die Verbindung.
   Wir benutzen für unsere Einsätze digitale Sprechfunkgeräte, und die Spytec-Hörer. Das sind die, von den Sicherungsleuten benutzten Ohrhörer, die man direkt ins Ohr stecken kann und die die Bewegungsfreiheit nicht beeinträchtigen. Als Antenne dient eine Spule die entweder um den Hals oder in der Tasche getragen wird.
   Das Sprechfunkgerät ist abhörsicher und hat eine große Reichweite. An Eva gerichtet sagte ich:
   »Schatz, ich hole uns die Spytec-Hörer.«
Ich stand auf und holte sie aus dem Büro, gab Eva einen, legte mir selbst auch einen Hörer an und schaltete das Gerät auf Kanal dreiundzwanzig. Nach ein paar Minuten meldete sich Josef:
   »Carlo, hier ist Josef. Wie ist der Empfang?«
   »Josef, wir hören dich laut und klar.«
   »« Hier ist Pit, höre euch auch laut und klar.«
   »Pit die beiden Typen sind gerade unterwegs zum Hafen, ich beschatte sie, bis sie auf dem Boot sind. Am besten ist, du fährst schon mal raus.«
   »O.K. Josef, ich lege jetzt ab. Bis gleich.«
Es wurde still im Gerät. Eva knabberte das Gebäck und trank dabei ihren Wein. Ich tat es ihr nach um mich etwas abzulenken, in Gedanken waren wir jetzt bei unseren Leuten da draußen.
   »Hallo Carlo, hier ist Pit. Bin jetzt hinter den beiden her. Habe alle Lichter gelöscht und fahre nur auf Radarsicht. Ihr Boot ist zu klein um Radar zu haben, deshalb werden sie mich wohl nicht bemerken.« 
   »Pit, haben die beiden ihre Positionslichter an?«, fragte ich.
   »Nein, die fahren auch ohne Licht.«
   »Josef, du fährst den Strand längs?« Versuchte ich mir ein Bild des Standortes von Josef zu machen.
   »Ja, ich kann ihr Boot hören.«
   »He Josef... «, sagt Pit. »... Kannst du auch unser Boot hören?«
   »Nein Pit. Dein Boot ist nicht zu hören oder zu sehen.«
   »Sehr schön.«
   »Gut Pit, sag Bescheid, sobald die beiden an Land gehen«, sagte ich zu Pit und sprach weiter: »Josef, komm zu uns und stelle das Motorrad hinter dem Haus ab, damit es startklar ist. Dann suchst du dir einen Standort von dem du einen guten Überblick hast.«
   »Ist gut, das werde ich machen. Over and Out«, sagt Josef.
   »Pit, du bleibst mit genügendem Abstand vom Strand, startbereit liegen und beobachtest alles von Bord aus.«
   »O.K. mache ich. Over and Out.« Ich sah Eva an.
   »Willst du hier bleiben, oder lieber nach drinnen gehen?«
   »Ich glaube, ich bin bei dir besser aufgehoben als alleine da drin«, antwortete sie mir.
   »Gut, dann tun wir mal ganz normal, wir beiden Süßen. Bin gespannt wie weit sie gehen werden.«
   Ich ging noch einmal hoch in den Stall und band Blacky fest, er sollte nicht dazwischen gehen, wenn es Komplikationen mit den beiden Typen geben sollte. Wir hatten ja Pit und Josef als Schutz dabei, dass reichte wirklich aus. Danach saßen wir etwa zwanzig Minuten zusammen auf der Terrasse und gingen unseren Gedanken nach, redeten vom nächsten Tag, an dem Betti mit den neuen Hunden kommen wollte. Dann ging der Funk an:
   »Carlo hier ist Josef, ich bin rechts von euch in Stellung gegangen und habe das Motorrad vorne auf den Hof abgestellt.« Ich sah Eva ganz erstaunt an.
   »He Josef, wie hast du das denn gemacht. Wir haben nichts gehört?«
   »Das ist doch mein Job, Carlo. Leise und effektiv zu sein. Hast du noch etwas für mich?«
   »Nein. Im Moment nicht. Bleib in Deckung.«
   »O.K. Over and Out.«
Dann, als sei es abgesprochen worden, meldete sich auch schon Pit.
   »Carlo, hier ist Pit. Die beiden haben gerade das Boot auf den Strand gesetzt und schleichen sich in Richtung Haus. Habe sie voll im Nachtsichtgerät und kann sie auch weiter verfolgen.«
   »OK Pit. Wenn sich etwas Außergewöhnliches tut, melde dich. Over and Out.«
   »Gut, Over and Out«, bestätigte Pit.
Wenn unsere beiden Männer in der Nähe waren, hatten nicht viele eine Chance an uns heranzukommen. Vom Strand bis zur Terrasse waren es mal gerade fünfzig Meter, die konnte Pit sogar mit der Armbrust schaffen.
   »Guten Abend die Herrschaften!« Es waren die Typen von heute Morgen. Sie kamen langsam aus der Düne heraus und gingen in Richtung Terrasse auf uns zu.
   »Guten Abend. Wir kennen uns doch schon von heute Morgen... «, tat ich ganz unbedarft; »... haben sie sich wieder verlaufen in der Dunkelheit?« Setzte ich noch einen obendrauf. Ich beobachtete die beiden, vor allem ihre Hände. Beide hatten sie hinter den Rücken versteckt, so als wenn sie gemütlich spazieren gehen würden. Aber ich wusste, dass sie Waffen in der Hand hatten. Ich hatte meine „Glock 18“ unter dem Tisch auf die beiden gerichtet und auf Dauerfeuer gestellt.
   »Soll ich sie ins Dorf fahren?«, fragte ich sie scheinheilig. Da sah ich einen roten Ziellaserpunkt über den von mir aus rechts stehenden Mann huschen, bis er auf dessen Oberschenkel zu stehen kam und sich nicht mehr bewegte. Josef hatte ihn ins Visier genommen, ich nehme an mit der Armbrust. Ich drehte meine Pistole etwas nach links um den anderen aufs Korn zu nehmen.
   »Nein danke. Eigentlich haben wir uns nicht verlaufen. Wir sind ihretwegen hier. Haben sehr lange suchen müssen, bis wir sie gefunden haben.« Ich tat überrascht.
   »Wegen mir sind sie hier, was ist so interessant an mir, dass sie mich gesucht haben und was wollen sie von mir?« Ich hörte über Funk, meine beiden Leute miteinander reden.
   »Pit hier ist Josef. Ich habe, von Carlo aus gesehen, den Rechten im Visier.«  
   »O.K. Josef, dann nehme ich mir den Linken vor.«
Der links stehende antwortete mir auch gleich auf meine Frage:
   »Wir wollen den Zugang zu ihrem Unternehmen bekommen. Wir wollen die Leitung übernehmen, dass heißt nicht wir, sondern unser Auftraggeber.« Ich war erstaunt über diese direkte Antwort und antwortete dementsprechend auch überrascht:
   »Wie? Besorgt man sich jetzt so seine eigene Firma? Was wollen sie, oder ihr Auftraggeber überhaupt mit unserer Firma? Wer ist den überhaupt ihr Auftraggeber?«
   »Er will nur aus dem Hintergrund heraus die Mittel, die ihnen zu Verfügung stehen, für sich einsetzen. Er will sich nicht an den Gewinn bereichern, er will nur die technischen und organisatorischen Möglichkeiten nutzen die sie haben. So ein unbeschriebenes Blatt, wie sie gern wären, sind sie ja nun mal nicht. Unser Auftraggeber kennt sie noch von früher.« Da war sie, die Vergangenheit! Man kann ihr nicht davonlaufen und Vergessen schon mal gar nicht.
   »Wer ist es denn, der mich so gut kennt?«, wollte ich von ihnen wissen.
   »Das tut im Moment nichts zur Sache. Wir benötigen die Zugriffscodes auf ihr Firmennetzwerk, die Herausgabe der Interna über die Tochterfirmen, Anschriften, technische Ausstattung und die Einsatzmöglichkeit der jeweiligen Abteilungen im Bereich des Internationalen Transportwesens. Dann sind wir wieder weg und unser Auftraggeber wird sich mit ihnen persönlich in Verbindung setzen.«
   Von der Operation Group scheinen sie nichts zu wissen, es wurde auch alles Mögliche getan um das geheim zu halten. Das war unser Vorteil.
   »So, mehr wollen sie heute also nicht von mir. Dann geht es ja noch«, sagte ich höhnisch.
   »Sie können sich aber sicher vorstellen, dass wir da etwas dagegen haben.«
   »Dann müssen wir wohl unserer Bitte etwas Nachdruck verleihen«, sagte der, der rechts von mir stand und sie brachten langsam ihre Hände nach vorne. Ich hatte leider Recht, sie hatten ihre Waffen in der Hand. Ich hörte Josef über Funk rufen:
   »Feuer!«
   Leider für sie, denn sie brachten die Waffen noch nicht einmal in den Anschlag, da lag ein surren in der Luft und sie stießen beide einen lauten Schmerzensschrei aus, ließen ihre Waffen fallen und fassten sich an die Oberschenkel. Bei dem links stehenden, drang der Pfeil von hinten durch den Oberschenkel, den hatte Pit im Visier gehabt und beim rechten kam der Pfeil von rechts, den hatte Josef abgeschossen. Sie knickten ein und lagen kaum auf der Erde, da kam auch schon ein Schatten aus dem dunkel, Josef sammelte die Waffen ein, und machte die Erstversorgung für die Wunden. Dabei zog er die Pfeile heraus, was jeweils durch einen Fluch und Schmerzenschrei begleitet wurde. Dann hörte ich seine Stimme im Ohrhörer:
   »Pit hier ist Josef. Alles in Ordnung, es besteht Sicherheit. Habe sie in Gewahrsam. Kannst zum Hafen fahren und kommen. Sehr guter Schuss. Tschüs bis später.«
   »O.K. Josef, bis gleich. Over and Out.«
Zu mir sagte Josef:
   »Scheint kein Knochen getroffen zu sein, sind nur Fleischwunden.« Eva stand auf und ging ins Haus und sagte zu mir.
   »Ich gehe rein, kann das nicht mehr mit anhören. Lege mich schon mal hin. Bis gleich.«
   »Ja mein Schatz, ist wohl das Beste.«
Das Stöhnen, der beiden nahm zu, sie mussten wohl sehr starke Schmerzen haben. Josef postierte sich hinter beiden und sicherte, während ich mein Handy nahm und die Nummer von der Polizei wählte.
   »Pronto!« Meldete sich etwas ungehalten, ob der späten Stunde Luciano.
   »Guten Abend Luciano, hier ist Carlo. Es tut mir leid dich so spät noch stören zu müssen, aber ich habe hier zwei Eindringlinge dingfest gemacht, die uns mit Waffen bedroht haben. Wir brauchen einen Krankenwagen und leider auch dich hier.«
   »Oh Dottore, das ist kein Problem. Sind es die beiden über die wir gesprochen haben, was haben die denn für Verletzungen? Ich werde alles in die Wege leiten und bin auch schon gleich selbst bei euch.«
   »Ja, das sind die beiden. Sie hatten, jeder einen Stahlpfeil im Oberschenkel stecken. Sind aber schon erstversorgt worden. Ciao bis gleich.«
   »Ciao Dottore.« Ich stand auf und ging zu den beiden.
   »Wie sieht es den jetzt mit dem Namen des Unbekannten aus? Besser ihr sagt es mir, als wenn sich die sardische Polizei etwas intensiver mit euch beschäftigt. Die Carabinieri hier sind bekannt, dass sie nicht besonders freundlich mit Typen wie euch umgehen. Vor allem wenn sie mit Waffen ehrenhafte Bürger bedrohen und überfallen«, versuchte ich sie einzuschüchtern.
   »Seid ihr denn total verrückt, mit Stahlpfeilen zu schießen?«, brachte der linke unter lauten schmerzverzerrtem Stöhnen heraus.
   »Was hattet ihr denn mit den Waffen vor?«, fragte ich ihn im Gegenzug.
   »Wir wollten euch doch nur einschüchtern und das Verfahren etwas abkürzen um die Daten zu bekommen.« Ich tat entrüstet:
   »Es ist doch klar, wer eine Pistole in die Hand nimmt, der will sie auch benutzen... «, sagte ich und fuhr weiter fort: »... Redet lieber jetzt, bevor die Polizei hier ist«, versuchte ich es weiter und, als wenn es verabredet worden war, hörten wir die Polizei-, und Krankenwagensirenen von weitem.
   Ich sah wie Josef sich zurückzog, unbemerkt und ohne ein Geräusch zu machen in die Dunkelheit verschwand. Er würde alles von dort aus beobachten und mir den Rücken decken.
   »Also, wer ist euer Auftraggeber?«, stellte ich die Frage den beiden von Neuem.
   »Wir kennen ihn nicht persönlich, wir hatten nur per Telefon Kontakt mit ihm. Als wir zusagten wurde die Anzahlung in den Briefkasten gelegt.«
   »Wie sollte der weitere Ablauf sein?«, fragte ich sie weiter.
   »Er wollte übermorgen wieder bei uns anrufen und uns dann das restliche Geld zukommen lassen, wenn wir ihm die Daten ihrer Firma geben können«, stöhnte der linke. Mir kam eine Idee und ich fragte ihn:
   »Habt ihr einen Code abgesprochen, wenn er anruft?«
   »Ja, wir sollten auf seine Frage, wo ist das Wetter am schönsten, mit Sardinien antworten.«
   »Gut und wer hat mit ihm gesprochen. Du?«, war meine nächste Frage an dem links liegenden.
   »Ja«, gab mir der Linke zur Antwort.
   »Kennt er auch die Stimme deines Kollegen, oder würde es auffallen, wenn er sich am Telefon meldet?«
   »Nein, das würde nicht auffallen und kennen tut er ihn auch nicht. Nur das Codewort ist wichtig.«
Ich hörte die Einsatzwagen den Hang herunter kommen.
   »Ich brauche noch eure Namen und eure Adresse«, sagte ich schnell.
   »Mein Name ist Lothar Merkam und das ist Oskar Baucht, wir wohnen in Berlin, in der Steinstrasse zweiundzwanzig«, sagte er vor Schmerzen stöhnend. Wie auf Stichwort kam Luciano mit seinem Alpha Romeo hundertvierundsechzig um die Hausecke vom Hof her gerast und bremste neben der Terrasse. Ein zweites Polizeifahrzeug und der Krankenwagen folgten ihm. Luciano und seine beiden Kollegen sprangen mit gezogenen Waffen aus den Fahrzeugen und kamen auf die beiden zu, sicherten solange bis der Notarzt sie versorgte und in den Krankenwagen gebracht hatte. Dann gab Luciano seinen beiden Leuten den Befehl sie bis zum Gefängnishospital zu begleiten. Als sie losgefahren waren kam er zu mir auf die Terrasse.
   »Bona Sierra Dottore, was ist denn heute Abend hier vorgefallen?«, fragte er mich. Ich zeigte auf einen Stuhl und sagte:
   »Bona Sierra Luciano. Setz dich doch, dann werde ich dir alles erzählen. Vielen Dank, dass du so schnell kommen konntest.« Er setzte sich und ich erzählte die Geschichte in der Kurzfassung. Als ich fertig war fragte ich ihn noch.
   »Luciano, könntest du mich informieren, wenn die beiden wieder frei gelassen worden sind?«
   »Ja, das kann ich tun. Aber das wird wohl noch etwas dauern. Erst einmal müssen sie gesund sein, damit sie dem Haftrichter vorgeführt werden können.
   Das kann gut ein bis zwei Wochen dauern und dann werden sie bestimmt verurteilt wegen illegalem Waffenbesitz und bewaffnetem Überfall. Da wird wohl schon was zusammen kommen«, sagte er lächelnd  und stand auf.
   »Hier sind noch die Waffen«, sagte ich und reichte ihm die beiden Pistolen die wir eingesammelt hatten.
   »Danke Dottore und meine Verehrung an die Sinora«, sagte er und gab mir die Hand.
   »Danke Luciano. Eine ruhige Nacht wünsche ich dir noch.« Er stieg in seinem Wagen und fuhr den anderen hinterher.
   »Das klappte ja ganz gut«, hörte ich Josef sagen und sah ihn, wie einen Geist so leise, aus dem Dunkeln kommen.
   »Ja, Luciano weiß wie er den Vorfall melden muss, ohne dass es große Nachfragen gibt. Ich glaube für heute Nacht haben wir genug erlebt. Geht schlafen, aber stellt bitte noch die Motorräder in die Garage«, sagte ich und ging über die Terrasse.
   »Gute Nacht und bis morgen früh«, sagte ich noch zu ihm.
   »Ja das machen wir, Gute Nacht Carlo«, antwortete er mir und ging schon Richtung Hof. Ich musste noch zum Stall um Blacky wieder loszubinden und noch einmal nach den Pferden zu sehen. Blacky war ganz aus dem Häuschen als er mich kommen sah und tollte herum, nachdem ich ihn frei gelassen hatte. Er war es nicht gewohnt angebunden zu sein, das war auch noch nie nötig gewesen, er verlies nie alleine das Grundstück. Nur wollte ich es nicht riskieren, dass er den beiden vor die Waffen lief und getötet wurde.
   Es war alles in Ordnung im Stall und ich ging langsam wieder zum Haus zurück und hörte dabei wie Pit sich bei Josef anmeldete und ihn darum bat, die Garage aufzumachen. Im Haus angekommen, legte ich die Ausrüstung ab und verstaute alles im Büro. Die Pistole wurde entladen und in den Panzerschrank zurückgelegt. Dann überprüfte ich noch einmal die Überwachungskameras und stellte zufrieden fest, dass alle in Ordnung waren. Pit war in der Zwischenzeit auch nach Haus gekommen und die beiden haben sich ins Gästehaus zurückgezogen.
   Als ich ins Schlafzimmer kam, war alles dunkel und ich hörte die tiefen Atemzüge von Eva. Sie schlief schon, das war gut so. Ich machte mich auch fertig und legte mich dazu. Es dauerte lange, bis ich einschlief. Ich legte mir noch einen Plan zurecht wie es weiter gehen sollte. Dann schlief ich endlich ein, hatte aber einen sehr unruhigen schlaf.

 
1969

A
   ls wir in Hamburg einliefen, konnte ich schon gleich erkennen, dass etwas nicht stimmte. Die Polizei stand an der Pier und wartete auf uns.
   »Was wollen die denn von uns?«, fragte ich laut vor mich hin. In der Hoffnung, dass der zweite Offizier, mit dem wir vorne am Bug standen und das Schiff fest machten, eine Antwort wusste.
   »Die kommen wegen dem Vorfall im chinesischen Meer... «, bestätigte er meine Meinung; »... Die werden uns wohl alle befragen wollen«, setzte er noch hinzu.
   Na gut, wenn das alles ist was sie wollen, soll es mir recht sein. Kaum war das Schiff fest gemacht und die Gangway runtergelassen, kamen sie an Bord. Vier Mann waren es, zwei in Uniform und zwei in Zivil. Ich hatte auf einmal etwas sehr wichtiges im Ankerraum zu tun. Das hätte ich mir aber schenken können, nach einer halben Stunde hatte man mich gefunden und Bescheid gesagt, dass ich in die Mannschaftsmesse kommen sollte.
   Als ich dort ankam, saßen die Polizisten an einem Tisch, ein paar von uns standen in der Messe herum und warteten darauf, an den Tisch gerufen zu werden. Ich gesellte mich zu meinen Kollegen und wir sprachen noch einmal über das Ereignis im chinesischen Meer. Es stellte sich heraus, dass es wirklich nur eine Befragung war und ich beeilte mich dort wieder rauszukommen. Am Abend rief ich Wolfgang an und wir verabredeten uns in seiner Stammkneipe auf dem Kiez.  
   Als ich in die Kneipe kam, war schon ziemlich viel los und kaum ein Platz frei. Hier, in der parallelen Strasse der Reeperbahn, war alles ein wenig anders. Es gab hier kaum Touristen, mehr Einheimische, Nachbarn, Zuhälter, Huren die sich in der dunklen Kaschemme aufhielten.
   Wolfgang saß an seinem Stammtisch, der immer für ihn frei gehalten wurde. Er winkte mir zu, obwohl ich blind hätte sagen können, dass er da war. Ich setzte mich ihm gegenüber an den Tisch, er machte dem Wirt ein Zeichen und der Wirt brachte mir gleich ein Bier. Bin mir ziemlich sicher, dass Wolfgang diese Kneipe gehörte, oder er wenigstens Anteile daran hatte. Aber es kam mir nur zu gute, so hatte ich immer einen Tisch für mich und konnte sicher sein, dass ich hier meine Ruhe hatte. Ich nahm einen großen Schluck, Wolfgang fragte mich:
   »Was hast du in Asien gemacht? Hier kam vor einem Monat eine ganze Gruppe Asiaten an und die hat unter unseren Partnern ein ganz schönes Blutbad angerichtet. Wir haben uns erst einmal still verhalten, als sie dann die Oberhand und die Führung übernommen hatten, haben sie Kontakt zu uns aufgenommen.«
   Mir lief es eiskalt den Rücken runter und ich sah mich erst einmal gehetzt um. Es waren keine Asiaten hier, Gott sei Dank. Dass sie andere Spitzel, als ihre eigenen benutzten, konnte man ausschließen, sie arbeiteten meistens nur mit ihren eigenen Leuten zusammen.
   »Was ist mit dir los?… «, fragte mich Wolfgang; »… hier ist niemand von denen, dafür habe ich schon gesorgt.« Ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Manila und die Demonstration im chinesischen Meer. Er hörte ganz ruhig zu, bestellte uns ein zweites Bier und meinte dann:
   »Da haben wir uns ja richtig verhalten. Die gehen über Leichen um ihre Ziele zu erreichen.«
   »Das kannst du wohl laut sagen, vor allem über Leichen die nichts damit zu tun haben«, sagte ich sarkastisch und sah Wolfgang an.
   »Pass mal auf, die bisherigen Geschichten waren in Ordnung. Ich habe alles mitgemacht was nötig war und bin auch in Zukunft bereit mitzumachen. Aber ich arbeite ausschließlich nur für dich, keiner erfährt meinen richtigen Namen. Wenn es um mich geht, dann geht es um den „Organisator“. Ich möchte in keinerlei Geschäften mitmischen in denen die Asiaten ihre Finger im Spiel haben. Gib mir dein Wort darauf Wolfgang.«
   »O.K. das geht in Ordnung. Was hast du denn jetzt weiter vor?« Ich nahm noch einen Schluck und sagte:
   »Ich werde mich aus dem Nachrichtengeschäft erst einmal ganz zurückziehen. Erreichen kannst du mich über unseren Briefkasten hier in der Kneipe. Ich komme immer, wenn ich in Hamburg bin, hier rein. Bist du da, ist das in Ordnung. Wenn nicht, schau ich in unserem Briefkasten nach, ob eine Nachricht von dir da ist.«
   Wir hatten schon vor einiger Zeit eine Platte in der Toilette entfernt, und einen Hohlraum herausgearbeitet. Die Platte wurde durch einen Magnet gehalten und befand sich ganz oben, kurz unter der Decke. Da, wo sowieso kaum jemand saubermacht, oder nur mal kurz rüberwischt.
   »Ja, das ist eine gute Lösung. Aber ich werde mich wohl mehr hier aufhalten, hier bin ich wenigstens sicher. Habe draußen ein paar Leute postiert und hier drinnen sind auch ein paar Jungs von mir.«
   »Ah! Das heißt also, dass du dich auch nicht sicher fühlst.«
   Wolfgang beugte sich zu mir und sagte leiser als sonst:
   »Nein. Bestimmt nicht. Lange mache ich das auch nicht mit. Werde dann vielleicht von hier verschwinden und nach Italien gehen, mir die Sonne auf dem Bauch scheinen lassen und schöne Mädels in dem Arm halten. Ich lasse aber auf jeden Fall eine Nachricht für dich zurück, damit du nachkommen kannst. Mit der Mafia kann man ja noch arbeiten, aber die Asiaten sind unberechenbar.«
   »Gut, mache das und wenn ich dir einen Rat geben darf, beeile dich damit. Je mehr sie von Hamburg übernehmen, umso unsicherer wird auch deine Kneipe für dich. Damit du keinen Ärger bekommst, sage ich dir nicht, wo ich abbleibe. Aber ich werde mich auch dünne machen.«
   Wolfgang machte ein Zeichen zum Wirt und er brachte uns noch etwas zu trinken. Wolfgang hob das Glas:
   »Auf unsere Gute und fruchtbare Zusammenarbeit, Organisator. Vor allem auf unsere Zukunft.« Wir prosteten uns zu und ich sagte zu ihm:
   »Was unsere Zukunft betrifft weißt du auch Bescheid. Die neuen müssen nicht wissen was ich gemacht habe. Nur du kennst die Verbindung, also verschwinde schnell aus dieser Gegend.«
   »Ja, du denkst schon wieder viel zu nüchtern und logisch. Ich wollte hier noch ein wenig Geld machen.«
   »Wolfgang, einmal mit denen angefangen bist du mitgefangen. Bei denen kommst du nur auf eine Art raus, senkrecht und tot.« Er wurde etwas weiß um die Nase und sah mich ernst an und sagte dann:
   »Ja, da hast du bestimmt Recht.« An diesem Abend wurden noch so einige Gläser verputzt, bevor ich ging.
   »Es reicht für heute Wolfgang, danke für die Einladung«, sagte ich und stand auf.
   »Ist der Durchgang im Keller zum anderen Haus noch offen?«, fragte ich ihn. Mit dem Gedanken spielend, nicht vorne raus gehen zu müssen.
   »Ja, der ist noch offen. Aber meinst du, dass es nötig ist?«
   »Wolfgang! Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Also, ich wünsche dir was und hoffentlich bis bald.«
   Ich gab ihm die Hand und ging dann nach hinten und die Kellertreppe runter. Diese alten Häuser haben Durchgänge und Verbindungstüren. Noch von früher, als es auf der Reeperbahn hoch her ging. Jetzt haben hier die Asiaten das Sagen! Ich ging leise durch die Tür ins andere Haus und schlich mich die Treppe hoch.
   Am Eingang schaute ich mich sichernd um, stellte meinen Kragen hoch und ging torkelnd in die andere Richtung davon. Sollte es wirklich einen Beobachter geben, nahm er bestimmt nicht auf einen Betrunkenen acht der aus einer Haustür kam. Ob die Asiaten wissen was es mit den baulichen Vorteilen dieses Viertels auf sich hat, bezweifele ich. Am nächsten Tag musterte ich auf einem neuen Schiff an.

   Nach Monaten waren wir wieder in Hamburg und mein erster Weg führte mich natürlich zu Wolfgangs Kneipe. Schon als ich über die Reeperbahn ging bemerke ich Veränderungen, es war alles angespannter als sonst und es gab viele fremde Gesichter. Damit meine ich nicht die Touristen, ich meine die Türsteher, die Zuhälter, die Freudenmädchen und diejenigen, die auf der Reeperbahn wohnen.
   Dann bog ich in die Strasse ein, in der die Kneipe von Wolfgang lag. Ich ging bewusst langsam, um mir die Gegend genau anzusehen. Es war sonderbar ruhig hier, nicht das normale kommen und gehen wie es sonst hier herrschte.
   Am Ende der Strasse sah ich ein paar asiatische Typen herumlungern und auch auf meiner Seite, standen ein paar herum. Bei mir gingen die Nackenhaare hoch, hier stimmte etwas nicht. Langsam ging ich weiter, als wenn ich nichts bemerkt hätte. Meine Augen gingen suchend hin und her um alles aufzunehmen. Die Frage warf sich auf, was sollte ich tun? Umdrehen und gehen? Das fiel bestimmt auf, und sie würden, wenn ihnen etwas sonderbar vorkommen würde, die Straße auf beiden Seiten dicht machen. Weitergehen und am anderen Ende die Straße wieder verlassen, wäre eine Möglichkeit. Aber deshalb wusste ich noch lange nicht was los war. In der Kneipe anrufen und Wolfgang verlangen wäre auch eine Möglichkeit die ich nutzen könnte. Ja, so werde ich es machen. Weitergehen und dann anrufen. Ich ging durch die Straße und sah mir dabei die Typen genauer an, es waren keine bekannten Gesichter darunter. Am Ende bog ich um die Ecke und suchte mir eine Telefonzelle, wählte die Nummer und wartete:
   »Schwarzer Kater«, meldete sich die bärbeißige Stimme des Wirtes. Wenigstens der war noch da.
   »Hallo Michael, hier ist der Organisator. Ist Wolfgang da?«
   »Ja, der sitzt wie immer am Stammtisch, soll ich ihn holen?«, fragte er mich mit einer ganz normalen bärbeißigen Stimme.
   »Ja, hole ihn mir mal ans Telefon.« Nach einer Weile hörte ich Wolfgangs Stimme:
   »He Organisator, wo steckst du. Bist du in Hamburg, dann komme doch vorbei.« Er war so aufgekratzt so unter Spannung, als wenn er schauspielern würde.
   »Hi Wolfgang. Ja ich bin in Hamburg. Was gibt’s Neues bei dir?«
   »Komm doch einfach vorbei, dann reden wir über alles was es Neues gibt.«
   »Wird die Kneipe überwacht? Kann ich über den Notausgang rein kommen? Sage einfach ja oder nein.« 
   »Ja! Das ist gut. Ja! Das ist auch eine Möglichkeit. Also, bis gleich dann, Tschüss.« Toll, dann sind sie also schon an seiner Kneipe dran. Die Frage ist, sind sie jetzt auch schon in der Kneipe? Aber so wie er redet, sitzen bestimmt, ein paar Männer, an der Theke. Abhauen und untertauchen, dass wäre jetzt wohl am besten und sichersten. Aber ich konnte Wolfgang nicht so einfach sitzen lassen. Also, wieder zurück in die Kneipe. Ich kam diesmal von der anderen Seite, ging an der Kneipe vorbei und ging in den Hauseingang nebenan rein. Ich spürte die Blicke der Beobachter. Aber es sah normal und unauffällig aus, wie ich in das Haus nebenan rein ging. Als ich drinnen war, ging ich die Kellertreppe runter und schlich mich durch den Durchgang ins Nebengebäude. Langsam stieg ich die Kellertreppe hinauf und hier hörte ich schon das Stimmengewirr in der Kneipe. Vor der Tür in dem Schankraum blieb ich kurz stehen und lauschte. Machte dann langsam die Tür auf und ging rein. Rechts im Hintergrund, konnte ich den Tisch mit Wolfgang sehen und ging darauf zu. Kaum erkannte er mich, sprang er auf und kam auf mich zu.
   »Hi Organisator, schön dass du da bist.« Er geleitete mich zu seinem Tisch und gab dem Wirt ein Zeichen, ein Bier für mich zu bringen. Ich blickte mich sichernd um, sah aber nur bekannte Gesichter. Wir setzten uns an den Tisch und ich sagte:
   »Na Wolfgang, was machen denn deine Pläne mit Italien?«
Ich fragte bewusst provokativ, um zu sehen wie er reagiert. Er sah sich um und beugte sich zu mir:
   »Halte dich mal mit diesem Spruch etwas zurück. Hier haben die Wände Ohren«, sagte er. Das wollte ich nur hören, wie ich es mir schon dachte, hier wird mitgehört.
   »Und, wie geht es sonst bei dir?«, fragte ich etwas unverfänglicher.
   »Na ja, soweit ganz gut. Das Geschäft läuft und ich bin zufrieden. Wie sieht es denn bei dir aus?«
   »War in der letzten Zeit auf kleiner Fahrt und kann auch ganz zufrieden sein. Wie sieht es den mit einem Rundgang aus?« Eine unverfängliche Frage, weil wir das schon öfters gemacht haben. Einmal um den ganzen Kiez spazieren gehen, zusammen quatschen und Bekannte begrüßen. Der Vorteil war, dass dabei niemand unser Gespräch mithören konnte.
   »Das geht im Moment nicht, warte noch auf jemanden«, sagte er etwas sonderbar.
   »Gut dann lass ich dich mal alleine«, sagte ich zu ihm und stand auf. Da legte sich eine Hand auf meine Schulter.
   »Ah, das ist doch sicher der Organisator?«, sagte derjenige dem die Hand gehörte, die schwer auf meine Schulter lag. Es blieb mir nichts anderes übrig als mich wieder hinzusetzten, der Druck der Hand war kräftig und ich hätte schon eine schlagkräftige Abwehrbewegung machen müssen um mich zu befreien, was ich natürlich in der jetzigen Situation nicht tun wollte. Woher dieser Typ auch kam weis ich nicht, er war lautlos und schnell gewesen. Als ich saß, sah ich mich nach ihm um, es war ein Chinese. Er setzte sich zwischen Wolfgang und mir auf einen Stuhl. Wolfgang rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. Der Chinese schaute mich an und sagte:
   »Na, kennen wir uns nicht Organisator?«, fragte er mich.
   »Ich wüsste nicht woher«, sagte ich und da die Asiaten für uns alle gleich aussehen, wusste ich auch wirklich nicht wer er war. 
   »Na ja, wir haben uns noch nicht persönlich gesehen, aber ich habe schon so allerhand von ihnen gehört«, sagte er in dem typischen Deutsch der Chinesen.
   »Sie haben mein Leben schon öfter gekreuzt und mir schon viel Ärger bereitet. Wollte damals nur mit ihnen zusammen arbeiten, sie wollten aber nicht! Mussten ja meine Jungs von der Polizei verhaften lassen.« Jetzt war es mir klar was er meinte, Manila, die Schlägerei in dem Bordell.
   »Woher sollte ich wissen, dass es eine Einladung sein sollte. Konnte ja nicht wissen, dass man bei euch mit einem Messer in der Hand Einladungen ausspricht. Die Typen haben nichts dergleichen gesagt.«
   »Jetzt mal nicht so spöttisch, sie wissen doch wie so etwas läuft. Sind doch nicht neu im Geschäft«, sagte er schon merklich genervter. 
   »Ich könnte sie gebrauchen«, redete er weiter.
   »Ich wüsste nicht wie ich ihnen helfen könnte, sie haben doch genug Leute an der Hand«, antwortete ich ihm.
Er winke dem Wirt zu, wie sonst Wolfgang und der brachte uns eine neue Runde Bier.
   »Wir würden hier in Deutschland nur auffallen, deshalb benötigen wir jemanden, auf dem wir uns verlassen können.«
   »Woher wollen sie wissen, dass sie das bei mir können?«, fragte ich ihn und sah ihn dabei lauernd an. Er schaute mir in die Augen und antwortete, mich ununterbrochen fixierend. 
   »Ihr Ruf als Organisator und Kurier hat sich bis zu mir herum-gesprochen. Das nicht alle ihre Pläne immer so geklappt haben, lag ja wohl mehr an der Durchführung als an der Organisation. Für die sie ja keinerlei Verantwortung hatten. Aber für mich ist ihre Loyalität zu ihren Auftraggebern das wichtigste. Sie haben so ein paar Prinzipien die mir gefallen, nie gegen einen Auftraggeber arbeiten, wenn sie schon einmal für ihn gearbeitet haben. Dann ist mir auch noch nie zu Ohren gekommen, dass sie auch nur einmal etwas über ihre Auftraggeber haben verlauten lassen. Das bedeutet aber auch, dass sie nicht alles für Geld machen. Aber viele wollen sie für sich arbeiten lassen, aus Sicherheit, dass sie nie gegen sie arbeiten. Das haben sie raffiniert angestellt.«
   Seine Augen ließen mich während der, für einen Chinesen sehr langen Ansprache, nicht los und ich hatte das Gefühl, er würde mich damit auch verbrennen können, wenn er nur wollte.
   »Ja, wenn sie zu dieser Meinung kommen freut es mich... «, sagte ich und sprach gleich weiter; »... weshalb haben sie dann versucht mich im chinesischen Meer einzuschüchtern?« Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
   »Ah, sie haben es also doch richtig verstanden. Ja es war eine Warnung, damit sie sich nie mehr in unserem Land sehen lassen. Wenn sie schon nicht für uns arbeiten wollten, sollten sie auch nicht für unsere Gegner arbeiten. Es ist ein Geschäft«, antwortete er mir auf meine Frage. Ich sah zu Wolfgang hinüber und bemerkte, dass er sich unwohl in seiner Haut fühlte. Er hob seine Augenbraunen als Zeichen, dass es für ihn auch neu war. Ich sah unseren chinesischen Freund wieder an und sagte:
   »Was haben sie denn für ein Problem wobei ich helfen kann, oder soll ich sagen muss?«
   »Na ja, es wäre schon schön und auch lukrativ, wenn sie den Job für mich machen würden«, sagte er mit schmieriger Stimme.
   »Was ist das für ein Job und was wollen sie dafür zahlen?«, fragte ich um endlich hier raus zu kommen.
   »Man hat in einer meiner Organisation hier in Hamburg die Portokasse entwendet und ich möchte den Kerl haben der mich bestohlen hat.«
   »Seit wann kümmern sie sich persönlich um den Diebstahl einer Portokasse?«, fragte ich ihn lauernd. »Dafür haben sie doch bestimmt ihre Leute, die so etwas schneller und effizienter erledigen können. Wie viel war denn in der Portokasse drin.«
   »Es waren vierhunderttausend Mark und ich kann es nicht an die große Glocke hängen, dass man mich bestohlen hat. Ist nicht gut für die Disziplin, wenn sie verstehen was ich meine.«
   »Ja, das verstehe ich schon. Aber man kann vierhunderttausend Mark ja nicht als Portokasse bezeichnen.«
   »Na ja, es geht mir nicht unbedingt um das Geld. Wichtig für mich ist, den Kerl zu finden und zu bestrafen, als Warnung für alle die auch mit solchen Gedanken spielen. Zehn Prozent für Sie plus Spesen, wenn Sie es machen.«
   »Wann ist es passiert und wer hat es getan, ich brauche den Namen, ein Bild oder die Beschreibung und die Anschrift der Person und freie Hand dafür, wie ich die Suche durchziehen will. Außerdem bekomme ich fünfzigtausend Mark plus Spesen und sofort eine Anzahlung von zwanzigtausend Mark in bar, der Rest wird auf einen Konto überwiesen. Dann möchte ich noch eins klar stellen, ich suche den Kerl nicht persönlich. Ich organisiere die Suche, mehr nicht.« Er antwortete ohne lange zu überlegen:
   »Gut, das Geld bekommen Sie morgen. Mit den Unterlagen die Sie benötigen, hier um zwanzig Uhr. Ich verlasse mich auf Sie, hier ist meine Karte. Wenn Sie für mich eine Nachricht haben rufen Sie im Geschäft an und verlangen mich«, sagte er und gab mir eine Visitenkarte.
   Ich sah sie mir an, Mister Fu Ling, Import und Export aller Art. Ja toll, damit konnte man wirklich viel anfangen. Er stand auf, verabschiedete sich und ging hinaus. Mit ihm gingen vier andere Asiaten, die ich vorher auch nicht gesehen hatte. Kaum hatten sie den Raum verlassen, bemerkte man wie die Anspannung von allen abfiel.
   »Puh, wie hast du denn mit dem gesprochen, bist du lebensmüde Organisator«, sagte Wolfgang zu mir.
   »Wieso, kanntest du den?«, fragte ich neugierig zurück.
   »Na klar! Das ist das große neue Gesicht hier auf der Reeperbahn, wenn nicht sogar in ganz Deutschland«, sagte er erstaunt, dass ich das nicht wusste.
   »Woher sollte ich das denn wissen?«, sagte ich und mir lief noch im Nachhinein eine Gänsehaut den Rücken runter.
   »Ja, da hast du natürlich Recht. Aber was willst du jetzt tun, willst du wirklich für ihn arbeiten und den Kerl suchen?«, fragte er mich. Ich sah in sauer an:
   »Du wusstest doch, dass er hier auf mich wartet. Warum hast du mich dann trotzdem kommen lassen?«
   »Man Organisator, was sollte ich denn tun. Wenn er was will, muss es gemacht werden.«
   »Woher spricht er überhaupt so gut deutsch?«, fragte ich ihn. 
   »Ha, der spricht vier Sprachen fließend, ist international tätig. Oder meinst du er verlässt sich auf einen Dolmetscher, wenn er Verhandlungen führt?«
   »Nee, aber so gesehen hat er Recht…«, sagte ich anerkennend und fuhr weiter fort; »… hast du ihm sonst noch etwas über mich erzählt?« Wolfgang sah mich an und ich sah in seine Augen.
   »Nein, der weiß nichts über dich. Nur das was er dir erzählt hat.« Ich nickte gedankenverloren.
   »Gut, was übrigens den Zugriff auf das Konto betrifft. Du solltest, wenn ich dich anrufe, den Kontostand überprüfen. Bekommst eine Vollmacht dafür.«    
   »Ja, das geht klar und wie willst du weiter machen um den Kerl, der ihn bestohlen hat, zu finden?«
   »Ich muss mir erst einmal die Unterlagen ansehen die ich morgen von ihm bekomme. Bis dahin versuche ich mir einen Plan zurecht zulegen. Ich brauche zwei Leute die mich hier in Hamburg unterstützen, hast du welche an der Hand die zuverlässig sind?«
   »Ja, einmal Mike und Stefan, die sind aus meiner alten Gruppe und sehr zuverlässig. Die sind morgen dann hier.« Jetzt hatte ich die Nase voll von dem Schuppen, stand auf sagte zu Wolfgang:
   »O.K. dann Tschüss bis morgen«, und ging ganz offen vorne raus. Auf dem Weg zum Schiff versuchte ich mir zu überlegen:
   >Was würdest du machen mit dem Geld und Fu Ling im Nacken.<

   Soviel Geld war es auch wieder nicht um bis ans Ende seiner Tage gut leben zu können, wenn man bedenkt, dass es schon sehr kostenintensiv ist einfach spurlos zu verschwinden, bleibt nicht all zu viel übrig. Der Mann kann auf jeden Fall keine Intelligenzbestie gewesen sein. Es gab zwei Möglichkeiten, erstens, er wusste was er macht und hatte schon einen Plan um unterzutauchen. Dann hatte er auch das weitere Leben so geplant, dass es nicht mit sehr viel Luxus zu tun hatte. Oder zweitens, er hat sich Hals über Kopf dazu verleiten lassen, dann hatte er auch keinen Plan für das Untertauchen gehabt. Was ich benötigte war erst einmal ein Persönlichkeitsprofil von ihm, um zu sehen wie er lebte, wo er wohnte und was er so für ein Mensch ist.
   Am nächsten Abend ging ich wieder in die Kneipe, diesmal direkt und ohne Umleitung. Wolfgang saß wieder an seinem Tisch und Fu Ling saß auch schon bei ihm. Ich schaute mich um und entdeckte wieder die vier Leibwächter von Fu Ling im Raum verteilt sitzen. Als ich am Tisch ankam stand Fu Ling auf, gab mir die Hand und sagte zu mir:
   »Guten Tag Organisator, schön dass sie es sich überlegt haben und mir helfen wollen.« Ich nahm auf einem Stuhl Platz und bevor ich noch etwas sagen konnte, machte er dem Wirt ein Zeichen um Getränke zu ordern.   
   »Sie haben sich doch bestimmt schon überlegt wie Sie vorgehen wollen?«, fragte er an mich.
   »Na ja, was den Ablauf betrifft, Ja. Erst mache ich eine Ist-Aufnahme, dann analysiere ich die vorhandenen Daten und dann erfolgt die Durchführung der Suche.« Er nickte zufrieden.
   »Gut und Sie sind sicher, dass Sie ihn finden?«
   »Na ja, eine Garantie kann man nie geben, aber sagen wir es einmal so, ich tue mein Bestes um ihn zu finden.« Er lachte mich an und antwortete:
   »Tja, wenn das Beste gut genug ist, bin ich zufrieden.« Er hob seine Hand und wartete bis einer seiner Leute ihm eine Kollegmappe in die Hand gab. Er öffnete sie und ließ mich in die Tasche schauen.
   »Hier drin ist alles um was Sie mich gebeten haben, Bilder, Anschrift, Daten wann und wo er das Geld entwendet hat und natürlich auch ihr Geld.« Er reichte mir die Unterlagen über den Tisch und sagte dazu:
   »Ich muss Ihnen nicht sagen, dass es diskret ablaufen muss?«
   »Nein, dass ist für mich immer selbstverständlich«, gab ich ihm zur Antwort. Als die Mappe in meiner Hand war öffnete ich sie und sah mir die Unterlagen an, dass eingewickelte Päckchen, in dem zweifellos das Geld war, würdigte ich keines Blickes.
   Das Bild zeigte einen etwa fünfunddreißig jährigen Mann, kurze blonde Haare, etwa Einmeter achtzig groß, schlank, blaue Augen, ernstes Gesicht, durchtrainiert, er hatte Segeltuchschuhe, eine Jeans und ein blaues Hemd an. Dann nahm ich mir die anderen Unterlagen vor, obenauf lag ein DIN A4 Blatt mit allen Daten. Wie Name, Adresse, persönliche Daten wie Größe und Geburtstag. Einfach alles, was man von seinem Mitarbeiter eben hat. Was ich vermisste, war die Adresse, wo die Portokasse gestohlen wurde und der Hergang des Diebstahles. Deshalb hob ich den Kopf und sah Fu Ling direkt an.
   »Wo wurde denn die Portokasse gestohlen?« Er sah mich an.
   »Ich glaube, dass ist nicht relevant um das Geld zu finden«, sagte er dann.
   »Es geht aber auch nicht daraus hervor als was er bei Ihnen tätig war«, bohrte ich weiter, um an die nötigen Informationen zu kommen.
   »Ja, sagen wir mal als Verwalter«, gab er eine ausweichende Antwort. Ich sah ihn lange schweigend an und überlegte, ob ich mit diesen Informationen mehr Chancen hätte ihn zu finden.
   »Hat er alleine oder im Team gearbeitet«, fragte ich weiter.
   »Er hat mit einem meiner Leute zusammen gearbeitet, diesen hat er aber zusammengeschlagen, bevor er flüchtete«, gab er mir langsam die interne Information preis.
   »Wie viel Zeit hatte er denn, bis der Diebstahl entdeckt wurde?«, kam meine nächste Frage.
   »Mein Mitarbeiter war ohnmächtig und eingeschlossen. Erst am nächsten Morgen wurde er gefunden«, kam die etwas zögerliche Antwort.
   »Wann ist es am Abend passiert und wann wurde es am Morgen entdeckt?« Versuchte ich ihm die Würmer aus der Nase zu ziehen.
   »Gut, es war am Abend um neunzehn Uhr und es wurde erst um acht Uhr morgens entdeckt«, antwortete er endlich etwas flüssiger.
   »War es bekannt, dass erst am Morgen um acht Uhr jemand kommt oder war es Zufall?«, bohrte ich weiter. Er winkte dem Wirt uns noch eine Runde zu bringen und sagte dann:
   »Das war bekannt, damit konnte er rechnen.«
   »Das ist es doch was ich wissen muss. Das heißt, dass er auf jeden Fall mit zwölf Stunden Vorsprung rechnen konnte?«, brachte ich es auf dem Punkt.
  
   »Ja, das ist richtig und das alles ist vor zwei Tagen, am Montag, passiert«, antwortete er und nahm einen tiefen Schluck von dem frisch gebrachten Bier. Auch Wolfgang und ich nahmen unsere Gläser in die Hand und nahmen einen tiefen Zug.
   »Ja toll! Was hätten sie gemacht, wenn ich nicht gekommen wäre?«, fragte ich ihn. Er zuckte nur mit der Schulter und lächelte mich an. Da kann man jetzt wieder alles daraus heraus lesen, was man auch immer möchte. Aber ich hatte jetzt keine Zeit mich um vergangenes oder was wäre wenn, nachzudenken. Ich steckte alles wieder in die Mappe und fragte Wolfgang:
   »Sind deine beiden Männer hier?«
   »Ja«, sagte er und gab ein Handzeichen Richtung Theke. Dort standen zwei Mann auf und wollten zu uns kommen, aber zwei der Leibwächter standen schon bei ihnen und hielten ihnen ihre Pistolen vor die Nase. Ich schaute Fu Ling an und sagte:
   »Die beiden gehören zu mir, die brauche ich um weitermachen zu können.« Er gab seinen Leuten ein Zeichen und die beiden Männer von Wolfgang kamen zu uns an den Tisch. Ich drehte mich zu ihnen um und sagte:
   »Wir treffen uns draußen am Auto, was fahrt ihr?«
   »Es ist der BMW gleich vor der Tür.«
   »Gut bis gleich dann«, sagte ich und die beiden gingen nach draußen. Ich nahm die Mappe unter den Arm und stand auf. Fu Ling fragte mich:
   »Wollen Sie das Geld nicht nachzählen?«
   »Nein, ich denke es stimmt. Wünsche noch einen schönen Abend«, sagte ich zu den beiden und ging raus. Draußen warteten schon Mike und Stefan im Wagen auf mich. Ich stieg hinten ein, und holte die Unterlagen aus der Mappe um sie näher zu studieren.
   »Hallo, ich bin der Organisator. Wer ist bei euch denn wer?«, fragte ich die beiden.
   »Hallo, wer du bist wussten wir schon. Ich bin der Mike und das ist Stefan«, sagte der Fahrer zu mir und zeigte dabei auf seinen Beifahrer.
   »Gut, dann auf gute Zusammenarbeit.«
   »Wohin fahren wir jetzt als erstes?«, fragte mich Mike. Ich schaute mir noch einmal die Unterlagen durch und fand die Adresse von dem Typ.
   »In den Kirchenweg 43 in Bahrenfeld. Habt ihr Werkzeug dabei?«, fragte ich und meinte dabei natürlich Einbruchwerkzeug.
   »Ja, haben wir immer im Kofferraum, man weiß ja nie wann man es mal braucht«, sagte Stefan, drehte sich zu mir um und lachte.
   Wir fuhren aus Altona raus und bei der Geschwindigkeit, die Mike vorlegte, war es auch kein Wunder, dass wir in kürzester Zeit da waren. Ich staunte nicht schlecht, der Standort den Daniel Jost für seine Wohnung ausgesucht hat war ideal gewählt. Genau im Dreieck zwischen der Von-Sauer-Strasse und der Pfitzner Strasse gelegen, die S-Bahn und den Bahnhof in der Nähe, dazu viel Gelegenheit mit dem Auto in alle Richtungen flüchten zu können. Muss sagen, mein Kompliment Herr Jost, war das bewusst oder unbewusst gemacht worden?
   Mike hielt vor der Hausnummer dreiundvierzig an, ließ aber den Motor laufen. Stefan und ich stiegen aus. Er holte eine kleine Werkzeugtasche aus dem Kofferraum, wir zogen Handschuhe an und gingen zur Haustür. Hier griff Stefan in seine Innentasche der Jacke und holte einen Diederich heraus, öffnete die Tür damit und wir gingen rein.
   Der Hausflur war dunkel, Stefan drückte das Licht im Hausflur an und wir gingen von Wohnungstür zu Wohnungstür und schauten uns die Namen an. Wie nicht anders zu erwarten war, wohnte Jost in der ersten Etage. Nicht zu hoch, um nicht doch noch aus dem Fenster zu kommen und hoch genug, damit nicht gleich jeder ins Fenster einsteigen konnte. Als wir vor der Tür standen sagte ich:
   »Stefan, sei vorsichtig! Der hat bestimmt seine Tür gesichert, dass war ein Fachmann.« Stefan nickte und machte sich schon an die Arbeit die Tür zu öffnen.
   Ich leuchtete noch zusätzlich mit einer Taschenlampe, die er aus der Werkzeugtasche genommen hatte. Er untersuchte den Türrahmen und fand auch gleich einen Sicherungsfaden, der beim normalen öffnen der Tür etwas auslösen würde. Stefan löste den Faden vorsichtig von der Tür ab, hielt ihn mit hin und öffnete die Tür. Ich hielt den Faden immer gleich stark gespannt. Wir entdeckten gegenüber der Tür einen Mechanismus der, wenn der Faden beschädigt wurde, eine Armbrust ausgelöst hätte. Langsam sicherte Stefan die Armbrust während ich die Tür schloss. Dann ging ich ins Wohnzimmer und schloss die Vorhänge, damit kein Lichtschimmer nach außen viel. Stefan kam nach und fragte mich:
   »Organisator, was suchen wir hier überhaupt?«
Tja, wenn ich das so genau wüsste, wäre ich schlauer. Aber das konnte ich ja nicht so laut sagen. Deshalb antwortete ich:
   »Stefan, wir brauchen Hinweise über seine Reisen, Kontoauszüge, Briefe, alles was eventuell eine Spur hergibt.” Er nickte und fing mit dem Bücherregal an, er war sehr ordentlich, nahm jedes Buch raus und blätterte die Seiten durch. Ich nahm mir den Schreibtisch vor, untersuchte erst alles oberflächlich, Schubladen raus, alles durchblättern, unwichtiges zurück, wichtiges in die mitgebrachte Kiste, dann ging ich weiter vor und untersuchte den Schreibtisch von untern, nahm mir die Seitenteile vor und zu guter Letzt, schob ich ihn von der Wand weg und schaute mir die Rückwand an. Hier bemerkte ich an der Stoßkante zwischen Rückwand und der Schreibtischplatte eine Erhebung, als ich darauf drückte klappte im unteren Bereich ein kleines Fach auf.
   »Stefan, ich habe was gefunden«, rief ich ihm zu.
Er nickte mal wieder nur, als Zeichen das er mich verstanden hatte und arbeitete weiter. Ich nahm mir den Inhalt des Faches vor. Kontoauszüge, Briefe, mehr nicht. Ich legte alles in die Kiste und suchte weiter. Als der Schreibtisch nichts mehr hergab, stand ich auf und schob ihn wieder an die Wand.
   »Stefan, ich mache drüben im Schlafzimmer weiter.« Als Antwort gab es auch diesmal nur ein Nicken.
   Im Schlafzimmer die gleiche Prozedur, Vorhänge zuziehen und alles absuchen. Hier fand ich ein Bild in der Nachttischschublade, unter einem Roman liegend. Es zeigte eine hübsche Frau, etwa Einmeter siebzig groß, lange blonde Haare, lachende grüne Augen und schlank. Sie saß auf einem Stein vor der Akropolis in Athen. Ich drehte das Bild um, es standen das Datum der Entwicklung und der Name des Fotogeschäftes drauf, es war vom Sommer dieses Jahres. Ich steckte es ein und suchte weiter. Wir benötigten eine Stunde um alles abzusuchen. Wir sahen unter die Teppiche und durchsuchten den Wasserbehälter der Toilettenspülung. Alles Wichtige wurde in die Kiste gelegt und alles andere wurde wieder so hingelegt wie wir es vorgefunden hatten. Die Wohnung machte einen Eindruck, als wenn sie zwar nicht unbedingt in Panik, so aber doch sehr schnell, verlassen wurde. Es gab keine Unordnung, gewisse Sachen waren da, wo sie hin gehörten, dass die Kontoauszüge noch hier lagen hat vielleicht auch nur zu bedeuten, dass sie ihm nicht mehr wichtig waren. Das Bild konnte bedeuten, dass er noch ein zweites hatte und dieses eben vergessen hatte, oder dass er mit ihr nichts mehr zu tun hatte. Als erstes mussten wir versuchen sie zu finden, oder wenigstens Informationen über sie zu bekommen.
   »Stefan, lass uns Schluss machen«, sagte ich und er nickte mal wieder zur Bestätigung.
Wir gingen aus der Wohnung und Stefan legte den Faden an der Haustür wieder so an, wie wir ihn vorgefunden hatten.
   »Nur zur Sicherheit, damit wir später feststellen können ob noch jemand anderes hier drin war«, sagte er beim hinunter gehen.
   »Kann es sein, dass Männer von Fu Ling das eingebaut haben?«, frage ich ihn.
   »Nein. Dass glaube ich nicht, er hätte es uns doch bestimmt gesagt.«
   »Ich weiß nicht... «, sagte ich; »... dem traue ich zu, dass er das als Test ansieht. Kommst du rein bist du gut, wenn nicht bist tot.« Unten angekommen gingen wir zum Auto, kaum saßen wir drin, fuhr Mike auch schon los.
   »Mike, fahre mich bitte zum Schiff, dass liegt an der Steinwerder Pier zweiundzwanzig... «, sagte ich und dann zu beiden. »... Ihr müsstet morgen in das Fotogeschäft gehen, wo das Bild entwickelt wurde, dass ich in der Nachttischschublade gefunden habe und versuche heraus-zubekommen, wer und wann das Foto in Auftrag gegeben hat. Vielleicht kennt er ja auch das Mädchen auf dem Bild, nehmt es mal mit«, sagte ich und reichte Stefan das Bild nach vorne.
   »Ist gut machen wir, haben wir sonst noch was zu tun?«
   »Ich sehe mir die Unterlagen erst einmal genauer an, morgen kann ich dann mehr sagen. Aber ich schreibe euch noch die Daten der Bank auf, Kontonummer und den Namen, vielleicht habt ihr da ja Glück und könnt da etwas erfahren, ob das Konto noch besteht und so weiter.«
   »Gut, wir versuchen etwas herauszubekommen. Wann und wo treffen wir uns morgen?«, fragte mich Mike.
   »Das Beste wird sein ihr holt mich um Neunzehnuhr vom Schiff ab. Dann fahren wir zu Wolfgang und besprechen den weiteren Ablauf.«
   »O.K. machen wir« Als wir am Schiff angekommen sind, stieg ich aus, nahm die Kiste und verabschiedete mich von den beiden,
   »Also, bis morgen. Tschüss!«
   »Tschüss Organisator, bis morgen«, sagten diesmal beide und Mike gab Gas.
   Ich ging die Gangway hoch in meine Kabine, setzte mich an meinen Tisch und fing an die Kiste auszupacken und alles durchzusehen. Die Kontoauszüge waren von diesem Jahr und der Stand war nicht unbedingt wenig, gut fünfzehntausend Mark.
   Dann fing ich an die Briefe durchzulesen, so wie es aussah war die junge Frau der Absender. Bettina hieß sie und kam aus Rendsburg, ich machte mir Notizen. Sie hatten sich in Athen kennen gelernt und sich schon des Öfteren gegenseitig besucht. Wie ich aus einem Brief erkennen konnte, wohnt sie in Rendsburg im Eichenweg 12 und heißt mit dem Nachnamen Brinkhoff. Die Beziehung scheint, etwas mehr als nur eine Bekanntschaft gewesen zu sein und deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass er einfach alles stehen und liegen ließ und alleine verschwindet. Morgen müssen wir nach Rendsburg fahren, um zu sehen, was sie so zu sagen hat und ob sie überhaupt da ist.
   Ich legte alles wieder in die Kiste und verstaute sie unter meiner Koje, hier war sie relativ sicher aufgehoben. Ich machte mich im Bad fertig und legte mich hin. Zum Schlafen kam ich erstmal nicht, mir schwirrten die ganzen Möglichkeiten durch den Kopf, aber ich kannte mich ja, im Schlaf kamen mir immer die besten Ideen.
   Den ganzen Tag über war ich mit der Überwachung der Entlade- und Ladearbeiten vom Schiff beschäftigt, habe Festmacher gespleißt und Ausbesserungsarbeiten durchgeführt, während der ganzen Arbeiten habe ich versucht einen Plan zu entwerfen. Es hatte heute Nacht nicht geklappt, die Lösung im Schlaf zu finden. Um achtzehn Uhr habe ich Schluss gemacht, mich geduscht und habe noch das Abendessen an Bord zu mir genommen. Pünktlich um neunzehn Uhr standen Mike und Stefan mit dem Auto an der Pier. Ich ging runter zu ihnen und stieg in den Wagen ein.
   »Guten Abend ihr beiden.«
   »Guten Abend Organisator«, antworteten sie mir etwas wortkarg.
   »Ich habe den Plan etwas geändert, wir müssen nach Rendsburg fahren. Ich habe die Adresse der Frau gefunden«, sagte ich zu den beiden.
   »Wir haben aber Wolfgang schon gesagt, dass wir heute vorbei kommen«, antwortete Mike.
   »Das tun wir ja auch noch, nach Rendsburg. Also, lass uns fahren.« Während der Fahrt erzählten die beiden was sie beim Fotografen erreicht hatten. Nichts! Der Fotograf konnte sich an nichts erinnern und die Frau kannte er auch nicht. Die Bank hatte natürlich nichts sagen können, wegen des Bankgeheimnisses. Aber sie haben herausgefunden, dass das Konto noch existiert und nicht gelöscht wurde. Auch war noch ein kleiner Betrag auf dem Konto geblieben, damit es nicht gelöscht werden konnte.
   Das alles machte keinen Sinn, entweder ich verschwinde ganz, dann lösche ich auch mein Konto. Oder ich habe vor zurückzukommen, was in seinem Falle lebensmüde gewesen wäre. Die Fahrt nach Rendsburg verbrachten wir schweigend, ich war so sehr in Gedanken vertieft, dass ich erst hochschrecke, als Mike sagte:
   »Wir sind da.« 
   »Gut, wieder wie gehabt. Stefan und ich gehen rein«, sagte ich und stieg mit ihm zusammen aus. An der Haustür suchten wir den Namen Brinkhoff und klingelten.
   »Ja, wer ist da?«, wurden wir über die Sprechanlagen von einer Frau gefragt.
   »Guten Tag, ich möchte gern zu Bettina«, antwortete ich.
   »Ja, die ist aber nicht da«, kam die Antwort zurück.
   »Dürfte ich dann vielleicht mit ihnen reden, es geht um Daniel«, war meine Antwort.
   »Daniel ist auch nicht hier, die sind beide weggefahren.«
   »Müssen wir uns denn über die Sprechanlage unterhalten, damit jeder alles mitbekommt?«, versuchte ich sie zum öffnen zu überreden.
   »Was wollen sie denn von uns, wir wissen nichts«, kam die zögerliche Antwort.
   »Frau Brinkhoff, hier ist die Polizei. Ich muss mit ihnen reden«, sagte ich mit energischer, autoritärer Stimme.
   »Ja, warum haben sie das denn nicht gleich gesagt«, kam die schnelle Antwort und der Türöffner wurde betätigt. Wir gingen hinein und versuchten sofort festzustellen, in welcher Etage die Wohnung ist. Da hörten wir in der ersten Etage die Flurtür aufgehen, wir sahen uns an und sprinteten die Treppe hoch. Es musste alles schnell gehen, sie durfte keine Gelegenheit haben die Tür wieder zu schließen. Wir stürzten lautlos die Treppe hoch und waren schon an der Tür, als sie gerade rausschaute.
   »Sie sind ja gar nicht von der Polizei«, sagte sie aufgebracht.
   »Viel schlimmer Frau Brinkhoff. Viel schlimmer als die Polizei«, sagte ich und wir drängten sie  in die Wohnung und ich schloss schnell die Tür.
   »Wir wollen uns nur mit ihnen und ihrem Mann unterhalten und sind dann wieder weg... «, sagte ich beschwichtigend; »... wo ist denn ihr Mann?«, stellte ich gleich die nächste Frage.
   »Der holt gerade Zigaretten in der Kneipe und kommt gleich wieder.«
   »Gut, dann warten wir bis er wieder da ist. Wo ist denn ihre Tochter?« Wir mussten sie beruhigen und gleichzeitig mit Fragen ablenken.
   Sie drehte sich um und ging gewohnheitsgemäß ins Wohnzimmer, dass war sehr gut für uns.
   »Ja, sie wurde von Daniel abgeholt und sie sind beide zusammen weggefahren. Setzten sie sich doch bis mein Mann da ist«, sagte sie zu uns. Gut sie hatte alles geschluckt und machte keinen Ärger. Ich setzte mich ihr gegenüber und Stefan blieb an der Tür stehen.
   »Wann war das denn, als Daniel vorbei kam um ihre Tochter Abholte?«, setzte ich nach. Sie durfte keine Gelegenheit zum Nachdenken bekommen.
   »Das war vor zwei Tagen am Dienstag, da kam er mittags vorbei und hat auf Bettina gewartet. Dann hat sie gepackt und sie sind losgefahren«, kam die freizügige Antwort.
   Wir hörten, wie der Wohnungsschlüssel ins Schloss gesteckt wurde, Stefan machte sich sprungbereit und ich war bereit sie in Schacht zu halten. Als die Flurtür aufgemacht wurde, stand sie auf und rief ihrem Mann zu:
   »Josef, wir haben Besuch die zu Bettina und Daniel wollen.« Die Tür viel ins Schloss und wir hörten Schritte auf das Wohnzimmer zukommen.
   »Aber die sind doch gar nicht mehr da«, kam die Antwort schon bevor er ins Wohnzimmer kam. Er blieb abrupt stehen und wollte schon wieder umdrehen.
   »Herr Birkhoff…«, sagte ich mit ruhiger Stimme; »… setzen Sie sich doch bitte zu ihrer Frau, wir sind auch gleich wieder weg. Wollten nur wissen wohin sie gereist sind?«
   Er schätzte die Situation ab und beschloss, dass es wohl besser ist, sich nicht mit Stefan anzulegen. Der hatte immerhin eine Körpergröße von gut Einmeterfünfundneunzig und einen Brustkasten wie ein Preisboxer, was er bestimmt auch mal gewesen war. Er setzte sich neben seine Frau auf die Coach und sagte:
   »Ja, dass wissen wir auch nicht so genau. Sie sagten nur, dass sie Richtung Süden wollten um Urlaub zu machen.«
   »Sie lassen sie so einfach mit einem fremden Mann mitfahren?«, war meine nächste Frage.
   »Ja, sie ist doch volljährig und alt genug um zu wissen was sie macht und außerdem kannten sie sich ja schon etwas länger«, kam es trotzig zurück.
   »Hat sie ihre Arbeit gekündigt?«, kam die nächste Frage wie aus der Pistole geschossen.
   »Nein. Soviel wir wissen nicht, warum auch. Aber sie hat noch ihren Chef angerufen und gesagt, dass sie ihren Urlaub nimmt. War ja ziemlich kurzfristig.«      
   »Was hat er dazu gesagt?«, bohrte ich weiter.
   »Sie meinte, dass er es ganz gut aufgenommen hat.«
   »Gut, ich nehme an, sie haben nichts dagegen, wenn ich mir mal das Zimmer ihrer Tochter ansehe?«, stellte ich die rein rhetorische Frage.
   »Ja aber das dürfen Sie doch nicht«, kam die zögerliche Antwort von Frau Birkhoff.
   »Ach wissen Sie, wir dürfen eigentlich soweit alles. Die Hauptsache ist doch, dass niemanden etwas passiert, oder?«, sagte ich während ich aufstand und in den Flur ging.
   »Die erste Tür auf der rechten Seite«, kam die Stimme von ihrem Mann aus dem Wohnzimmer. Stefan hielt die beiden im Auge. Ich öffnete das Zimmer und machte das Licht an. Die Zimmereinrichtung zeigte, dass die Bettina sehr viel Geschmack hatte, alles war hell und modern eingerichtet. Ich fing an alles durchzusehen um Hinweise zu bekommen. Ich fand ein Bilderalbum vom gemeinsamen Urlaub in Athen und an der Nordsee. Briefe von ihm, sie hatte alle schön verpackt und mit einem Lila Bindfaden zusammen gebunden. Auch ihre Kontoauszüge und Verträge lagen hier. Dann, in der untersten Schublade, ganz hinten, gab es noch eine Blechbüchse die leer war. Ich nahm alles mit und setzte mich wieder zu den beiden ins Wohnzimmer. Hier legte ich die eingesammelten Sachen auf dem Tisch.
   »Was wollen Sie denn mit ihren Sachen und was gehen Sie ihre Kontoauszüge an«, kam gleich die Frage der Mutter. 
   »Habe nur ein paar Fragen zu den einzelnen Gegenständen und wenn alles geklärt ist, lassen wir die Sachen auch hier. Wenn nicht müssen wir sie zur weiteren Klärung mitnehmen... «, sagte ich zu ihr. »... So, fangen wir mit den Bildern an. Die beiden waren also in Athen und an der Nordsee, sind sie sonst noch zusammen wohin gefahren?«
Der Vater beantwortete sie mir:
   »Ja, in Athen haben sie sich kennen gelernt und an die Nordsee sind sie oft gefahren, da fühlten sie sich richtig wohl. Sonst waren sie dieses Jahr noch in Pisa und sind dann noch in die Toskana gefahren.«
   »Gut, alles mit seinem Wagen oder hat ihre Tochter auch ein Auto?«
   »Nein, sie braucht kein Auto. Kann hier ja alles zu Fuß und mit dem Rad erreichen. Sie waren immer mit seinem Auto unterwegs.«
   Ich sah zu Stefan hin und bemerkte, dass er kein bisschen in seiner Aufmerksamkeit nachließ. Ich schaute zu ihrem Mann und stellte eine weitere Frage:
   »Wissen Sie um was es für eine Marke es sich handelte und welches Kennzeichen es hatte?«
   »Es war ein Audi 100, schön groß und geräumig. Dass Kennzeichen war glaube ich HH–DJ 1212, dass weiß ich noch, weil es seine Initialen sind.«
   »Sehr gut, so kommen wir schnell vorwärts«, sagte ich aufmunternd.
   »Ihre Tochter hatte doch bestimmt kein Geld hier im Haus. Wie wollte sie denn an ihr Geld kommen, die Banken hatten doch zu dieser Zeit alle schon zu?«, stellte ich die nächste Frage.
   »Daniel sagte, dass sie kein Geld braucht. Er hätte genug und würde sie einladen.« Jetzt hatten wir ja wieder einmal ein paar Puzzelteile mehr, die ich noch zusammen setzte musste. 
   »Noch eine Frage. Hatten sie etwas davon gesagt, dass sie Fliegen wollten?«
   »Nein sie sind ins Auto gestiegen und weggefahren.«
   »Gut…«, sagte ich; »… dann sind sie doch so nett und bringen die Sachen wieder in ihr Zimmer zurück«, bat ich die beiden. Sie standen auf, nahmen die Gegenstände und gingen, mir voraus, in das Zimmer ihrer Tochter. Als ich an Stefan vorbei ging zeigte ich mit dem Kopf Richtung Telefon und er antwortete mit einem Nicken und setzte sich in Bewegung. Ich blieb an der Tür des Zimmers stehen.
   »Vielen Dank für die Auskunft, wir können ihnen versprechen, dass Ihrer Tochter nichts passiert. Wir gehen jetzt wieder, zur Sicherheit schließen wir das Zimmer ab und legen den Schlüssel vor die Tür. Den können sie sich ja dann, unter der Tür durchangeln und wieder aufschließen«, sagte ich und zog den Schlüssel von innen ab. Dann schloss ich von außen ab und legte den Schlüssel vor die Tür. Mit ein wenig Geschick, hatten sie die Möglichkeit sich den Schlüssel unter der Türspalte nach innen zuholen und wieder aufschließen. Stefan wartete schon an der Tür, wir gingen raus und ließen sie ins Schloss fallen, gingen runter zum Wagen und stiegen ein.
   »Los ab nach Hamburg, lass das Licht noch aus, bis wir um die Ecke sind damit niemand das Nummerschild lesen kann«, sagte ich und schloss die Tür.
   »Ha, das ist egal. Ist ja eh ein Duplikat«, lachte Mike und fuhr los. Na klar, was hatte ich auch anderes erwartet.
   Natürlich fahren die beiden nicht mit dem Originalnummernschild durch die Gegend, wenn sie was im Schilde führten. Wir fuhren, oder sollte ich sagen wir rasten, nach Hamburg und waren in sehr kurzer Zeit vorm „schwarzen Kater“. Die Strasse machte einen sehr leeren Eindruck, nicht mehr das Gewimmel von Leuten, die kommen und gehen. Es macht alles keinen Spaß mehr, wird Zeit, dass ich den Job erledigt bekomme und aussteigen kann. Ich hatte immer noch keine Lösung gefunden wie ich es hinbekommen sollte, einfach auszusteigen. Jetzt wo Fu Ling in das Geschäft eingestiegen ist und Kontakt zu mir hat, wird es noch schwerer. Wir stiegen aus und gingen in die Kneipe, im vorbeigehen machten wir Michael, dem Wirt, ein Zeichen, für bring uns jedem ein Bier und gingen an den Tisch von Wolfgang.
   »Wo bleibt ihr denn?«, fragt er gleich sauer.
   »Wir waren noch in Rendsburg und haben nach dem Mädchen gesucht«, beantwortete ich seine Frage. Das schien ihn etwas zu beruhigen.
   »Wolfgang, kannst du feststellen lassen wer der Halter eines bestimmten Kennzeichens ist?«
   »Ja, klar. Habe da eine kleine süße Maus in der Kfz-Zulassungsstelle sitzen, die kann mir alles besorgen. Musst mir nur das Kennzeichen geben«, sagte er lächelnd. Ich schrieb die Autonummer von Daniel auf einen Bierdeckel und gab sie ihm.
   »Ich benötige den Halter des Fahrzeuges, die Adresse, ob die Kraftfahrzeugsteuer bezahlt wurde und bis wann«, formulierte ich meine Bitte.
   »Ach, mehr willst du nicht wissen?« fragte er mich hämisch.
   »Doch, jetzt geht’s erst richtig los…«, sagte ich und sah ihn dabei übermütig an; »… lass überprüfen, ob für einen Herrn Jost und oder Frau Brinkhoff, Flugtickets ausgestellt wurden und wenn ja, wann und wohin. Hast du da jemanden sitzen der die Informationen liefern kann oder musst du die dir mit Gewalt holen?«, fragte ich ihn herausfordernd.
   »Puh, was du wieder alles willst. Die Flugpläne bekomme ich auch ohne Gewalt, kostet aber was.«
   »Gut, schreib auf was du alles ausgibst, fällt bei Mister Fu Ling unter Spesen«, sagte ich augenzwinkernd. Endlich kam das Bier, wir prosteten uns zu und nahmen jeder einen großen Schluck.
   »Ich habe vom Schiff abgemustert und hatte etwa eine Woche Zeit, bis ich auf ein neues Schiff gehen musste.
   Bis dahin will ich das Problem Fu Ling vom Tisch haben. Morgen steige ich aus und checke im Seemanns-heim ein«, erklärte ich Wolfgang. Dann sah ich Mike an und sagte: 
   »Ihr könnt mich heute noch mal zum Schiff fahren und mich dann morgen Abend im Seemannsheim um zwanzig Uhr abholen«. Ich sah Wolfgang an:
   »So jetzt geht’s mit dir weiter. Hast du eine Möglichkeit Daten über Ein- und Ausreise zu bekommen. Alles was mit dem Auto, oder den beiden Gesuchten zu tun hat? Hauptsächlich Italien?«
   »Ne, also das nun wirklich nicht. Die Zöllner an der italienischen Grenze sind doch zu weit weg, um da etwas machen zu können«. Ich sah ihn nachdenklich an und lies nicht locker,
   »Du hast doch bestimmt noch Verbindungen zu unseren Freunden in Italien und die haben doch überall ihre Finger drin«, sagte ich lächelnd zu ihm.
   »Ja, das stimmt. Aber die machen doch nichts umsonst, dass weißt du doch.«
   »Gut, dann bring in Erfahrung was die Herrschaften für diese Informationen wollen und sag, dass es für mich ist.«
   »O.K. das erledige ich noch heute Abend«, sagte er und trank sein Glas leer. Es war spät und ich wollte in die Koje.
   »Mike, kannst du mich zurück auf das Schiff fahren?«
   »Na klar«, sagte er, trank sein Glas leer und stand auf. Stefan blieb sitzen, was bedeutet, dass Mike wieder hier her zurückkam.
   »Also, dann bis morgen. Tschüss«, sagte ich, stand auf und ging Mike hinterher zum Auto. An Bord ging mir wieder mal alles durch den Kopf und ich versuchte ein klareres Bild oder wenigstens einen Weg zu finden. Aber erst einmal darüber schlafen, mal sehen was morgen ist.
   Der letzte Tag an Bord begann mit viel Hektik, es fiel ein Schauermann in die Luke und wir mussten den Krankenwagen und die Polizei benachrichtigen. Dann alles vorbereiten um den Schwerverletzten, wenn der Arzt ihn untersucht hatte, nach oben und an Land zu bringen. Deshalb haben wir eine Palette vorbereitet, um ihn darauf zu legen und ihn mit der Winde nach oben zu holen, über Bord zu hieven und vor dem Kranken-wagen wieder abzusetzen. In der Mittagspause habe ich mich in meine Kabine gesetzt und versucht in Ruhe alles durchzuspielen. Ich hatte keine Ruhe, es wurde an die Tür geklopft, der Alte wollte mich sprechen. Also, rauf auf die Brücke zum Kapitän und gefragt was er von mir noch wollte.
   »Kalle, kannst du noch bis übermorgen an Bord bleiben. Deine Ablösung kommt erst später an Bord?«
   »Ja, aber ihr legt doch morgen früh schon ab und fahrt nach Kiel«, äußerte ich meine Bedenken.
   »Ja, dann fährst du eben mit und wir bezahlen das Taxi für die Rückfahrt nach Hamburg, wenn wir in Kiel sind.« Ich versuchte auf die schnelle zu überlegen was das für mich eventuell für Probleme mit sich bringt. Aber wenn ich heute rechtzeitig Schluss machen könnte, würde ich den weiteren Ablauf mit Wolfgang abklären können. Deshalb antwortete ich:
   »Gut, das kann ich machen. Muss aber heute Nachmittag früher Feierabend machen, weil ich in der Stadt dann noch etwas erledigen muss.« Er verzog sein Gesicht zu einem Lachen und sagte wissend:
   »Ah ha, die Freundin besuchen und beruhigen?«
   »Ja, was sein muss, muss sein«, sagte ich ausweichend.
   »O.K. dann machen wir das so. Viel Spaß heute noch«, sagte er augenzwinkernd. Ich ging wieder runter und machte mich an die Arbeit. Um fünfzehn Uhr machte ich Schluss mit der Arbeit und machte mich landfein, rief mir ein Taxi und fuhr zum „Schwarzen Kater“. Um diese Zeit war noch wenig los, aber man sah jetzt ein paar Kinder auf der Straße spielen. Natürlich war der „Schwarze Kater” schon offen, die war nur von sechs Uhr  morgens bis zwölf Uhr mittags zu, um einmal sauber gemacht zu werden. Wahrscheinlich schlief Michael auch nur in dieser Zeit, denn als ich kam, stand er schon wieder hinter seinem Tresen.
   »Hallo Michael, wann kommt Wolfgang immer her?«, fragte ich ihn.
   »Hallo Organisator, das ist unterschiedlich. Aber um neunzehn Uhr ist er meistens da.«
   »Kannst du ihn erreichen? Er muss Mike Bescheid sagen, dass er mich heute Abend nicht im Seemannsheim abholen muss.«
   »Ja, ich rufe ihn an und sag ihm, dass du schon da bist. Ein Bier?«, fragte er mich und ich sagte ja. Er zapfte mein Bier und ging dann ans Telefon um Wolfgang anzurufen. Ich setzte mich an den Stammtisch und genoss die Ruhe. War ja der einzige Gast und ging in Ruhe noch einmal alles durch was zu erledigen war. Dann brachte mir Michael das Bier und sagte:
   »Habe ihm Bescheid gesagt. Er informiert Mike, dass er nicht fahren muss und kommt auch gleich vorbei.«
   »Danke dir Michael«, sagte ich und nahm einen tiefen Schluck aus meinem Glas.
   »Kannst mir gleich noch eins machen, habe heute einen riesigen Durst. Kannst du mir auch gleich die Speisekarte mitbringen, mal sehen was du Leckeres hast.«
   »Wir haben heute Labskaus im Angebot, aber ich bringe dir die Karte mit«, sagte er und ging zurück hinter seine Theke um mir ein neues Bier zu zapfen. Nach einer halben Stunde kam Wolfgang rein.
   »Hallo, was machst du so früh hier. Dachte du wärst im Seemanns-heim«, fragt er mich verwundert.
   »Ich fahre morgen noch bis Kiel mit. Der Alte hat keine Ablösung für mich bekommen. Dann komme ich übermorgen mit dem Taxi aus Kiel zurück.«
   »Ah ha, das bedeutet also, dass wir uns morgen nicht sehen«, brachte er die Sache auf den Punkt.
   »Ja, genau so ist es. Hast du schon was Neues heraus bekommen«, fragte ich neugierig.
   »Ja, also das Auto läuft auf seinen Namen. Die Steuer ist auch pünktlich bezahlt worden, mit einem Einzahlungsschein und nicht vom Konto. Die Adresse war allerdings eine andere, der Kerl hat eine zweite Wohnung gehabt.«
   »Und, wo ist die andere Wohnung, hast du das schon abgecheckt?«
   »Ja, ich habe Mike und Stefan hingeschickt, war auch gut aufgeräumt. Haben aber Reiseprospekte von der Toskana gefunden.« Ich war nicht verwundert, es ist normal in diesen Kreisen eine zweite Wohnung zu haben.
   »Da hat er sich aber sehr sicher gefühlt, wenn er diese Prospekte hat liegenlassen«, grübelte ich nach.
   »Hast du von unseren Freunden aus Italien schon was gehört?«
   »Nein, die wollten sich heute Abend noch melden.«
   »Haben sie sich schon über den Preis ausgelassen?«, fragte ich neugierig.
   »Sie sagten, dass richte sich nach dem Aufwand den sie haben. Aber für dich wird es nicht so teuer, sagten sie.«
Gut so, dass hatte ich auch gehofft. Eine Hand wäscht die andere, ist die Devise, dachte ich mir und zu Wolfgang sagte ich:
   »Gut, dann warten wir mal was sie rausbekommen. Am Besten ist, ich rede heute mit ihnen.
   Dann kann ich auch gleich noch weitere Bitten äußern.« Wolfgang nickte und beschäftigte sich mit der Speisekarte die mir Michael mit dem Bier gebracht hatte. Wir bestellten uns etwas zu essen und unterhielten uns noch über die Toskana. Dann kamen Mike und Stefan dazu und bestellten sich auch etwas zu essen. So verging die Zeit mit essen und alten Erinnerungen nachhängen. Im Nachhinein lachten wir uns noch tot über die Geschichte mit der Polizeistation und dem Vorfall in Bremen. Mike und Stefan sahen sich nur stirnrunzelnd an und bei der Geschichte mit Bremen schüttelten sie nur den Kopf und kamen aus den lachen nicht mehr raus. Nach dem vierten Bier und einem guten Essen rief Michael, dass ein Gespräch für Wolfgang aus Italien da sei. Ich stand auf, ging zum Telefon und meldete mich:
   »Pronto, hier ist der Organisator.«
   »Ciao Organisator, hier ist Pepe. Wie geht es dir denn? Alles gesund, was macht die Liebe?«, kam es überschwänglich aus dem Telefonhörer. Pepe habe ich im Laufe meiner Kurierfahrten als Ansprechpartner kennen gelernt und wir haben uns gleich super verstanden. Wollte mich sogar mit seiner bildschönen Tochter Lucia verheiraten, habe aber die Ausrede gehabt in Deutschland schon verlobt zu sein. Pepe ist zwar ein guter Familienvater, aber er arbeitet eben auch für die Mafia.
   »Pepe, gut geht es mir und die Liebe macht sich auch gut. Wie geht es deiner Familie und dir?«, fragte ich ihn höflich zurück. Die Familie wird in Italien groß geschrieben.
   »Ah, alles ist gesund und zufrieden. Nur meine Tochter will heiraten, aber der Typ gefällt mir nicht«, erzählte er mir.
   »Pepe, mache keinen Fehler. Es ist deine Tochter, die mit ihm glücklich werden muss.«
   »Ja, da hast du schon Recht. Aber jetzt zu deiner Anfrage. Du wolltest ein paar Informationen über ein deutsches Pärchen haben mein Freund.« 
   »Ja Pepe, die beiden suche ich. Wahrscheinlich halten sie sich in der Toskana auf.«
   »Ich habe mich mal rumgehört... «, begann er zu erzählen; »... dabei kam heraus dass sie wirklich bei uns eingereist sind. Aber ihre Spur verläuft sich ab Mailand.«
   »Das ist ja schon mal etwas Positives, besteht denn die Möglichkeit sie noch bei euch zu finden?«, fragte ich ihn.
   »Tja, das wird schwer werden.
   Wenn die sich in der Toskana nicht unbedingt auffällig benehmen, dann sucht man eine Nadel im Heuhaufen und in der Toskana sind wir nicht unbedingt so stark vertreten wie anderswo«, antwortete er resigniert.
   »Pepe, kann ich dir ein paar Leute runterschicken die dir vielleicht dabei helfen, sie zu finden. So als deutsche Urlauber getarnt, fallen sie nicht auf. Vor allem achten die beiden mehr auf Asiaten.«
   »Ja, das würde natürlich gehen. Sag mir vorher wer kommt, und ich gebe dir Bescheid, wo der Treffpunkt ist. Kommst du auch mit runter?«, fragte er voller Vorfreude in der Stimme.
   »Nein, das klappt leider nicht. Die Leute werden sich heute noch in Bewegung setzten und morgen bei euch sein. Ich rufe dich gleich zurück und gebe dir die Namen durch. Bis gleich Pepe, Ciao.«
   »Ja ist gut. Ciao Organisator«, sagte er und wir legten auf. Am Tisch zurückgekommen fragte ich Wolfgang gleich,
   »Wie sieht es aus, kannst du ein paar Leute runterschicken. Die als Touristen getarnt die beiden, mit Pepe zusammen, suchen?« Er sah Mike und Stefan an und fragte sie.
   »Habt ihr beide Lust nach Italien zu fahren?« Die beiden sahen sich an und  Mike antwortete:
   »Ja, kann ja schön werden da unten. Wann soll es losgehen?«, fragte er in einem Atemzug und sah mich dabei an.
   »Am besten gleich, damit ihr morgen schon unten sein könnt.« Ich sah zu Wolfgang und fragte ihn:
   »Wer kann noch mit runter. Ich glaube wir sollten schon zwei Wagen runterschicken. Die Ausrüstung und die Waffen bekommen sie von Pepe, da gibt es keine Probleme an der Grenze.«
   »Ja gut, wenn du das mit Pepe hinbekommst, gehen noch Willi und Andreas runter.«
   »Gut, dann ruf sie an und informiere sie. Ich sage Pepe wer kommt und er sagt mir dann den Treffpunkt. Was fahren die beiden für ein Auto?« 
   »Ein BMW 525.« Wolfgang stand auf und ging zum Telefon um die beiden anzurufen. In der Zwischenzeit erklärte ich Mike und Stefan wie alles ablaufen soll.
   »Also, Pepe ist ein guter Freund von mir. Ich gebe euch gleich den Treffpunkt mit Pepe bekannt und ihr seid dann morgen Nachmittag unten. Nehmt nichts mit, was verdächtig sein könnte. Pepe gibt euch unten alles was ihr braucht. Waffen, Funkgeräte und Informationen.
   Er sagt euch auch, wo ihr wohnen könnt, wahrscheinlich teilt er euch in zwei Gruppen auf. Wenn ihr die beiden gefunden habt oder wenn irgendetwas unklar ist, ruft Wolfgang an. Der weiß, wo und wie er mich erreichen kann. Sagt das auch den anderen beiden.« Sie nickten beide und da kam auch Wolfgang wieder zurück.
   »So, alles klar. Die machen sich fertig, fahren los und wollen sich dann mit Mike und Stefan auf dem letzten Rastplatz vor der österreichischen Grenze treffen.« Ich stand auf und ging zum Telefon, suchte die Nummer von Pepe aus meinem Notizbuch und wählte.
   »Pronto!«, meldete sich Pepe.
   »Hi Pepe hier ist Carlo noch mal.«
   »Ah, hast du alles arrangiert. Wen schickst du uns denn jetzt?«, fragte er mich.
   »Pepe, es kommen Mike und Stefan mit einem BMW 750, sowie Willi und Andreas in einem BMW 525. Kannst du die vier bitte mit dem Nötigsten versorgen. Du weißt schon was man so benötigt. Wo wollt ihr euch denn treffen?«
   »Ja Organisator, das geht klar. Wir treffen uns mit den Jungs in Pisa am Campingplatz „La Strada” auf dem Parkplatz, dann zeigen wir ihnen auch die Hotels.«    
   »Pepe, ich danke dir und viel Glück für deine Tochter. Ruf hier an und verlange Wolfgang. Sag ihm was du dafür bekommst und er gibt dir das Geld. Vielleicht schaffe ich es ja auch mal vorbeizukommen.«
   »Ja, keine Ursache. Aber das mit dem Kommen ist gut. Ciao Organisator«, sagte er und legte auf. Ich ging zurück zum Tisch und erklärte den beiden was sie wissen mussten. Dann sagte Wolfgang zu Mike:
   »Mike, die beiden fahren den silbernen BMW 750 i.«
   »O.K. den Wagen kennen wir ja. Wir werden dann auch mal losfahren, damit die beiden nicht so lange warten müssen«, sie standen auf.
   »Ciao Carlo und vielleicht bis bald mal. Macht Spaß mit dir zusammen zuarbeiten«, sagte Mike zu mir und sie gingen raus. Als Wolfgang und ich alleine waren, sah ich ihn lange an.
   »Was ist los, was schaust du mich so an?«, fragte er mich.
   »Du hast gar nicht mehr vor auszusteigen«, sagte ich ihm die Wahrheit auf dem Kopf zu. Er druckste herum und antwortete schließlich.
   »Na ja, doch. Aber eben jetzt noch nicht.«
   »Weißt du, später ist es zu spät. Fu Ling wird dich vereinnahmen und dann wegwerfen, wenn du ihm nichts mehr nützt. Glaube mir das ruhig.«
   »Ja, du hast sicher Recht. Aber ich kann eben nicht aus meiner Haut«, sagte er etwas kleinlaut.
   »Gut, mehr als dich warnen und mit dir darüber reden kann ich nicht. Jetzt mal was anderes. Wenn Pepe hier anruft, sagt er dir wie viel Geld er bekommt und wie er es haben möchte. Wahrscheinlich lässt er das Geld abholen. Du nimmst dir vom Konto zwanzigtausend Mark für deine Hilfe. Ich habe ja schon die zwanzigtausend Mark von der Anzahlung bekommen. Verbleiben noch zehntausend auf dem Konto. Ich nehme an, dass Pepe nicht mehr als zehntausend Mark haben will. Diese zehntausend plus fünftausend für unsere Spesen, bekommst du noch von Fu Ling. Du hebst die zehntausend ab, damit man keine Spur verfolgen kann und gibst sie mir später.«
   »Ja, das ist doch klar«, warf er ein.
   »Ich bin übermorgen wieder hier und möchte schon einen Zwischen-stand, wenn nicht sogar ein Ergebnis, haben. Sobald ich wieder hier bin, rufe ich dich an. Sehe zu, dass du da bist, ich will das ganze so schnell wie möglich hinter mich bringen.« Er sah mich an und ich konnte richtig sehen wie sein Gehirn angestrengt arbeitete.
   »Was hast du danach vor?«, fragte er mich auch schon.
   »Wolfgang, wenn ich in dieser Richtung etwas vorhätte, würde ich es dir bestimmt nicht sagen. Oder meinst du, dass es möglich ist, die Folter von Fu Ling schweigend zu überstehen?« Er sah mich bestürzt an.
   »Ja meinst du denn, dass der das machen würde?«
   »Fu Ling würde alles machen um an sein Ziel zu kommen«, brachte ich ihn auf den Boden der Tatsachen zurück.
   »Du hast zwar ein paar gute Leute auf die du dich verlassen kannst. Aber Fu Ling würde alle ausschalten, wenn es seinen Zielen dienen würde. Er kennt keine Freunde, und von einem Ehrenkodex hat er noch nie etwas gehört«. Er sah mich nachdenklich an.
   »Was soll ich denn dann machen und vor allem wie soll ich es anstellen abzutauchen?«, fragte er mich etwas ratlos.
   »Wolfgang, ich könnte dir einen Plan ausarbeiten wie du es schaffen könntest auszusteigen«, schlug ich ihm vor. Ohne auch nur anzudeuten wie mein Plan aussehen sollte.
   »Ja, gute Idee. Denke dir für mich mal einen Plan aus. Was ich machen müsste, wenn ich aussteigen will«. Ich schüttelte den Kopf und klärte ihn auf.
   »So einfach geht das nicht. Ich kann den Plan nur im Kopf entwerfen und das ist sehr kurzlebig. Weil sich jede Woche eine andere Ausgangs-situation ergibt.«
   »Na ja, so schwer wird es ja nicht sein«, versuchte er abzuwiegeln.
   »Doch, es ist schwer. Du musst nur überlegen was Fu Ling alles anstellt um den Portokassen Klauer zu bekommen. Dem geht es nicht um das Geld, dass wird er wahrscheinlich gar nicht mehr bekommen. Ihm geht es darum sein Gesicht nicht zu verlieren.«
   »Das stimmt allerdings. Wenn man das so bedenkt, frage ich mich. Warum hat er dann nicht die Suche von seinen Leuten machen lassen? Warum hat er dich gefragt?«
   »Das ist einfach zu erklären Wolfgang. Erstens fällt es auf, wenn Chinesen sich in Europa herumtreiben und Deutsche suchen. Er wusste dass ich Verbindungen habe und kam deshalb zu mir. Dann wollte er sicher sein, dass ich nicht gegen ihn arbeite. Du weißt ja was mein Prinzip ist. Wer einmal ein Auftraggeber von mir war, gegen den arbeite ich nie. Das wusste er wahrscheinlich und dann wollte er mir auch noch seine Macht demonstrieren.«
   »Ach ja, dein Prinzip. Dann machen wir es so, dass ich dir Bescheid sage, wenn ich aussteigen will und du hilfst mir dann mit einem Plan.«
   »Gut Wolfgang, machen wir es so”, sagte ich, ein wenig Resignation in der Stimme. Wir bestellten uns noch was zu trinken.
   »Wolfgang, woher wusste Fu Ling damals eigentlich, dass ich her-kommen wollte?«, stellte ich ihm plötzlich, meine, mir am meisten auf den Nägel brennende Frage.
   »Tja, das weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich hat er die Kneipe beobachten lassen.«
   »Nein, ich glaube man hat es ihm mitgeteilt«, sagte ich direkt auf den Punkt kommend. Er rutschte ein wenig nervös auf seinen Stuhl herum.
   »Also, er hat mich gebeten ihm Bescheid zu sagen, wenn du hier bist. Wollte sich nur mit dir treffen, sagte er.«
   »Gut, konntest ja nicht anders handeln. Aber vielleicht sagst du mir nächstes mal Bescheid, wenn etwas außer der Reihe passiert. Verspreche mir, niemandem meinen richtigen Namen zu verraten. Ich bin für alle der Organisator und sonst niemand.«, sagte ich zu ihn.    
   »O.K. Organisator, dass geht in Ordnung«, stimmte er erleichtert zu. Ich trank mein Bier aus und rief zum Wirt:
   »Kannst du mir bitte ein Taxi rufen Michael?«
Er gab mir ein Zeichen, dass er verstanden hatte und ging zum Telefon.
   »So ich werde jetzt an Bord fahren und mich hinlegen. Habe erst einmal alles in die Wege geleitet und wir können jetzt nur noch abwarten. Aber denke daran, erst mich zu informieren, wenn die beiden gefunden wurden«, sagte ich noch eindringlich zu Wolfgang.
   »Ja, dass habe ich dir ja versprochen. Die Geldangelegenheit mache ich auch mit Pepe klar.« Die Tür vom „Schwarzen Kater” ging auf, es kam ein Mann herein und rief:
   »Taxi, wer hat ein Taxi bestellt?« Ich machte Ihn ein Handzeichen, stand auf und sagte zu Wolfgang:
   »Tschüss bis übermorgen.«
Während der Fahrt durch das dunkle Hamburg und durch den Hafen entspannte ich mich. Gab dem Taxifahrer ein großzügiges Trinkgeld und ging an Bord. Mal sehen wie es übermorgen aussieht, dachte ich mir noch im Einschlafen. Hoffentlich halten sich alle an die Abmachungen.
   Am nächsten Morgen gab es reichlich zu tun, dass Schiff musste seefest gemacht werden, auch wenn es nur durch den Nord-Ostsee-Kanal gehen sollte. Gut, die Luken wurden nicht festgezurrt, aber auch sonst gab es noch genug zu tun. Dann haben wir am Nachmittag abgelegt und sind Elbe aufwärts nach Brunsbüttel gefahren. Hier sind wir durch die Schleuse in den Nord-Ostsee-Kanal eingefahren, wurden zu einem Konvoi zusammengestellt und sind bis Rendsburg durchgeschippert. Hier mussten wir noch Ladung aufnehmen und entladen. Am nächsten Vormittag waren wir mit dem Be- und Entladen fertig und sind weiter nach Kiel gefahren. Hier sind wir am Mittag angekommen, habe dann meine Papiere vom „Alten” bekommen und bin mit einem Taxi, auf Kosten der Reederei, nach Hamburg gefahren. 
   Was keiner wusste, und was hoffentlich auch nie herauskommen würde war, dass ich inzwischen in Hamburg verheiratet war und mit meiner Frau Sigrun in Norderstedt lebte. Wir hatten uns im Urlaub kennengelernt und zwischen zwei Fahrten geheiratet. Damit es nicht raus kam, bin ich mit dem Taxi erst zum Seemannsheim gefahren. Dann bin ich zu Fuß runter zu den Landungsbrücken gegangen und hier habe ich mir ein zweites Taxi genommen um nach Hause zu fahren.
   Ich blieb bis zum Nachmittag und habe dann meine Frau auf ihrer Arbeit abgeholt. Sie hat sich sehr gefreut mich zu sehen, war aber sehr enttäuscht, dass ich heute Abend noch einmal weg musste. Wir haben zusammen eingekauft und sind dann nach Hause gefahren. Um neunzehn Uhr verabschiedete ich mich von Sigrun und bin zu Fuß bis zur nächsten Bushaltestelle gegangen. Wir wohnten in einem Gebiet, in dem es noch keine Buslinie gab. Mit dem Bus fuhr ich dann bis zur nächsten U-Bahn und von hier bis zur Reeperbahn. So um zwanzig Uhr öffnete ich dann die Tür vom „Schwarzen Kater” und ging hinein. Wolfgang saß schon an seinem Stammtisch. Ich ging hin und machte Michael ein Zeichen für ein Bier.
   »Grüß dich«, sagte ich und setzte mich an den Tisch.
   »Guten Abend«, kam die kurze Begrüßung zurück.
   »Na, wie sieht es aus in Italien?«, fragte ich. Mir kam schon die Stimmung hier drin etwas sonderbar vor, erst recht die Art von Wolfgang.
   »Tja, es läuft«, gab er einsilbig zur Antwort.
   »Was heißt es läuft, kannst du mal etwas konkreter werden«, sagte ich ungehalten. Er wurde unruhiger und blickte immer wieder zur Tür.
   »Na, hat sich Fu Ling wieder angekündigt?«, fragte ich gehässig. Er schaute mich an und in diesem Blick stand die ganze Resignation geschrieben in der er sich befand. Ich stand auf und ging zum Hinter-ausgang, um zu verschwinden.
   »Bleib hier, er hat alles dicht gemacht. Warte hier auf ihn«, sagte Wolfgang schnell. Ich ließ mich wieder auf meinen Stuhl fallen, nahm einen großen Schluck aus meinem Glas.
   »Hat es Fu Ling so angeordnet?«
   »Ja, er hat alles in die Hand genommen nachdem du weg warst«, kam die Antwort. Das hätte ich mir ja denken können, dass er nicht alles uns überlässt. Wir tranken unser Bier ohne was zu reden und gingen unseren Gedanken nach. Dann ging die Tür auf und er kam herein, zwei Mann vorne weg und zwei Mann hinterher. Mit dieser kleinen Streitmacht kam er auf uns zu, machte ein Zeichen und seine Leute verteilten sich in der Kneipe. Er setzte sich zu uns an den Tisch.
   »Hallo Organisator«, sagte er zu mir. Wolfgang ignorierte er komplett. Ein Zeichen, dass er ihn schon voll unter seiner Knute hatte, seine Leute begrüßte er nie, er ist eben ein absoluter Despot.
   »Hallo«, kam meine kurze Antwort und ich wartete auf mehr von seiner Seite.
   »Gute Arbeit von dir. Wie du alles im Griff hast und organisieren kannst imponiert mir«, fing er an zu reden. »Hast alles gut eingefädelt und auf die Schienen gebracht. Sagt man nicht so bei euch?«
   »Ja, so sagt man bei uns«, sagte ich und wartete weiter was kommt.
   »Sie haben die beiden heute Morgen gefunden und gleich gemeldet. Hast die Leute gut im Griff, selbst wenn du nicht da bist«, sprach er weiter. Ich nickte nur, ohne etwas zu erwidern. Warten und ihn dann aus der Reserve locken, dass hatte ich mir vorgenommen. Er sprach auch gleich weiter:
   »Ich habe auch gleich zwei meiner Männer runtergeschickt um es zu Ende zubringen... «, sagte er und sah mich dabei lauernd an; »... die wurden beide heute Nachmittag liquidiert.« Es ist genau das eingetroffen was ich befürchtet hatte und vermeiden wollte. Ich war wie vor dem Kopf geschlagen und hatte nur einen Gedanken, nur nichts anmerken lassen und ich antwortete abgebrüht:
   »Gut so, dann hat er ja bekommen was ihm zusteht und warum die Frau?«, kam ich nicht umhin ihn doch noch zu fragen.
   »Die hat zuviel gewusst, deshalb musste sie auch liquidiert werden«, kam die lakonische Antwort.
   »Hast du mir auch schon das restliche Geld und die Spesen überwiesen?«, versuchte ich weiter den Abgebrühten zu mimen.
   »Ja, gleich als die Vollzugsmeldung kam.«
   »Na prima, dann haben wir ja das Geschäft abgeschlossen«, sagte ich und wandte mich Wolfgang zu. Versuchte das Gespräch mit Fu Ling so zu beenden und ihn zum Gehen zu animieren. Aber ich hatte heute kein Glück mit meinen Psycho-Tricks.  
   »Ich hätte noch einen Auftrag für dich«, redete er auch gleich weiter. Ich sah ihn mit direktem Augenkontakt an.
   »Tut mir leid Fu Ling, aber ich mustere morgen auf ein neues Schiff an und habe dann im nächsten viertel Jahr keine Zeit mehr«, versuchte ich meine Lüge anzubringen. Er sah mich lange an und ich hielt seinem Blick stand.
   »Gut, dann verbleiben wir so, dass du dich in drei Monaten wieder bei mir meldest«, sagte er und es klang wie ein Befehl.
   »Du wirst es ja von Wolfgang mitbekommen, wenn ich wieder hier bin. Ist ja eh immer mein erster Anlaufpunkt«, servierte ich ihm die nächste Lüge und schoss gleich einen Versuchsballon ab in Bezug auf Wolfgang.
   »Ja, das habe ich auch schon mitbekommen, ist ja wie deine zweite Heimat der schwarze Kater«, sagte er wissend lächelnd. Na warte mein Freund, dachte ich mir. Dir schenke ich gleich noch einen ein.
   »Ja, das stimmt, was soll man als Seemann auch sonst tun«, sagte ich lächelnd, so wie man es von einem Seemann erwartet. Dich bekomme ich auch noch dahin, wo ich dich haben will.
   »Ja und was ist mit Frauen bei dir? Hast du keine feste Freundin?«, fragte er mich lauernd.
   »Na ja, man kann nicht ohne und auch nicht mit ihnen. Aber hier auf der Reeperbahn gibt es ja genug Auswahl«, sagte ich locker. Er nickte wissend vor sich hin und stand endlich auf. Gab mir die Hand und sagte zum Abschied:
   »Gut, dann sehen wir uns in drei Monaten Organisator«, machte ein Handzeichen und ging mit seinen Bodyguards raus.
   »Was war das denn, er gibt dir sogar die Hand zum Abschied und mich hat er noch nicht mal mit dem Arsch angesehen«, schimpfte Wolfgang los.
   »Ist doch klar Wolfgang, er hat mir nur die Hand gegeben, um zu kontrollieren, ob ich lüge. Er wollte sehen ob ich eine schweißnasse Hand habe und dass er dich nicht angesehen hat ist doch auch klar. Du gehörst doch, nach seiner Meinung, jetzt zu ihm und die eigenen Leute sind Leibeigene für ihn. Das Müsstest du doch schon so langsam bemerkt haben…«, sagte ich aufgebracht. »… Du wolltest mich als erstes informieren, wenn du sie gefunden hast. Auf dich ist kein Verlass mehr. Abgesehen davon, hast du wohl nicht mehr viele Möglichkeiten. Vor allem hast du keine Zeit mehr hier auszusteigen. Was machen deine vier Jungs in Italien?«
   »Die sind wieder auf dem Weg zurück, ich habe heute auch die zehntausend Mark an Pepe übergeben und das restliche Geld ist hier«, sagte er und schob mir ein Briefkuvert über den Tisch. Ich machte es auf und zählte das Geld, nahm zehntausend Mark raus und gab sie ihm. Den Rest steckte ich in meine Tasche.
   »Hier, für die gute Zusammenarbeit. So, dann will ich mal wieder los. Halte die Ohren steif und bis später«, sagte ich und stand auf. Mir war klar, dass er es nicht mehr schaffen würde hier raus zu kommen.
   »Tschüss Wolfgang«, sagte ich beim weggehen, machte Michael noch ein Abschiedszeichen mit der Hand und ging raus.
   Die Strasse war relativ leer und ich schaute mich um, es war alles zu ruhig. Ich machte mich auf den Weg zur U-Bahn und beobachtete dabei jeden Hauseingang und jede Person. Konnte niemanden erkennen der mich verfolgt. Aber, das hatte nichts zu sagen, in diesem Bereich auf der Reeperbahn, braucht man nur an ein paar bestimmten Knotenpunkten jemanden zu postieren und immer nur melden, wenn die zu beobachtende Person daran vorbei geht. Man konnte erst bemerken dass man verfolgt wird, wenn man die Reeperbahn verlässt. Also fuhr ich mit der U-Bahn zur Mönckebergstrasse. Dann bin ich langsam Richtung Rathaus gegangen, habe mir immer wieder die Schaufenster angesehen und mich dabei unauffällig umgesehen und siehe da, zwei Chinesen gingen die gleiche Richtung und sahen sich auch alle Schaufenster an. Gut wenn man seinen Gegner kennt, also sah ich auf meine Uhr und beschleunigte meinen Schritt, so als wenn ich noch einen Termin hätte. Da ich mich hier auskannte, hatte ich eine gute Chance sie abzuhängen. Ich ging runter zur Alster und hier ins Alsterhaus, ein Kaufhaus mit verschiedenen Ausgängen. Gleich am Eingang, blieb ich stehen und tat so, als wenn ich jemanden suchen würde. Da sah ich sie auch schon im Laufschritt ankommen. Als sie mich sahen blieben sie abrupt stehen und taten so, als wenn sie was suchten.
   Ich ging durchs Kaufhaus zum Aufzug, stieg ein, und drückte auf den Knopf zur zweiten Etage, lief dann auf die andere Seite der Etage und fuhr mit diesem Fahrstuhl hier in die vierte Etage. Hier angekommen ging ich in die hinterste Ecke und setzte mich auf einen Stuhl an der Wand, von hier hatte ich beide Fahrstühle und das Treppenhaus im Blick. Es dauerte nicht lange und der Aufzug, mit dem ich gefahren bin, öffnete sich. Die beiden kamen aus dem Aufzug und sahen sich um. Ich bückte mich und tat so, als wenn ich mir, die Schuhe zubinden würde. Sie gingen schnell durch die Etage, auf den zweiten Aufzug zu, sie fühlten sich merklich unwohl in ihrer Haut. Diese Etage war für Frauen- und Kinderbekleidung. Am Aufzug angekommen überlegten sie es sich aber anders und gingen ins Treppenhaus um die Treppe zu benutzen. Ich sprang auf und lief zum Aufzug, fuhr ins Erdgeschoss hinunter und eilte auf den hinteren Eingang zu und verschwand nach draußen.
   Hier, auf der Straße war es dunkler als am Vordereingang des Kaufhauses. Ich lief bis zur nächsten Ecke, drehte mich um und sah zurück.
   Es gab keine Verfolger, also bog ich um die Ecke und machte mich auf dem Weg zur nächsten U-Bahn am Rödingsmarkt, von hier aus fuhr ich Richtung Langenhorn. Ich setzte mich mit dem Rücken an die Stirnwand des U-Bahnwagens und beobachtete, während der Fahrt, die Fahrgäste. Wer ein und aussteigt, ob man mich beobachtet oder ob jemand besonderes Interesse an mir zeigt. Auf der Fahrt nach Langenhorn bin ich mehrfach aus- und umgestiegen. Hier angekommen bin ich mit dem Bus weiter bis Norderstedt gefahren. Den Rest der Strecke, bin ich dann zu Fuß gegangen. Hier oben im Glasmoor war es so einsam, da würde jeder Verfolger auffallen, der Weg ging nur gerade aus und deshalb konnte ich sicher sein, dass keiner mehr hinter mir her war.
   Der Weg dauerte etwa dreißig Minuten, in dieser Zeit reifte so langsam die Idee in mir, wie ich mich  absetzten konnte. In drei Monaten erwartete mich Fu Ling wieder in Hamburg. Da mich seine Leute heute verloren hatten, wird er mit großer Sicherheit annehmen, dass ich sie mit Absicht abgehängt hatte. Er wird alles daran setzten mich schon vorher wieder aufzuspüren. Gleich morgen werde ich bei meiner alten Reederei anrufen und die bereits zugesagte Anmusterung kündigen. Dann werde ich mir eine neue Reederei suchen, eine die nicht in Hamburg ansässig ist und auf die man so schnell nicht kommt. Als Fahrtstrecke suche ich mir Irland aus. Es gibt eine kleine Reederei im alten Land die mit ihren Containerschiffen die Irlandtour fährt. Eine total abgefahrene Route, die Schiffe sind immer am Wochenende auf See, laufen morgens in die Häfen ein und sind am Abend schon wieder auf See. Eine richtige Knochentour und man hat keine Zeit an Land zu gehen.
   Auf diesen Routen kann man zwar viel Geld verdienen, aber man bekommt dabei auch leicht einen Koller. Immer nur auf dem Schiff und auch am Wochenende kein frei, die Zeit muss man nutzen um das Schiff in Ordnung zu halten. Hier würde mich bestimmt niemand suchen. Auf diesen Schiffen bekommt man alle drei Monate für einen Monat frei. Diese Freizeit werde ich bei meiner Frau verbringen und mit ihr in den Urlaub fahren. Das werde ich ein Jahr lang machen und dann weiter sehen.
   Dadurch bin ich nicht zu weit vom Geschehen auf der Reeperbahn weg und bekomme noch alles mit was hier passiert. Damit, dass ich mich direkt vor seiner Haustür aufhalte und sie auch noch beobachte, rechnet Fu Ling bestimmt nicht.

Sardinien

G
»uten Morgen mein Schatz«, hörte ich eine liebevolle Stimme sagen und ich spürte einen zauberhaften Kuss auf meinen Lippen. Ich räkelte mich und wollte die Augen nicht aufmachen. Ich hatte einen sehr unruhigen Schlag gehabt, dass geht mit immer so wenn mich die Vergangenheit einholt.
   »Aufwachen! Du Faulpelz, es gibt heute viel zu tun. Betti kommt gleich mit den Hunden«, sagte Eva zu mir. Das war der Auslöser für mich die Augen zu öffnen und in den Sonnenaufgang zu blinzeln.
   »Guten Morgen mein Liebes«, sagte ich lächelnd zu ihr. Nahm sie in den Arm und gab ihr noch einen Kuss, bevor ich aus dem Bett sprang.
   »Bin gleich fertig«, sagte ich auf dem Weg ins Bad. Wir setzten uns danach auf die Terrasse und frühstückten.
   »Hast du gut geschlafen?«, fragte ich Eva, während ich mein Ei aufschlug.
   »Ja, es geht. Wie ist es denn heute Nacht bei euch gelaufen?«
   »Ganz gut, die beiden wurden von Luciano abgeholt und ins Gefängnishospital gebracht. Dort bleiben sie erst einmal eine Zeitlang bis sie genesen sind und werden dann verurteilt.«
   »Das ist gut so«, sagte sie kauend.
   Wir waren gerade fertig, da hörten wir schon das Auto von Betti kommen. Wir gingen ums Haus und ihr entgegen. Blacky kam schon vom Stall herübergelaufen und stellte sich neben uns. Betti bremste vor dem Eingang und stieg aus.
   »Einen wunderbaren guten Morgen ihr beiden... «, sagte sie fröhlich; »… was hört man im Dorf? Ihr habt ein paar Fieslingen das Handwerk gelegt, schön, schön«, fuhr sie weiter fort und ging an die Heckklappe des Geländewagens.
   »So, hier kommt euer Nachwuchs, neugierig und voller Tatendrang«, sagte sie und öffnete die Heckklappe. Curly und Tamo sprangen vom Wagen und sahen sich um. Blacky blieb still sitzen, spitzte aber die Ohren und schaute sie interessiert an. Betti kam zu uns und begrüßte Blacky, was dieser schwanzwedelnd erwiderte. Dann rief sie die beiden anderen zu sich und stellte die drei sich gegenseitig vor. Sie machte es sehr einfühlsam und keines der Tiere fühlte sich bevorzugt oder benachteiligt.
   »So, jetzt müssen sie nur noch euch kennenlernen und als Rudelführer akzeptieren lernen... «, sagte sie zu uns. Wir absolvierten nach Angaben von Betti die Gewöhnungsübungen und es klappte alles wunderbar.
Dann entließ ich die drei zum Spielen. Alle drei rasten um die Wette ums Haus herum um die Gegend zu erkunden.
   »Na, das ging aber schnell mit den Dreien«, sagte Betti zufrieden und wir trafen uns wieder vor dem Haus.
   »Komm doch noch auf einen Kaffee auf die Terrasse«, sagte Eva zu ihr.
   »Ja, gern«, sagte sie zu und wir gingen ums Haus herum. Kaum saßen wir auf der Terrasse kamen auch Pit und Josef zu uns, wir stellten sie Betti vor und Eva goss uns allen einen Kaffee ein.
   »Da haben sie ja ein paar tolle Hunde gebracht... «, sagte Pit zu Betti; »... ich weiß wovon ich rede, meine Eltern hatten auch eine Hundezucht«, erklärte er ihr.
   »Ja, dass sind sie. Ich gebe mir auch viel Mühe die Kunden zufrieden zu stellen und die Tiere richtig auszubilden«, sagte sie zu ihm und zu uns gewand.
   »Jetzt müsst ihr mit ihnen noch arbeiten, aber das kennt ihr ja. Die Abnabelung scheint ja schneller geklappt zu haben als ich dachte. Wenn ihr dabei Hilfe braucht, ruft mich an, aber so wie es aussieht klappt es diesmal ja auch ohne mich. Ihr habt ja Blacky zur Unterstützung da«, sagte sie lachend. In diesem Moment rasten die drei Hunde an der Terrasse vorbei. Eva lachte.
   »Ja, die scheinen sich gesucht und gefunden zu haben. Aber Betti, dass es so gut geklappt hat liegt nur an deiner Art mit den Tieren zu arbeiten«, Wir unterhielten uns noch über ein paar Anekdoten die Betti mit Kunden und ihren Tieren erlebt hatte und tranken unseren Kaffee aus.
   »So, jetzt muss ich aber wieder los, es gibt noch viel zu tun. Ihr habt ja meinen ganzen Zeitplan mit der Bestellung der beiden durcheinander gebracht«, sagte sie lächelnd und stand auf.
   »Ciao und noch einen schönen Tag«, grüßte sie in die Runde und ging zum Auto. Eva stand auch auf und begleitete sie.
   »Kann ich euch noch etwas anbieten?«, fragte ich Pit und Josef.
   »Wenn du noch etwas Kaltes hättest, wäre es schön«, sagte Pit zu mir.
   »Na klar, ich hole eben was aus der Küche«, antwortete ich und ging hinein. In der Küche hörte ich Betti wegfahren und ging dann, mit einer Karaffe Fruchtsaft, Eiswasser und vier Gläsern, zurück auf die Terrasse.
   »So, hier kommt was Kaltes«, sagte ich, verteilte die Gläser und füllte sie.
   »Schatz, möchtest du auch einen Schlehensaft?«
   »Oh ja, gern. Der schmeckt sehr lecker und löscht den Durst.« Wir setzten uns hin und ich wandte mich an Pit und Josef.
   »Unsere weitern Abläufe sehen wie folgt aus: Ich werde Manfred informieren, dass er ein technisches Team in die Wohnung der beiden Gauner schickt und das Telefon verkabeln lässt. Dann sollte der Komlei Track Nord und der Komlei Bus nach Berlin gefahren werden. Wir müssen heute Nachmittag nach Berlin fliegen um ab morgen Früh in der Wohnung auf den Anruf zu warten.«

   Unser Unternehmen verfügt über zwei Komlei Tracks. Komlei bedeutet Kommunikations-, und Leitstellen Fahrzeug. Jeweils einer steht im Norden und im Süden von Europa. Diese Tracks sind bestückt mit einer Kommunikationseinheit, Autos und Motorrädern. Dazu gibt es noch zwei Komlei Busse, die als reine Kommunikations-, und Leitstellen direkt vor Ort eingesetzt werden. Diese Fahrzeuge haben eine feste Besatzung von sechs Personen und können im Ernstfall auf das Doppelte aufgestockt werden. Die Tracks bewegen sich immer außerhalb von Ortschaften auf Autobahnen und sind immer in Bewegung. Die Busse werden in Städten oder Ortschaften eingesetzt, gerade da wo sie gebraucht werden. Die Tracks haben, in voller Besetzung, drei Fahrer die in der Fahrerkabine Platz haben. Diese Kabine besitzt ein Bett, einen eigenen Kühlschrank, eine Mikrowelle, einen Computer und eine direkte Verbindung in den Trailer. Die Seitenwände des Trailers sind mit Kevlar ausgeschäumt und somit kugelsicher bis zu einem Kalieber von neun Millimeter. Im vorderen Bereich des Trailers stehen zwei Tische mit Computern, die mit jeweils einer Person besetzt werden kann. An den Seitenwänden hängen große Flatscreen Bildschirme, die über die Außenkameras das Außenbild projizieren. So dass man das Gefühl hat durch ein Fenster nach draußen zu sehen. Auf diese Bildschirme kann man auch Computer- und Fernsehbilder aufschalten. Dann gibt es noch einen Wohn- und Schlafbereich ausgestattet mit Küche, Toilette und Dusche. Der Wasser- und Essensvorrat, sowie die Abwassertanks befinden sich im Boden-bereich. Im hinteren Bereich stehen Autos und Motorräder auf zwei Etagen, die über einer Heckklappe herausgefahren werden können.
   Die Komlei Busse haben nur den Kommunikationsbereich, der ist aber größer als im Track. Aber ansonsten hat er die gleiche Ausstattung und den gleichen Schutz wie die Tracks.
   »Gut, dann packen wir schon mal alles zusammen und gehen noch eine Runde schwimmen, wenn du uns nicht mehr brauchst«, sagte Pit.
   »Nein. Ich habe nichts mehr für euch. Bis zum Mittagessen um dreizehn Uhr habt ihr Zeit«, sagte ich. Sie standen auf und gingen ins Gästehaus hinüber um alles fertig zu machen.
   »Schade, dass du wieder weg musst«, sagte Eva.
   »Wann meinst du denn kommst du wieder zurück?«, fragte sie mich.
   »Wenn alles gut läuft bin ich übermorgen wieder hier. Ab morgen erwarten wir ja den Anruf des großen Unbekannten, mal sehen was dabei rauskommt«, sagte ich zu ihr.
   »Passt bitte auf euch auf und geht keine Risiken ein«, sagte sie mit Sorge in der Stimme.
   »Das machen wir bestimmt. Jetzt rufe ich noch Manfred an um alles weitere zu besprechen«, erklärte ich ihr und nahm das Handy um die Nummer von Manfred zu wählen.
   »Ja«, meldete er sich.
   »Hallo Manfred, hier ist Carlo.«
   »Hallo Carlo, guten Tag. Da ist ja gestern alles gut gelaufen«, sagte er. Das konnte er deshalb so genau wissen, weil unsere Männer, wie die Einsatzkräfte der Armee, immer mit der Führungsspitze in Verbindung stehen. Alles was sie tun oder sagen wird über Satellit zur Leitzentrale gesendet und aufgezeichnet, Zwecks späterer Dokumentation für Schulungen und eventueller Beweisführung.
   »Ja, das hat gut geklappt. Aber die beiden haben ein paar Informationen preisgegeben. Zum Beispiel, das sich morgen ihr Auftraggeber bei ihnen zu Hause meldet.«
   »Gut, dann sollten wir also da weitermachen?«, fragte er.
   »Ja, Pit, Josef und ich fliegen heute Nachmittag nach Berlin. Sei so gut und schicke uns den Hubschrauber um fünfzehn Uhr her damit er uns nach Cagliari fliegt, hier brauchen wir den Learjet um nach Berlin zu fliegen.«
   »Gut, ich werde den Learjet gleich nach Cagliari ordern, zurzeit steht er in Rom. Der Heli steht ja noch in Cagliari auf dem Flugplatz«, sagte er.
   »Dann muss noch ein technisches Team in die Wohnung geschickt werde um das Telfon anzuzapfen.
   Die Wohnung ist in der Steinstrasse 22 in Berlin-Tegel. Vielleicht haben wir ja die Möglichkeit herauszufinden, woher der Anruf kommt.«
   »Ja, das geht schnell, wir haben ja in Berlin immer mehrere Teams stehen. Die sind in einer Stunde in der Wohnung«, kam die Antwort von Manfred.
   »Dann lass uns noch einen Wagen an den Flughafen bringen, wir fahren selbst. Am liebsten wäre mir der Subaru Legacy 3.0.«
   »Ja, den Wagen haben wir da.«
   »Noch etwas, das Team soll, wenn es in die Wohnung geht sehr vorsichtig sein. Die sind Profis, sie haben ihr Domizil mit Sicherheit gut geschützt.«
   »Ja, die haben sehr viel Erfahrung. Wenn ich mal hochrechne, seid ihr etwa um zwanzig Uhr in der Wohnung. Dann ist das technische Team schon weg und ich gebe euch im Auto einen Bericht was sie gefunden haben.«
   »Gut, dann bis heute Abend«, sagte ich.
   »Ja, und viele liebe Grüßen an Eva.«
   »Ja, richte ich aus. Tschüss«, sagte ich noch und unterbrach die Verbindung.    
   »Schatz, ich soll dich von Manfred ganz lieb grüßen«, sagte ich zu ihr.
   »Ja, danke dir«, bedankte sie sich bei mir und machte ein bekümmertes Gesicht.
   »Komm Liebes. Lass uns noch ein wenig mit den Hunden arbeiten bis zum Mittagessen«, sofort war sie Feuer und Flamme und wir gingen ums Haus herum zum Stall in der Annahme, dass sie dort waren. Und richtig, sie lagen in der Sonne und ruhten sich von ihrer wilden Jagd aus. Als Blacky uns kommen sah, stand er auf und die beiden folgten ihm. Alls drei standen Schulter an Schulter da und wartete auf einen Befehl.
   »Oh, das sind schöne Tiere die uns Betti da gegeben hat«, sagte Eva voller Freude in der Stimme. Ich stimmte ihr zu, so wie sie da standen gaben sie ein tolles Bild ab. Wir arbeiteten, spielten und tobten mit den Tieren noch eine ganze Zeit herum. Entließen sie dann und gingen zurück zum Haus um uns auf das Mittagessen vorzubereiten. Dann musste ich ja auch noch meine Sachen packen.
   Es war dreizehn Uhr als wir uns alle wieder auf der Terrasse zum Essen trafen. Anna hatte gekocht und Eva servierte uns die Speisen. Wir sprachen über das warme Meer und wie schön es ist hier zu leben.
   Über die Hunde und unsere Pferde die sich Pit und Josef angesehen hatten. Als wir fertig waren tranken wir einen Espresso und dann unterhielten wir uns auch über den weiteren Tagesablauf.
   »Wir werden etwa um zwanzig Uhr heute Abend in Berlin sein und uns in die Wohnung der beiden Typen aus Sardinien einquartieren. Ein Techniker Team hat bis dahin die Wohnung schon untersucht und eventuelle Zugangssicherungen ausgeschaltet. Genauen Bericht bekommen wir in Berlin auf dem Weg zur Wohnung.«
   »Gut, das Berliner Team kenne ich... «, sagte Pit; »... die sind sehr gut und haben bis jetzt noch alles gefunden was uns Sorgen machen könnte.«
   »Ja, die sind so vorsichtig, dass es mir sogar manchmal etwas übertrieben vorkommt«, meldete sich auch Josef zu Wort.
   »Aber bei denen ist eben noch nichts passiert.«
   »Gut, wer von euch fährt den Wagen in Berlin?«, fragte ich die beiden.
   »Das mache ich, kenne mich in Berlin am besten aus«, sagte Josef gleich. Da hörten wir schon das leise Blop Blop Blop des Helikopters. Wir standen auf und holten unser Gepäck. Ich ging ins Wohnzimmer in dem Eva war und nahm sie in den Arm.
   »Tschüss Schatz, bis übermorgen, wir telefonieren«, sagte ich zu ihr und gab ihr einen Kuss. Dann ging ich hinaus und sah den Hubschrauber schon über den Berg kommen und landen. Es war eine Augusta A109, die hatte Platz für secs Passagiere, also ausreichend für uns und unser Gepäck. Wir stiegen ein und ich winkte Eva noch einmal zu, während der Heli abhob und Richtung Cagliari flog. Die Augusta flog eine Reise-geschwindigkeit von hundertfünfundneunzig Stundenkilometer und so waren wir in fünfzehn Minuten in der Hauptstadt am Flughafen. Wir wurden schon von einem Runwaytaxi erwartet, das uns zum Learjet fuhr. Es war eine Learjet 60, mit einer Höchstgeschwindigkeit von achthundert Stundenkilometer, sie konnte acht Passagiere mitnehmen.
   Die Reichweite war viertausendzweihundert Kilometer. Damit konnte man locker nonstop nach Berlin fliegen und bei der Geschwindigkeit war die Strecke in gut drei Stunden zu schaffen. Wir stiegen ein und setzten uns auf unsere Plätze. Die Tür zum Cockpit war offen und ich sah die beiden Piloten an den Instrumenten arbeiten. Dann erhob sich der rechte Pilot und kam nach hinten.
   »Guten Tag Chef. Guten Tag meine Herren. Mein Name ist Biel und mein Copilot ist Herr Sommer. Wir starten in zehn Minuten und haben freie Flugstrecke bis Berlin.
   Ansonsten kennen sie sich ja aus an Bord, ist ja ihre Maschine«, sagte er lächelnd zu mir. Ich kannte die beiden natürlich, er hatte sich und seinen Copiloten nur Pit und Josef vorgestellt, es waren nicht die gleichen Piloten, die beiden hergebracht hatten. Wir hatten drei Maschinen von diesem Typ bei uns in der Firma, da kennt man natürlich seine Piloten.
   »Ja, danke Herr Biel. Wir melden uns, wenn etwas unklar ist«, antwortete ich ihm. Er drehte sich um und ging nach vorne, ließ die Tür auf und unterhielt sich mit seinem Copiloten und arbeitete weiter. Nach noch nicht ganz zehn Minuten kam die Durchsage.
   »Wir starten jetzt. Bitte legen sie ihre Gurte an«, sagte der Copilot über Funk. Es wurden die Triebwerke angelassen und wir rollten zum Runway. Es kam noch eine Maschine rein und dann heulten die Triebwerke auf und wir rollten immer schneller über den Runway, bis wir abhoben. Es war ein ganz anderes Gefühl mit einem Learjet zu fliegen als mit den großen Passagiermaschinen, man war viel direkter dabei. Das Fahrwerk wurde eingezogen und wir stiegen bis zur Reiseflughöhe, hier wurden die Triebwerke etwas gedrosselt und es wurde ruhiger im Flugzeug und die Anschnalllampe erlosch. Ich stand auf, was man so aufstehen nennen konnte, man musste etwas gebückt gehen und ging ins Heck um etwas zu trinken zu holen.
   »Wollt ihr auch etwas zu trinken haben«, fragte ich Pit und Josef.
   »Ja, ich hätte gern ein Wasser«, sagte Pit
   »Und ich einen Orangensaft«, antwortete Josef mir. Ich stellte alles zusammen und brachte es den beiden, ganz wie es sich für einen Gastgeber gehörte.

   Wir flogen schon übers Mittelmeer und man konnte das Meer blau schimmernd unter uns sehen. Es war ein traumhafter Tag mit viel Sonne. Da für Berlin schon alles organisiert war, entspannte ich mich etwas und ließ meine Gedanken abschweifen, zurück in die Vergangenheit, zum „Schwarzen Kater” und zu Wolfgang. 

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